Michel Houellebecq empfiehlt „Serotonin“

Der neue Roman des französischen Skandalautors und Goncourt-Preisträger ist zynisch, sexistisch und düster wie alle Werke des Autors – und erzählt von der Liebe.

Anzeige

. Am Anfang steht eine Abrechnung. Florent-Claude Labrouste, 46, Agraringenieur und Ich-Erzähler, hat ein Antidepressivum verschrieben bekommen. Es drückt auf seine Libido – der Mann ist temporär impotent. Kein guter Zustand für ihn selbst, aber auch nicht für andere. Denn der Dezimierte wütet gegen die Welt.

Die tägliche Tablette setzt das Hormon Serotonin frei. Es verhilft Labrouste, aus dem Bett zu kommen, sich zu waschen und den Tag zu bewältigen, es gibt auch heitere Phasen. Der Erfinder von Labrouste, Michel Houellebecq (62), war vor seiner Schriftstellerkarriere übrigens auch Agronom. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich verraten fühlt, festsitzend in „unerbittlicher Einsamkeit“. Houellebecq sieht darin das Drama der Männlichkeit im 21. Jahrhundert. Der europäische Mann sackt ab, er verliert rasant an Bedeutung.

Was fehlt, ist Liebe und die „Milliarden Muschis“, aber auch der Zugang zu einem Dieselauto von BMW. In Ermangelung besserer Möglichkeiten hält sich Labrouste in seinem Pariser Hochhaus eine japanische Geliebte, die er am liebsten aus dem Fenster werfen würde. Die 20 Jahre jüngere Luzu, die von seinem Geld lebt, ist im Escort-Bereich „auf dem Gebiet des Analverkehrs“ tätig und treibt es angeblich auch mit einem Hund.

Labrouste wird aber nicht übergriffig, er kündigt den Job und macht sich davon. Houellebecq, das wissen wir aus den letzten sechs Romanen, kennt keine frohen Zeitgenossen. Wie jedes Mal greift er auch in diesem Buch auf sein bewährtes Material zurück: Alkohol, Dekadenz, Depression, Frauenverachtung und Fellatio. Politisch ist alles übel, Macron gilt als „substanzloses Weichei“ und die EU ist nur noch eine „alte Schlampe“.

Anzeige

Liebe, so der Autor, sei für die Frau „eine schöpferische Kraft vom Rang eines Erdbebens“. Für den Mann zählt nur, dass er Liebe „durch den Phallus, Kern seines Seins“, fühlen könne. Hier kommen Philosophen zu Wort, von Plato über Kant, Schopenhauer und Heidegger bis zu französischen Denkern.

Zugleich giftet Houellebecq über die „Fettwülste“ von Frauen im fortgeschrittenen Alter, ihre „überflüssigen Brüste“ und bei alten Männern die „untätigen Schwänze“. Es sollte ihnen auf „ewig versagt“ sein, „das Feld der Sexualität noch einmal zu betreten“. Einzig Camille, Studentin der Veterinärmedizin, kann Labrouste noch lieben. Einst waren sie ein Paar, fünf Jahre lang, „so viel hatte ich sicherlich nicht verdient“. Die Entwicklung der Landwirtschaft in Frankreich gibt den Rahmen für den Roman. Sie ist trostlos, Umweltschützer sind nur „ahnungslose Blödmänner“ und die Genmanipulation läuft längst im großen Stil. Labroustes Studienfreund Aymeric, der in einem verfallenen Schloss lebt und Kühe züchtet, nimmt ihn mit in einen Protestzug, der Autobahnen blockiert. Dabei erschießt sich Aymeric mit einem deutschen Sturmgewehr vor den Augen der Bereitschaftspolizei. Er sei, so Houellebecq, „mit der Waffe in der Hand gestorben, um den französischen Bauernstand zu verteidigen“. Die Szenerie, die Houellebecq schildert, erinnert an jene, die in Frankreich seit Mitte November die „Gelbwesten“ inszenieren.

Einige Medien haben Houellebecq deshalb zum „Propheten der Gelbwesten“ gekürt und sehen in dem Buch eine Reaktion auf die französische Krise. In „Serotonin“ bestätigt Houellebecq jedenfalls sein wiederkehrendes Thema: die Konsequenzen einer von der globalen Wirtschaft bestimmten Welt. Und vielleicht sehnt sich Houellebecq wie seine Hauptfigur Labrouste nach der Liebe. Denn diesmal lässt er hinter dem desillusionierten Zyniker eine Romanfigur erscheinen, die mehr denn je an die wahre Liebe glaubt.