Die asiatische Verlockung

Aus dem Robert-Kölsch-Stadion nach Thailand: Torwart Timo Utecht hat von seinem Abenteuer in Thailand nach einem Jahr noch nicht genug.Fotos: Gutschalk / Utecht  Foto:

Viele sehnen sich in seinem Alter nach Sicherheit, einer festen Arbeitsanstellung. Timo Utecht dagegen hat sich kopfüber ins Abenteuer gestürzt und in diesem Jahr seine erste...

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LAMPERTHEIM. Viele sehnen sich in seinem Alter nach Sicherheit, einer festen Arbeitsanstellung. Timo Utecht dagegen hat sich kopfüber ins Abenteuer gestürzt und in diesem Jahr seine erste Saison als Torwart im Ausland absolviert. Der 23-Jährige spielte in Thailand für Bangkok Christian College, dem Farmteam des Erstligisten BEC Tero.

Aus dem Robert-Kölsch-Stadion nach Thailand: Torwart Timo Utecht hat von seinem Abenteuer in Thailand nach einem Jahr noch nicht genug.Fotos: Gutschalk / Utecht  Foto:

Über Bürstadt, Worms und Mannheim in eine fremde Welt

Nach Stationen in Deutschland beim VfR Bürstadt, Regionalligaeinsätzen bei Wormatia Worms und einem Engagement beim VfR Mannheim hat Utecht den Sprung gewagt. „Es war schon immer mein Traum, im Ausland zu spielen und fremde Länder und Kulturen kennenzulernen“, sagt Utecht. Als der Kontakt nach Thailand zustande kam, musste der Keeper allerdings einen Moment überlegen. Bei Probetrainings in Schweden und Irland ist es zuvor nicht zu einem Vertragsabschluss gekommen. Nun also direkt in eine andere Welt eintauchen? Aber die asiatische Verlockung war zu groß, um ihr zu widerstehen. „Ich wollte diesen Schritt auch machen, um mal aus der deutschen Sturheit herauszukommen.“

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Einfach war es nicht, in Thailand einen Klub zu finden. Vier Europäer dürfen in jedem Verein maximal spielen, die Planstellen werden meistens an Offensivkräfte vergeben. „Die Leute sehen hier kaum, dass auch Torhüter wichtig sein können. Sie wollen im Stadion lieber bei einem 5:4 als bei einem 1:0 dabei sein“, so Utecht. Der Kontakt nach Bangkok kam durch einen Bekannten zustande, der in Thailand repräsentative Aufgaben für den FC Bayern München übernimmt. „Ohne ihn wäre es wohl unmöglich gewesen, einen Verein zu finden.“

Das Niveau in den Ligen ist schwer mit Spielen in Deutschland zu vergleichen. „Durch die hohen Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit kann man beispielsweise gar nicht 90 Minuten lang Pressing spielen.“ Utecht stand hinter einem „jungen, talentierten Team“ im Kasten, wobei seine Vorderleute in der Abwehr manchmal aber doch „etwas konfus“ agierten.

Den Schritt zu wagen, hat Timo Utecht nicht bereut. Es gab viele in der Heimat, die ihn gefördert und unterstützt haben. „Vor allem möchte ich mich bei meiner Familie bedanken“, so Utecht. Vor Ort selbst stimmte für das Rundum-Paket auch die Unterstützung und Betreuung des Klubs. Nie gab es Probleme mit Visa, das Gehalt wurde stets pünktlich überwiesen – nicht zwingend üblich für die Region. Seinen eigentlich 24 Monate laufenden Vertrag hat Utecht mit dem Ende dieser Saison dennoch aufgelöst. Aus sportlichen Gründen: „Ich will mehr erreichen und mich verbessern.“

Wie weit weg man vom deutschen Fußball in Thailand ist, zeigt ein Blick auf den Spielplan. Von einem geregelten Rhythmus mit zwei oder drei Spielen pro Woche kann keine Rede sein. Eigentlich läuft die Saison von Januar bis November. Bei zwei Regenzeiten fallen die Spiele allerdings flach, auch beim Songkran-Fest ruht der Spielbetrieb. So gibt es Wochen ohne Fußball, dann wieder werden die Spiele im kompakten Abstand nachgeholt.

Für seine erste Saison in Thailand hatte sich Utecht ein äußerst ungewöhnliches Jahr ausgesucht. Nach seinem Tod am 13. Oktober 2016 wurde König Bhumibol Adulyadej nach einer verordneten Staatstrauer von einem Jahr am 26. Oktober im Rahmen einer fünftägigen Trauerzeremonie eingeäschert. Es war der Moment, an dem Bangkok für ein paar Tage stillstand. „Das hat alles überstrahlt, es war fast ein wenig beängstigend“, so Timo Utecht. Das sonst florierende Leben war wie eingefroren, die Bars geschlossen, das ganze Land trug schwarz.

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Jetzt genießt Utecht das Gefühl, für ein paar Wochen wieder in Lampertheim bei der Familie zu sein. Und vor allem die Ruhe in Südhessen. Über acht Millionen Menschen leben in Bangkok, vor dem Haus von Utecht verlief eine sechsspurige Straße, dahinter war der zehnspurige Speedway. „Meine Wohnung war im 27. Stock, wenn unten aber ein Tuk Tuk gehupt hat, hatte ich das Gefühl, es steht direkt neben mir.“ Auf der anderen Seite konnte Utecht aber das pulsierende Leben in Thailand mit den niedrigen Lebenshaltungskosten genießen.

Wunsch nach deutscher Gründlichkeit in Thailand

„Komplett auswandern würde ich nie“, sagt Timo Utecht nach einem Jahr Thailand-Erfahrung. Das Gefühl, die deutsche Sturheit hinter sich zu lassen, hat gut getan. Wenn man allerdings zwei Stunden oder länger auf einen Handwerker warten muss und nicht weiß, ob er heute tatsächlich noch aufkreuzen wird, wünscht man sich aber doch ein bisschen deutsche Gründlichkeit zurück.

Im Moment steht Timo Utecht mit Teams aus Thailand und Singapur in Kontakt. Es sieht so aus, als könnte sich der Torwart bald wieder auf den Weg nach Asien machen. „In Deutschland würde man schon fast sagen können, dass alles klar wäre.“ In Asien läuft es zwar ein wenig anders. Genug hat Timo Utecht von seinem Abenteuer aber noch nicht.

Von Philipp Sémon