Obama und eBay werden zitiert
20.09.2011 - MANNHEIM
Von Helmut Orpel
AUSSTELLUNG Galerie Friedrich Kasten in Mannheim eröffnet Herbstsaison mit „Urban Art“
Die Ausstellung „Urban Art“, mit der die Mannheimer Galerie Friedrich Kasten die Herbstsaison eröffnet, mutet auf den ersten Blick wie ein Rückblick auf die Kunst der 60er Jahre an. Plakative, farbintensive Arbeiten sieht man da. Dennoch sind die ausgestellten Druckgrafiken keine Repliken von Werken längst vergangener Zeiten, es sind Bilder von Künstlern im Alter zwischen 35 und 45 Jahren, deren stark grafisch akzentuierte Blätter in den USA und Großbritannien inzwischen zu begehrten Sammlerobjekten geworden sind. Die Ähnlichkeit mit Vorbildern wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Roy Lichtenstein ist nicht nur rein zufällig, sondern gewollt. Dennoch handelt es sich bei diesen Künstlergrafiken, zumeist Siebdrucke, nicht um Plagiate, sondern um gekennzeichnete Zitate, die Aussagekraft besitzen.
Die Kunstwerke, die Friedrich Kasten, einem Ausstellungstitel des Londoner Victoria & Albert Museum gemäß, unter dem Oberbegriff Urban Art zusammengefasst hat, stammen wie ihre Vorbilder zum größten Teil aus den USA oder Großbritannien. Die Anspielung auf bekannte Werke berühmter Künstler nimmt hier den Charakter eines Bekenntnisses an, zum Beispiel die Übernahme von Robert Indianas berühmtem Love-Logo, das mit den Buchstaben „Fake“ - also Fälschung - nachempfunden ist. Kritik an den Marktmechanismen und der Vermarktung von Kunst ist zwischen den Zeilen zu lesen: „Too much Art will kill you“ (Zu viel Kunst tötet Dich) steht da in bunten Blockbuchstaben, deren Farben an die bekannten eBay-Seiten erinnern, auf einem Siebdruck von Simon Thompson.
Der Siebdruck ist eine Art Schablonendruck, bei dem auf feinmaschigen Netzen einzelne Farbschablonen entstehen, die dann übereinander gedruckt werden. Ursprünglich wurde dieses Verfahren beim Werbeplakat verwendet. Durch die Pop-Art wurde es auch in der Kunst hoffähig und auch die Urban Art nutzt diese Technik. So Shepard Fairey, indem er längst aus der Mode gekommenes Design wiederbelebt. Faireys Biografie ist typisch für die ganze Generation der Urban Art Künstler. Er wurde 1970 in South Carolina geboren und kam über die Street Art zur Kunst. Kunst im öffentlichen Raum stellt eine Verbindung zwischen Plakaten, Aufklebern und Graffiti her. Das Bild muss unmittelbar auf den Betrachter wirken, wobei zu berücksichtigen ist, dass der Urban-Art-Künstler Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft anspricht, die zufällig durch die Straßen gehen, wo seine „Graffitis“ zu sehen sind. Die Übergänge zwischen Siebdruck und Graffiti sind fließend, weil beide Verfahren miteinander verwandt sind. Auch der Graffiti-Künstler arbeitet mit Schablonen. Auf diese Weise verschwimmen die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Funktionen der Kunst. Die meisten Urban-Art-Künstler haben ein Studium hinter sich. Biografien wie die Jean-Michel Basquiats, der als einfacher Einwanderer in den 80er Jahren zu einem berühmten Graffiti-Künstler wurde, sind unter den Urban-Art-Künstlern selten. Sie entstammen der Mittelschicht und sehen in der Pop-Art ihre Wurzeln.
„Was mit Andy Warhols Factory, in der unterschiedliche Künstler gemeinsam an einem Werk arbeiteten, begann, findet hier seine Fortsetzung. Bei Urban Art ist die Straße, der öffentliche Raum, die Stadt in den Schaffensprozess mit einbezogen“, so Galerist Friedrich Kasten. Er hat die Urban Art in Boston kennengelernt. Dort, im Institute of Contemporary Art gab es vor einigen Jahren bereits Ausstellungen zu diesem Thema. „Die Urban Art versteht sich als Kunst, die politische Statements abgibt“, so Kasten. Gerade bei Shepard Faireys Arbeiten wird dies deutlich - das „Hope“ (Hoffnung) eines Plakats für den Obama-Wahlkampf wird zu einem enttäuschten „Joke“ (Witz) in einer neueren Version.

