Autor Adolf Muschg stellt beim Literarischen Herbst in...

Schalkhafte Erläuterungen begleiten seinen Vortrag: Adolf Muschg bei der Lesung in Darmstadt.  Foto: Dagmar Mendel  Foto: Dagmar Mendel

Noch bevor der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg am Dienstagabend seine Lesung beim „Literarischen Herbst“ in der Stadtkirche begann, zitierte Pfarrer Martin Schneider...

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DARMSTADT. Noch bevor der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg am Dienstagabend seine Lesung beim „Literarischen Herbst“ in der Stadtkirche begann, zitierte Pfarrer Martin Schneider aus „Der Weiße Freitag“: „Ich muss sterben. An einen medizinischen Befund gebunden, ist dies ein erschreckender Satz.“ Doch Schneider versicherte den vielen Zuhörern, dass dies kein schweres und dunkles Buch sei. „Es ist von erstaunlicher Leichtigkeit, frei von aller Eitelkeit und Exhibitionismus und ohne jede Larmoyanz.“

Kirchen-Akustik verstärkt den Hör-Spaß

In der sehr persönlichen Erzählung Muschgs verknüpft der versierte Goethe-Verehrer die zweite Schweizer Reise Goethes, in deren Verlauf dieser am „weißen Freitag“, dem 12. November 1779, partout mit seinem Dienstherrn Herzog Carl August und drei Begleitern den schneebedeckten Furka-Pass überschreiten will, mit seiner persönlichen Krankheitsgeschichte. Die beginnt mit einem blöden Sturz von der Schlafbodentreppe („Immer mehr gehöre ich zur Generation Tölpel“) und endet mit einer erneuten Krebsdiagnose. Als Krankenhauslektüre wählt der Autor just jene Reisebeschreibung Goethes, für Muschg ein „viel zu wenig beachtetes, einzigartiges Kunstwerk“, wie er am Dienstagabend betonte.

Der Schriftsteller eröffnete die Lesung klassisch mit dem Beginn des Buches. „Der Gletscher stürzte scheinbar unaufhaltsam von oben, die Klippen an seiner Stirn standen wie gefrorene Gischt“, grollte der Eröffnungssatz mit leicht schweizerischem Akzent in die Höhe des Chorraums. Die Akustik der Stadtkirche verstärkte noch den Hörspaß, denn Schneider sollte Recht behalten: die ausgewählten Textpassagen kreuz und quer durch das Buch offenbarten bei aller Ernsthaftigkeit des Themas einen heiteren Grundton, noch betont durch Muschgs schalkhafte Ergänzungen zum Gelesenen. Fünf Menschen quälen sich an diesem „weißen Freitag“ 1779 den Furka-Pass hoch, wobei der vierte dem fünften immer wieder weiterhelfen muss. „In demokratischer Umkehr der Statusverhältnisse am Berg“ ist es der Herzog, der seinen Diener unterstützt, merkte Muschg an.

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Als Reminiszenz an Darmstadt las Muschg auch die Passagen, in denen die regierende Herzogin von Sachsen-Weimar sich Gedanken über eine mögliche Schwiegertochter macht und ihr Blick auf die drei ledigen Töchter der Landgräfin von Hessen fällt. Die Landgräfin hat aus der Residenzstadt einen „kleinen Musenhof“ gemacht. „Allerdings: Die Musen leben frugal, denn Hessen-Darmstadt ist noch klammer als Weimar.“

Von Anke Mosch