Historiker Rüdiger Fuchs untersucht in Hessen und...

Das „sprechende“ Grabmal in der Darmstädter evangelischen Stadtkirche.Foto: Andreas Kelm  Foto: Andreas Kelm

Manchmal fühlt sich Dr. Rüdiger Fuchs wie ein Detektiv auf der Suche nach Hinweisen, nach einer neuen Spur. Wenn er wieder und wieder mithilfe von Lupe und Lämpchen eine...

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MAINZ. Manchmal fühlt sich Dr. Rüdiger Fuchs wie ein Detektiv auf der Suche nach Hinweisen, nach einer neuen Spur. Wenn er wieder und wieder mithilfe von Lupe und Lämpchen eine einzelne Inschrift betrachtet, sie zu entziffern und ihren Sinn zu ergründen versucht, muss er genau hinsehen – manchmal mehrere Stunden pro Tag, wochenlang. „Ich darf mich nicht zu tief hineinfinden, sonst werde ich nie fertig“, sagt er und lacht.

Das „sprechende“ Grabmal in der Darmstädter evangelischen Stadtkirche.Foto: Andreas Kelm  Foto: Andreas Kelm
Vier Meter hoch und voller Geschichte: die  Willigis-Tür am Nordportal des Mainzer Doms. Foto: Forschungsstelle „Die Deutschen Inschriften“ bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Fotograf: Christian Feist  Foto: Forschungsstelle „Die Deutschen Inschriften“ bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Fotograf: Christian Feist

Der Historiker beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Inschriften aller Art: auf Grabsteinen, auf Glocken, Gebäuden und Schatzkunst. Das alles ist Teil des Forschungsprojekts „Die deutschen Inschriften“, das seit mehr als 80 Jahren läuft. Bundesweit beteiligen sich sechs Akademien der Wissenschaften daran, sodass flächendeckend Inschriften untersucht werden können. 2030 wird das Projekt beendet sein, bis dahin möchte Fuchs aber gemeinsam mit seinen Mitarbeitern noch acht Bände voller Inschriften aus Städten und Landkreisen in Rheinland-Pfalz und Hessen herausbringen. „Jede Inschrift ist ein Unikat und birgt Geheimnisse – sei es zu den gesellschaftlichen Umständen oder zum Thema Religion“, sagt Fuchs, während er durch einen dicken Band voller Schriften aus Mainz blättert.

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Erkenntnisse über Personen und Zeitgeschichte

Schließlich steht er auf und geht zu einer Kopie einer Bronzetür aus dem Mainzer Dom. Vier Meter hoch sei sie, gefüllt mit rund 4500 Buchstaben, verschnörkelte Schrift, mittelalterliches Latein – die schwierigste Form. „Um 1009 wurde die Tür eingesetzt, damals stand nur etwas in alten, nahezu römischen Buchstaben auf dem Türrahmen, was auf Erzbischof Willigis zurückgeht. Um 1140 wurde der weitere Text hinzugefügt“, erklärt Fuchs. In aller Öffentlichkeit verkündete der damalige Erzbischof auf diese Weise, dass er als Zeichen seiner Dankbarkeit den Mainzer Bürgern das Privileg erteile, ihre Steuern in der Höhe zu zahlen, in der sie wollen. Auffällig sei, dass die Buchstaben zum wichtigsten Teil in der Mitte immer größer werden, sodass auch ein Laie sie gut lesen könne, sagt Fuchs. „Der Erzbischof hat so eine ganze Geschichte auf einer Doppeltür erzählt.“

Dass Fuchs Spaß an seiner Forschung hat, merkt man ihm sofort an. Begeistert berichtet er von Funden in der Region, von Tipps, die er und seine Mitarbeiter bekommen haben. „Als ich 1982 hier angefangen habe, startete ich mit Inschriften aus Worms. Spannend finde ich, dass sich aus ihnen über Personen und die Zeitgeschichte viel ablesen lässt.“

So auch bei einer Grabinschrift des Wormser Bischofs Johann von Dalberg, bei der der Einfluss der Renaissance erkennbar ist. Fuchs wollte mehr darüber erfahren und blieb an dem Thema dran. „Es war unbefriedigend, einfach nur zu sagen, es sei mehr Platz auf dem Grabstein und deswegen habe er neue Schriftarten verwendet. Nein, er interessierte sich sehr für römische Kunst, was er auch in die Gestaltung einfließen ließ. Außerdem wurden neue Schriften verwendet sowie der Sprachduktus verändert.“ Damit habe man Worms auch als einen „Brennpunkt der Modernisierung“ ausmachen können. Es seien vor allem alte Universitätsstädte wie Mainz und Heidelberg oder Fernhandelsstädte wie Frankfurt, in denen die Renaissance früh Einzug gehalten habe, erklärt Fuchs.

Revolutionärer Text in goldenen Lettern

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Ein weiteres Stück, das Fuchs nachhaltig beeindruckt hat, ist ein Denkmal in der Darmstädter evangelischen Stadtkirche. „Der absolute Hammer“, sagt er, während er eine Abbildung heraussucht. Statt eines üblichen Hochaltars finden Besucher dort nämlich im Chor das überlebensgroße Denkmal von Landgraf Georg und seiner Frau Magdalena. „In den Texten, die in goldener Schrift auf schwarzen Tafeln geschrieben sind, macht sich Georg zu einem geistlichen Anführer. Ein aufregendes Thema!“

Bis 2030 wollen die Forscher sich auf jeden Fall noch mit den Landkreisen Mainz-Bingen, Mayen-Koblenz, Cochem-Zell, Bernkastel-Wittlich, Limburg-Weilburg sowie den Städten Marburg, Frankfurt und Speyer beschäftigen. Ganz nach seinem Motto: „Zeig’ mir eine Inschrift und ich sag’ dir, wer du bist“, sagt Fuchs lachend.

Von Denise Frommeyer