Rheingau Literatur Preis geht an Ingo Schulze

Nach Preisverleihung und Lesung folgte die Signatur: Ingo Schulze im Hotel Burg Schwarzenstein.  Foto: RLF/Ansgar Klostermann

Die ersten Prozentzahlen des gestrigen Wahlsonntags standen morgens schon fest - auf einem Tisch im Saal des Hotels Burg Schwarzenstein: 111 Flaschen Rheingau Riesling. Und wer...

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GEISENHEIM-JOHANNISBERG. Die ersten Prozentzahlen des gestrigen Wahlsonntags standen morgens schon fest - auf einem Tisch im Saal des Hotels Burg Schwarzenstein: 111 Flaschen Rheingau Riesling. Und wer die genießen darf, für den gibt es neben den Naturalien noch eine Schnapszahl : 11 111 Euro. Dieses attraktive Paket hat das Rheingau Literatur Festival auch zu seiner 25. Auflage geschnürt.

Ein Schelmenroman mit Skurrilität

Der Berliner Autor Ingo Schulze, vom bekennenden Rotwein- zum Weißweintrinker konvertiert, nahm beides gerne entgegen. Keine Stunde habe die Jury gebraucht, um sich auf ihn und seinen neuen Roman "Peter Holz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" zu verständigen, verrät Michael Herrmann den vielen Zuschauern der Preisverleihung in Johannisberg. Der Intendant des Rheingau Musik Festivals war Jury-Zaungast.

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Dass diese unter dem Vorsitz von Festival-Leiter Heiner Boehnke im Jubiläumsjahr einen Glücks-Griff getan hat, daran ließ auch Jurymitglied Wilfried Schoeller in seiner Laudatio keinen Zweifel. Ingo Schulze, Jahrgang 1962 und gebürtig aus Dresden, sei eine der dominanten Stimmen zur DDR - ohne Ostalgie, dafür aber mit untrüglichem Gespür für die Skurrilitäten des Alltags. Gegen eine Rechtfertigungsliteratur zur DDR setze er seine Sprachkunst, in der der Erzähler immer höchst präsent sei und jede Figur einen Sonderweg gehe.

In seinem Schelmenroman "Peter Holtz" schicke er einen Simplicissimus durch die deutschen Lande und die Ideologien, einen Tugendbold, der meine, an Karl Marx und Gott zu glauben, mache die Welt besser, und die Revolution von 1989 kommunistisch. Das Ganze sei "herausragende Prosa mit virtuoser Leichtigkeit". Ulrich Adolphs vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, das neben dem Rheingau Musik Festival und den literatur-affinen Besitzern von Burg Schwarzenstein Sponsor der Auszeichnung ist, freute sich über den "Kollateral-Nutzen" in Vertretung von Staatssekretär Ingmar Jung ("er ist wählen") und die Prozentzahlen auf dem Tisch. Sten Nadolny, ehemaliger Preisträger, habe exakt zweieinhalb Monate zur Vertilgung dieses Weinvorrats gebraucht.

Reiche Beute für Freunde und Kollegen

Ingo Schulze hatte bereits im Interview mit dieser Zeitung spekuliert, dass viele Freunde und Kollegen diese Auszeichnung genau verfolgen und wissen, wo er wohne. Er rechne nicht damit, dass die Naturalien ein halbes Jahr alt werden. Der Autor, der sich sichtlich darüber freute, dass seine Figur "Peter Holtz" hier so plastisch ins Leben andererer trete ("das ist das, von dem alle Autoren träumen"), ließ das Publikum an der Reise seines nur vordergründig naiven, im Kern aber subversiven Protagonisten durch die Ereignisse der deutsch-deutschen Vergangenheit teilhaben und las aus Anfang, Mitte und Ende Passagen seines 570-Seiten-Werks - anschaulich, lebhaft, mit schön servierten Pointen. Und Schlagfertigkeit: Einer Zuhörerin, die ihr Mobiltelefon in der Tasche nicht in den Griff bekam, wurde schnell vom Podium zugeraunt: "Ich habe auch mal ein Buch geschrieben, das hieß ,Handy'." Was ebenso den Tatsachen entspricht wie die Erinnerung an jene 100 Euro "Begrüßungsgeld", die für "Peter Holtz" zur Steilvorlage eines entlarvenden Dialogs mit einem Obdachlosen bei seiner ersten West-Exkursion werden. Überhaupt Geld: Mit kommunistischen Idealen versucht dieser Hans im Glück auch den Kapitalismus zu betreiben. Und dessen wichtigstes Instrument in Rauch aufgehen zu lassen.

Keine schlechte Idee, so Heiner Boehnke, er habe auch noch DDR-Währung. Und jetzt schon eine Idee für die 50. Auflage des Festivals in 25 Jahren, bei der dann auch wieder ehemalige Preisträger kommen dürfen, so auch Ingo Schulze: "Sehen Sie zu, dass Sie dann ein neues Buch haben." Und mit Sicherheit ein gutes.