Lernen, für andere stark zu sein

Reinhold Joeck, Edith Harter und Sarah-Kay Daubermann (von links) warten auf viele Abnehmer.Foto: Thorsten Gutschalk  Foto: Thorsten Gutschalk

Mit Kind, ohne Partner und ohne Job, keine Kinderbetreuung in Sicht und mit allem ein wenig alleine gelassen – für viele erscheint das als aussichtslos, die Vereinbarkeit...

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LAMPERTHEIM. Mit Kind, ohne Partner und ohne Job, keine Kinderbetreuung in Sicht und mit allem ein wenig alleine gelassen – für viele erscheint das als aussichtslos, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in weiter Ferne. Und deswegen bringt das Diakonische Werk Bergstraße seit 2009 gemeinsam mit dem Kommunalen Jobcenter „Neue Wege“ das Projekt „Spagat“ zustande, bei dem Alleinerziehenden unter die Arme gegriffen wird. Ziel der Maßnahme: für alle einen Arbeitsplatz finden, aber auch das Selbstvertrauen stärken und sogenannte „Soft Skills“ ausbilden.

Da gehört das Organisieren einer gemeinnützigen Aktion dazu: Heute wird sich zeigen, ob die aktuellen „Spagat“-Teilnehmer mit ihrer Idee und Umsetzung richtig lagen – sie übergeben 20 buntgemischte Tüten an Obdachlose, angefüllt mit allerlei Hygieneartikeln.

„Unsere Teilnehmer denken sich eine Aufgabe aus, die sie eigenständig erfüllen müssen“, sagte Edith Harter, „wir geben nur Hilfestellungen.“ Die Diplom-Psychologin ist eine von vier Mitarbeitern des Diakonischen Werkes Bergstraße, die sich um „Spagat“ kümmern. Zurzeit nehmen elf Frauen und ein Mann an der Kampagne teil, sie haben Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren. Mitmachen können nur alleinerziehende Arbeitssuchende aus Lampertheim und Bürstadt, Biblis und Groß-Rohrheim, ganz egal, welchen Alters.

Der jetzige Kurs muss fünf Mal in der Woche einen Vormittag lang gemeinsam lernen: Bewerbertraining und Kommunikation begreifen, Alltagsorganisation und finanzielle Grundlagen erarbeiten – alles zielt auf die Vereinbarkeit von Kind und Beruf ab. Teil des Programms ist immer auch die Stärkung der Eigenverantwortung. Das Ausdenken und Organisieren, die Umsetzung und auch das Spüren des Erfolgs eines gemeinnützigen Projektes seien dafür bestens geeignet, so Edith Harter. Die vergangenen Projektjahrgänge hatten bereits ein Mittagessen für Wohnungslose gekocht, selbst gemachte Erdbeermarmelade auf dem Mannheimer Wochenmarkt zugunsten des Vogelparks verkauft oder Schulsachen für Kinder in Ghana besorgt.

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Jetzt hatten sich die „Spagat“-Teilnehmer die Unterstützung von Obdachlosen zum Ziel gemacht, hatten Spenden gesammelt: Zwei Drogeriemärkte halfen bei der Umsetzung der Idee, stellten Sachspenden und Gutscheine bereit. Mit den Gutscheinen „kauften“ die Alleinerziehenden ein, überlegten sich gut, was für ein Leben ohne eigenes Dach über dem Kopf sinnvoll und wichtig ist. Die Spenden stehen nun bereit. In einfachen Plastikmüllsäcken abgepackt warten Zahnbürste und Zahnpasta, Kamm und Shampoo, Körpermilch und Taschentücher, Hygiene-Binden und Tampons auf die Abholung.

Treffpunkt ist am heutigen Vormittag die Ausgabestelle der Tafel in der Gewerbestraße 11. Hier haben die „Spagat“-Kursteilnehmer auch eine mobile Kleiderstange aufgebaut – sie hängt voll mit Kleiderspenden, die sie im privaten Umfeld zusammengesucht haben. Die Motivation der Kursteilnehmer sei nicht schwierig gewesen, es mache allen Spaß, etwas auf die Beine zu stellen, so Harter.

Positive Wirkung auf das Selbstvertrauen

„Es ist positiv für das Selbstvertrauen und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, wenn etwas bewirkt werden kann“, sagte die Diakonie-Mitarbeiterin, die Gruppenarbeit, Rollenspiele und auch Exkursionen zu Firmen für die Alleinerziehenden durchführt. Wichtig sei auch die Beratung in normalen „Lebensthemen“, gesunde Ernährung, Umweltpädagogik oder Erste-Hilfe-Maßnahmen für Kinder stehen immer wieder im Blickpunkt.

Dieser Weg in den Beruf und damit die Hilfe des Diakonischen Werkes erstrecken sich für jeden Einzelnen über maximal ein Jahr. Sobald die Teilnehmer einen sozialversicherungspflichtigen Job haben, beenden sie die berufliche Integrationsmaßnahme sofort und ein neuer Teilnehmer kann nachrücken. Im Moment gibt es für zwei Arbeitssuchende schon gute Aussichten: ihre Arbeitsverträge stehen kurz vor dem Abschluss. „Wir sollen möglichst 20 Prozent der Teilnehmer vermitteln können, es gibt aber auch einmal ein schlechtes Jahr“, sagte Marion Persson, die Bereichsleiterin der Lampertheimer Diakoniestelle. Das sei aber kein Problem. Bislang sei ihre Dienststelle nur gelobt worden, die Verlängerung des Projektes – alljährlich wird diese im Herbst beantragt und für drei Jahre ausgesprochen – sei stets sicher gewesen.