„Der Astronom und die Hexe“

Ulinka RublackDer Astronom und die HexeDeutsch von Hainer Kober. Verlag Klett-Cotta in Stuttgart, 409 Seiten, 26 Euro.

Ulinka Rublack gelingt mit ihrem Buch eine kolossale Studie über Johannes Kepler und seine Zeit. Ein wissenschaftliches Werk, das lehrreich und lesbar zugleich ist.

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. Auf dem Folterplatz zeigt der Henker Katharina Kepler die Instrumente. Aber sie hat nichts zu gestehen und gibt auch nichts zu. Katharina Kepler ist mit ihren 73 Jahren eine alte Frau, zahnlos und zermürbt nach 14 Monaten Isolationshaft. Und doch gibt sie nicht auf. Ihr Sohn wird ihre Standhaftigkeit bewundert haben, so wie er ihr umgekehrt mit seiner Klugheit während des Prozesses beigestanden hat.

Ulinka RublackDer Astronom und die HexeDeutsch von Hainer Kober. Verlag Klett-Cotta in Stuttgart, 409 Seiten, 26 Euro.
In ihrem Geburtsort Eltingen, heute ein Stadtteil von Leonberg, wird Katharina Kepler mit einem Denkmal geehrt. Stilistisch kann man der Muschelkalk-Arbeit des Bildhauers Jakob Wilhelm Fehrle ihr Entstehungsjahr 1937 ansehen. Foto: Harke / Wikimedia Commons

Es ist der bestens dokumentierte Hexenprozess einer Zeit, die zerrissen ist zwischen Teufels- und Aberglauben, Glaubenskämpfen und erwachender wissenschaftlicher Neugier in Europa. Der Sohn ist ein Verteidiger der Letzteren und findet sich unerwartet im Dunstkreis von Vorurteil, Hexenglauben, Verfolgungswahn wieder. Es ist Johannes Kepler, zu seiner Zeit schon anerkannter Mathematiker und Astronom, Astrologe für den Kaiser und Psychologe lang vor Sigmund Freud. Die Mutter hatte ihrem ältesten Sohn einst eine gute Ausbildung ermöglicht. Johannes revanchiert sich später, indem er Verstand und Rhetorik zur Verteidigung seiner der Hexerei angeklagten Mutter einsetzt.

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Lehrreich und lesbar zugleich

Wie er lebt, arbeitet und im Prozess argumentiert, wie die alte Frau dieser jahrelang sich hinziehenden und zehrenden Anklage standhält, davon erzählt Ulinka Rublacks Buch „Der Astronom und die Hexe“. Weder Lore-Roman aus dem Mittelalter, wie der marktgängige Titel auch nahelegen könnte, noch simpler Schmöker: Ulinka Rublacks Sachbuch ist eine ambitioniert weitreichende und tiefgründige Darstellung von Lebensverhältnissen, Denkvorgängen und politischen Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts. Auf fast 500 Seiten führt die Historikerin ein volles Panorama an Sittengeschichte der frühen Neuzeit, detaillierte Aktenkenntnis von Hexenjagden und Hinrichtungen, Ursachenforschung für einen Volksglauben voller Angst und für ein pessimistisches Weltbild der Protestanten vor. Johannes Kepler wiederum ist positiv überzeugt vom göttlichen Wirken in der Natur und dem menschlichen Geist.

Zur Wahl ihres Themas erklärte Ulinka Rublack, dass sie sich für Kepler und seine Naturphilosophie im Verhältnis zu seiner Mutter und der Übernahme ihrer Verteidigung interessiere. „Dieses Buch wollte ich schon seit 20 Jahren schreiben“, sagte Rublack. Nun liegt es ja vor, und man staunt über die Akribie, mit der jedes Dokument des Kepler-Prozesses in die Hand genommen, dargelegt und ausgewertet wurde. Auch staunt man, wie alle gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse benannt und erklärt werden, über die kleinen Lokalitäten auf Katharina Keplers Lebensweg und die weitreichenden Stationen ihres Sohns, dessen Karriere so groß wie erhofft ist, aber doch nicht wird. So verfolgt der Leser, wie die gesamte Kepler’sche Familiengeschichten von Großvater bis Kindeskind aufgeblättert werden.

Wie funktioniert die Gerichtsbarkeit, wie verhalten sich beteiligte Personen, auf welch fruchtbaren Boden fallen Anschuldigung und Verleumdung, woraus setzt sich das Bild der Frau zusammen, zumal das einer alten? Diesen Fragen (und vielen mehr) geht die Autorin in allen ihr zur Verfügung stehenden Details nach. Aufgrund solcher Exkurse ist der Fortgang der Anklage gegen Katharina Kepler bis zu ihrem endgültigen Prozess immer wieder unterbrochen, was durch alle Sachkunde hindurch die Spannung ungemein erhöht, wie es denn nun Johannes Kepler gelingen mochte, seine Mutter vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Ein anderer Sohn hatte sie zu Anfang beschuldigt, Johannes, der Astronom, ist schließlich der Einzige, der sich bis zum Schluss für sie einsetzt. Auch aus eigenem Interesse, denn Sippenhaft war verbreitet und der eigene Ruf des Wissenschaftlers sollte ja auch keinen Schaden nehmen.

Ihre Geburtsstadt Eltingen hat Katharina Kepler ein Denkmal gesetzt: Sternwarten, Universitäten, Schulen und Straßen tragen den Namen ihres berühmten Sohns Johannes. Ulinka Rublack hat nun beiden gemeinsam ein wissenschaftliches Werk gewidmet, das, lehrreich und lesbar zugleich, eine große Leserschaft verdient.