Büchners "Lenz" als Solostück in Gießen

Eine Bleistiftzeichnung, die den Dichter Georg Büchner zeigt.  Foto: dpa

Schauspieler Christian Fries feierte mit seiner Solo-Performance eine so konzentrierte wie überzeugende Premiere auf der taT-Studiobühne.

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GIESSEN. Es gibt Texte, die wie für die Bühne gemacht erscheinen - wenn man sie denn einmal gesprochen erleben kann. Christian Fries zeigt nun in Gießen, dass Georg Büchners berühmte Erzählung "Lenz" zu dieser Textgattung gehört. Mit seiner Solo-Performance feierte der Schauspieler und Regisseur am Sonntagabend eine so konzentrierte wie überzeugende Premiere auf der taT-Studiobühne.

Schwarze Wände, ein Mikrofon, ein (unbenutzter) Sessel, eine nahezu nackte Bühne: Der in T-Shirt und Jeans auftretende Christian Fries verlässt sich auf die Kraft des von ihm gesprochenen Wortes - und die daraus entstehenden Bilder in den Köpfen seines Publikums. Nur eine kleine Pfeife dient ihm dazu, den knapp 90-minütigen Abend mit kurzen improvisierten Zwischenstücken zu strukturieren und gleichzeitig das zerrüttete Seelenleben seiner Titelfigur in zumeist dissonante Töne zu übersetzen.

Es geht um den jungen Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Lenz, der im Jahr 1778 als Wanderer in den Vogesen unterwegs ist, wo er für einige Wochen bei dem sozial engagierten Pfarrer Oberlin unterkommt. Der Gastgeber fertigte später Aufzeichnungen zu dieser Begegnung an, die Georg Büchner (1813 - 1837) in die Finger bekam und für eine Erzählung nutzte. Das Textfragment fand sich im Nachlass des Schriftstellers und wird bis heute immer wieder auf den Theaterbühnen und im Film adaptiert.

Büchner schildert darin einen einsamen, an sich und der Welt verzweifelnden jungen Mann, dessen Verhaltensauffälligkeiten zunehmend besorgniserregende Züge annehmen. Er stürzt sich nachts in kaltes Brunnenwasser, erliegt religiösen Wahnvorstellungen und glaubt schließlich sogar, ein an einer Krankheit gestorbenes Mädchen wiederbeleben zu können. Pfarrer Oberlin kümmert sich rührend um diesen empfindsamen jungen Mann, ist aber dennoch nicht in der Lage, ihn aus seiner Seelenpein zu befreien.

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Davon handelt Büchners Prosafragment, das Christian Fries ohne Kürzungen im taT vorträgt. Und sein Auftritt sorgt für eine verblüffende Wirkung. Büchners Erzählung ist mit ihren komplexen, verschachtelten Satzstrukturen, den Lenz' Gemütsverfinsterung spiegelnde Naturschilderungen und vor allem dem mächtigen, wie ungezügelten Wortstrom durchaus keine eingängige Lektüre. Doch indem Fries auf der Bühne die Szenerien umschreibt, die verschiedenen Stimmen ordnend unterscheidet und vor allem den inneren Monolog des leidenden jungen Mannes in eine präzise klangliche Form bringt, erlaubt er dem Publikum einen intensiven Zugang zu diesem bedeutenden Text zu bekommen. Und so wird es viel einfacher, Lenz und seinen Wahnvorstellungen zu folgen, auch die seltenen komischen Stellen zu erfassen und gleichzeitig die ganze Tragik dieses traurigen Schicksals zu erfassen.

"Lenz" ist die Geschichte eines Mannes, der sich von Gott und der Welt verlassen glaubt. Und auch wenn über manche Szenerien dieser rund 200 Jahre alten Geschichte die Zeit hinweggegangen ist, so behält die Darstellung eines durchs Leben taumelnden, an seinem Überempfinden zugrunde gehenden Menschen doch zeitlose Aktualität. Die Kunst von Christian Fries ist es, dieses Phänomen anschaulich hör- und sichtbar zu machen.

Nächste Vorstellungen: 21. Dezember, 13. Januar.

Von Björn Gauges