Von Heiko Sonnleitner-Seegmüller
VORTRAG Franz Wassermann referierte über die Frauenbilder im Nibelungenlied
"Meine Damen und Herren, ich bedanke mich, dass sie nur ganz mäßig gegähnt haben" - mit diesem Satz schloss Professor Franz Wassermann seinen Vortrag mit dem Titel "Drüwwe in Worms uff de Trepp - Frauenbilder im Nibelungenlied" in den Räumen des Lorscher Museums.
Der Titel spielt auf die Begebenheit auf der Domtreppe im Nibelungenlied an, als Kriemhild Brünhild bezichtigte, Beischlaf mit Sigfried gehabt zu haben. Auf diese Szene baut die Handlung des weltbekannten Werks auf. Nach einem Überblick über den Aufbau des Nibelungenlieds trug der Referent zunächst einen kurzen Abriss der Handlung vor. Er erzählte von Sigfrieds und Grimhilds Treffen und besprach den Dreikampf zwischen Gunter und Brünhild: Letztere wollte eigentlich die Männer von sich fernhalten und stellte zu diesem Zweck besondere Regeln auf. Da sich Brünhild ihrer Stärke bewusst war, sagte sie, dass sie nur den Mann heiraten werde, der sie in diesem Dreikampf besiegen würde. Mit der Hilfe von Sigfried und seiner Tarnkappe schaffte es Gunter schließlich. In der Hochzeitsnacht trat Sigfried nochmals in Erscheinung und bändigte Brünhild. Gunter vollzog den Beischlaf und Sigfried nahm einen Gürtel und einen Ring als Zeichen seines Triumphes mit. Diese Dinge schenkte er Kriemhild, und auf der Treppe kam es dann zur Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen.
Kriemhild zeigte Brünhild Gürtel und Ring, bezichtigte Brünhild gleichzeitig des Beischlafs mit Sigfried und brachte so die Geschichte ins Rollen. Brünhild bringt Hagen anschließend dazu, Sigfried zu töten. Den Trick hierfür, denn Sigfried war schließlich in Drachenblut gebadet und daher unverletzbar, erfuhr Hagen von Kriemhild. Nachdem Hagen Sigfried getötet hatte, wollte Kriemhild Rache. Jahre vergingen und irgendwann traf sie Etzel, der sie ehelichte. Der Rest der Geschichte besteht aus einem Blutbad, für den Kriemhild Erfüllungsgehilfen benutzte. Nur dem Mörder ihres Mannes, Hagen, schlug sie mit Sigfrieds Schwert eigenhändig den Kopf ab. Dies führte schließlich dazu, dass sie selbst getötet wurde.
Der Referent merkte an, dass das Nibelungenlied ein sehr pessimistisches Stück sei, mit einem pessimistischen Ende. Darin würde Gnadenlosigkeit gezeigt, und auch am Ende würde das Werk nicht in Gnade aufgelöst werden. Wassermann stellte fest, dass Kriemhild und Brünhild im Nibelungenlied gleichberechtigt seien. Kriemhild sei in einer hochidealisierten Liebeskultur erzogen worden. Auch die Heirat mit Sigfried sei eine Liebesheirat gewesen. Sie würde in diesem Werk zunächst nicht agieren, sondern immer nur reagieren. Dies ändere sich nach Sigfrieds Ermordung. Zunächst würde Brünhild handeln. Später im Lied, so der Referent, sei sie aber dem damaligen Frauenbild ähnlich. Während sie zunächst fair gewesen sei, ändere sich dies zu jenem Zeitpunkt, als sie sich wie eine "normale" Frau verhielt.
Wassermann analysierte genau die Rolle, die die Frauen im Nibelungenlied spielen und darstellen. Er verlor sich aber nicht in extremen Details, so dass der Vortrag auch für einen Laien gut verständlich war. "Ich habe nur eines für den Vortrag auferlegt bekommen. Er müsse humorvoll sein", verkündete der Referent zu Beginn. Und daran hielt sich Wassermann. "Die muss schon eine ganz schön pfiffige Puppe gewesen sein" oder "Brünhild ist eine domestizierte Amazone" waren nur zwei von vielen Bemerkungen, über die die Gästen schmunzeln konnten.
Mit seinem Vortrag bewies Wassermann, dass Wissenschaft und Wissen nicht ernst sein muss. Wissensvermittlung kann, wie der Referent zeigte, durchaus kurzweilig sein.
