„Ein Winter in Paris“

In seinem Buch „Ein Winter in Paris“ erzählt Jean-Philippe Blondel vom gnadenlosen Auslesedruck des französischen Schulsystems.

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. Der französische Autor Jean-Philippe Blondel gewinnt auch in Deutschland ein immer größeres Publikum. Dabei sind seine Bücher weder provokant noch laut, aber sie treffen auf ihre leise, zurückhaltende Art doch einen gesellschaftlichen Nerv. Sie offenbaren die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen, die Gefährdung, aber auch den tieferen Wert von Bindungen in einer oft mitleidlosen Welt.

In seinem Buch „Ein Winter in Paris“ seziert Blondel das typisch französische elitäre Auslesesystem. In den Vorbereitungsklassen werden Jugendliche in einem gnadenlosen Drill für die Aufnahmeprüfungen der Grandes Écoles präpariert, jene Top-Universitäten, aus denen das politische und wirtschaftliche Führungspersonal des Landes rekrutiert wird. Die Vorbereitungsklassen sind ein abgeschotteter Kosmos, in dem nur das Gesetz des Paukens, des Wettbewerbs und der Auslese gilt.

Zartfühlend, melancholisch, aber auch ermutigend

Es ist klar, dass ein solches System auch jede Menge Verlierer produziert. Der junge Victor scheint einer von ihnen zu sein. Zumindest ist er von Beginn an ein Außenseiter an der vornehmen Pariser Schule, an die er es zur Überraschung aller geschafft hat. Zum einen kommt er aus der Provinz. Zum anderen entstammt er, anders als die meisten seiner Mitschüler, nicht den besseren Kreisen. Weder Lehrer noch Kommilitonen geben Victor eine große Chance. Doch ausgerechnet er schafft es als Zwölfter von zwölf Auserwählten in das zweite Studienjahr. Seine Einsamkeit aber bleibt. Bis er eines Tages Mathieu aus der ersten Klasse trifft. Der schüchterne junge Mann kommt wie Victor aus der Provinz und ist ebenso isoliert. Doch noch ehe eine tiefere Freundschaft entstehen kann, geschieht ein grausames Unglück: Mathieu, Opfer eines sadistischen Lehrers, stürzt sich mitten in der Schule in den Tod.

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Der Selbstmord wird zum entscheidenden Schlüsselerlebnis für Victor. Einerseits verfolgt und traumatisiert ihn der Anblick des Toten. Andererseits ändert sich von nun an schlagartig seine Rolle in der Schule: Als einziger Freund des Toten wird er, der ungeliebte Außenseiter, plötzlich interessant. Paul Rialto, der Star der Schule, wirbt um seine Freundschaft, die Lehrer suchen sein Vertrauen, und Mathieus' trauernder Vater findet Trost in seiner Nähe.

Blondel hat einen zartfühlenden und melancholischen, letztlich jedoch auch ermutigenden Roman über einen jungen Menschen geschrieben, der über ein tragisches Erlebnis zu sich selbst findet. Die Verwirrung der Gefühle weiß er in allen Schattierungen meisterhaft zu schildern. Und man hat den Eindruck, dass dieser Victor auch einige autobiografische Züge trägt.

Nebenbei wirft der Roman ein grelles Licht auf das gnadenlose elitäre französische Bildungssystem, das den Selbstmord unter Druck quasi als Gütesiegel für die harte Schule akzeptiert. Diesem kaltschnäuzigen Darwinismus erteilt Blondel eine unmissverständliche Absage.

Von Sibylle Peine