Schuld und Sühne: Thema von Ursula Krechels Roman „Geisterbahn“

Um Schuld und Sühne geht es Ursula Krechel, Autorin von „Landgericht“, auch in ihrem neuen Roman „Geisterbahn“. Foto: hbz/Sämmer

Ursula Krechels neuer Roman „Geisterbahn“ handelt von einer großen Sinti-Familie, von Flucht, KZ-Leid, Tod und Überleben während der Nazi-Diktatur. Lesung im Mainzer Staatstheater.

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MAINZ. Musik dröhnt auf dem Kirmesplatz, von bunten Lichtern erleuchtet. Kinder beißen lustvoll in Zuckerwatte und jubeln auf Karussellpferdchen, Ältere knacken Röstmandeln und suchen Wurfbuden. Mädchen sitzen kreischend auf den schmalen Sitzen einer Drehschaukel, Jungmänner erhaschen Blicke unter ihre Röcke. Kirmes ist Ausnahmezustand, ein Ort zum Träumen. Nicht aber für den Patriarchen Alfons Dorn und seine große Familie mit den vielen Kindern. Es ist 1936, alles wird anders.

Ursula Krechel, 71, ist die Tochter des Psychologen Jakob Krechel, und das hat etwas zu bedeuten. Es geht um Schuld und Sühne in diesem Roman, vor allem um Schuld. Die Schriftstellerin schaut tief hinein in die Vergangenheit, sie steigt tief hinein in das Leben ihrer Figuren. Und das mit einem Rhythmusgefühl und einer Sprachfeinheit, die zeigt, dass wir es bei dieser Autorin mit einer Lyrikerin zu tun haben. 2012 erhielt sie für ihre Romane, Gedichte, Essays und Theaterstücke den Deutschen Buchpreis.

Auf einmal kommt die Polizei

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Die Schaustellerfamilie Dorn sind Sinti, den Nazis gelten sie als „Zigeuner“. Sie haben es zu etwas gebracht, konnten in Trier ein Häuschen erwerben, im Küchenschrank hinten liegt das ersparte Geld. Patriarch Alfons will den Erfolg noch veredeln, deshalb fährt er mit seinem Schwager Laurenz in der Eisenbahn zu einer Messe nach Berlin. Er will modernes Gerät, wird aber von einem Händler krass abgewiesen. Die Dorns laufen fassungslos durch Berlin und treffen Sinti-Musikanten. Alfons darf Geige spielen und versackt in Melancholie. Auf einmal kommt die Polizei, alle Sinti werden aufgegriffen und nach Marzahn in ein Lager verschleppt. Die Dorns können von dort fliehen, zu Fuß laufen sie zurück nach Trier. Sie verschweigen, was ihnen widerfuhr, werden aber ihr Trauma nicht los. Zumal eine Rassenforscherin auftaucht und die Schädel der Kinder vermisst.

Alfons‘ Frau Lucie liegt in den Wehen, eine Hebamme ist nicht zu bekommen, das Baby stirbt bei der Geburt. Die älteste Tochter Kathie wird auf behördliche Anweisung sterilisiert. Das Karussell muss verschrottet werden. Lucie stirbt an einem Tumor. Tochter Orli gerät im KZ in die Fänge von Mengele, der sie in seinen Experimenten quält. Sohn Josef flieht nach Luxemburg, als die Nazis das Land überrollen, wird er nach Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg haben die Dorns alles verloren, sie erhalten von den Behörden keine Wiedergutmachungszahlungen.

Die Toten der Familie, die die Lager nicht überlebt haben

Die jüngste Tochter fragt: „Warum kaufen wir keine Geisterbahn.“ Der Vater vermahnt sie: „Du weißt nicht, was du redest, Geister haben wir schon genug.“ Die Toten der Familie, die die Lager nicht überlebt haben. Die, die es geschafft haben, ringen mit schrecklichen Erfahrungen. Ihre Schicksale werden geballt beschrieben.

Es treten auch die Torgaus auf, eine Eisenbahnerfamilie in Trier, als Kommunisten von den Nazis verfolgt. Es tritt der Opportunist Franz Neumeister auf, der sich dem NS-Mob angepasst hatte, aber davon nichts mehr wissen will. Er darf Kinder erziehen, verachtet seine Frau und vergreift sich an seiner Tochter. Das alles geschieht in Trier, dort, wo auch Ursula Krechel aufgewachsen ist. Stellenweise ist die Lektüre anstrengend, Lesern wird einiges abgefordert, manche Szenen sind beklemmend. Etwa wenn es um Josef Dorn geht, der im KZ gefoltert worden ist. Er hat überlebt, steht tagelang unter der Porta Nigra in Trier, warum? Er kann nicht mehr sitzen. Eine schöne Frau nimmt sich seiner an, das gibt ihm neuen Mut.

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Schuld und Sühne. Genauer: Schuld ohne Sühne. Das ist es, was Ursula Krechel beschreibt. Sie führt Täter und Opfer zueinander, steht klar auf der Seite der Opfer. Ihr ist ein großer Roman gelungen über die Kriegs- und Nachkriegszeit.