Hüsch-Hommage und scharfzüngige Abrechnung mit der Gegenwart...

„Ihr habt es weit gebracht“: Das Kabarett-Trio „arche nova II“ auf der Bühne. Foto: hbz/Judith Wallerius

Die Bühne betreten Markus Schönberg (Klavier), Irmgard Haupt, Sängerin und Dialogpartnerin, Jürgen Kessler und Nicole Meisenzahl: Das Ensemble „arche nova II“ ist komplett.

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MAINZ. Pünktlich um 19 Uhr betritt Markus Schönberg die Bühne im Mainzer Kabarettarchiv und bearbeitet die Tasten. Nach und nach kommen Irmgard Haupt, die Sängerin und Dialogpartnerin von Holk Freytag, Jürgen Kessler und Nicole Meisenzahl auf die Bühne, um wieder einmal als „arche nova II“ das Stück „Ihr habt es weit gebracht“ aufzuführen. Jürgen Kessler hat 28-mal das Stück an aktuelles Zeitgeschehen angeglichen.

Doch jedes Stück hat einen Anfang, und der gehört Hanns-Dieter Hüsch und Seneca, der sich bereits vor 2000 Jahren damit beschäftigte: „Wir haben keine Zeit. Die Welt ist ruhelos, und wir sind es auch“. „Erschütterung“, tönt es von der Bühne, „ein Insekt stirbt aus, eine Sprache wird im Stich gelassen, und spricht man von einem Prozent der 1,8 Milliarden Muslime, dann spricht man von Fundamentalisten.“ Es rattert Pointen, Nachdenkliches, Festgestelltes ins Publikum, das sprachlos den Protagonisten zuhört, die von der Welt, in der „Krieg zur friedenstiftenden Maßnahme wird“, sprechen. Hüsch, der Satiriker, Sänger und Menschenfreund, der im alten Musiksaal der Universität begann, ist aktueller denn je. „Der Mensch ist eine dressierte Eintagsfliege, und im Tal grünt Hoffnungsglück“. Hanns-Dieter Hüsch, die Symbiose aus Charly Chaplin und Jesus Christus – so hat er sich selbst betrachtet, der Mann vom Niederrhein, aber auch als Mainzer und auch Schweizer, der zweimal verheiratet war, die Bühne liebte und mit 80 von der Weltbühne abtrat.

Das Kabarettarchiv vermittelt noch einmal sein reiches und ungewöhnliches Leben. „Zuletzt sitzt man allein auf einer Bank. Es ist erreicht. Man löst sich auf, na Gott sei Dank... Und schon setzt sich der Nächste auf die Bank.“

Im zweiten Teil gibt es scharfe Worte zu hören: „Es läuft nicht gut hier unten, Dieter“, sagt Kessler. Mit Kritik an Republik und Gesellschaft sparen sie nicht. Der Islam, die alternative Familie – sie alle kommen nicht gut weg. Von einem Land, das sich nicht erreicht habe, sprechen sie. Was darf Satire? Alles, so jedenfalls Tucholsky, und auf der Bühne darf man alles, auch über die „anonyme Asche von Menschen in Ruheforsten“ sprechen. Ihr habt es weit gebracht: Könnte eine Bilanz dieser Tage doppeldeutiger klingen? Dieser Abend ist mehr als eine reife Leistung.

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Zum Schluss Dank des Kabarettarchivs an Jürgen Kessler: Er wechselt nächstes Jahr in den Ruhestand.