Projekt „Leseschwarm“: Literarischer Abend über die...

Außergewöhnliche Lesung im Museumszentrum: Unter dem Motto „Deutsch ist eine jüdische Sprache“ lesen Rezitatoren aus zwölf Werken, wie hier Alice Schnitzer.  Foto: Manred Ofer  Foto: Manred Ofer

(mano). „Deutsch ist eine jüdische Sprache“. Unter diesem Titel luden die Verantwortlichen des Lorscher Bürgerprojekts „Leseschwarm“ zu einer außergewöhnlichen...

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LORSCH. (mano). „Deutsch ist eine jüdische Sprache“. Unter diesem Titel luden die Verantwortlichen des Lorscher Bürgerprojekts „Leseschwarm“ zu einer außergewöhnlichen Lesung in das Museumszentrum Lorsch ein. Am Mittwochabend standen zwölf Beiträge von sechs Rezitatoren im Mittelpunkt. Zahlreiche Besucher hatten sich im großen Saal eingefunden.

Die Ausstellung „Legalisierter Raub“, die im ersten Stock derzeit Aspekte der Judenverfolgung im Dritten Reich behandelt, bot den Rahmen für die Lesung. Die Verantwortlichen wollten das düstere Kapitel der deutschen Geschichte diesmal nicht in den Fokus rücken. Ihnen ging es vielmehr um den immensen Beitrag, den jüdische Dichter und Denker zur Kultur dieses Landes geleistet haben. „Die Geschichte der jüdischen Literatur in Deutschland ist zu grandios, um sie wegen zwölf Jahren aufzugeben“, hat der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll einmal gesagt und damit seinen Schritt begründet, sich nach den bitteren Erfahrungen im Dritten Reich wieder mit der deutschen Sprache zu befassen.

„Wir möchten herausstellen, wie tiefgreifend, jüdische Autoren bis heute unsere Sprache bereichern, die sie ja stets als ihre Heimat betrachtet haben“, sagte Elmar Ullrich, einer der Rezitatoren. Dieses Anliegen griffen die Organisatoren der jüngsten Lesung in Lorsch mit ihren Beiträgen auf. Die stammten zumeist von Autoren der Wilhelminischen und Weimarer Zeit, wie zum Beispiel Franz Kafka, Karl Kraus, Kurt Tucholsky und Mascha Kaleko.

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Heinrich Heine zum Auftakt

Neben Elmar Ullrich rezitierten Ursula Ullrich, Renate Heidler, Heidrun Scheyhing, Walter Wolfgarten und Alice Schnitzer Passagen aus der Feder der Autoren. Eingeläutet wurde der literarische Abend mit einer der bedeutendsten Figuren der deutschsprachigen Lyrik: Heinrich Heine wurde 1825 als Sohn eines Kaufmannes geboren. Zum Leidwesen des Vaters trat er nicht in dessen Fußstapfen, sondern studierte Jura und widmete sich der Dichtung. Dass ein Deutscher mit jüdischen Wurzeln einen der wohl wichtigsten Beiträge zur deutschen Romantik und damit zum Selbstverständnis einer noch im Entstehen begriffenen Nation geleistet hat, war Jahrzehnte später für die Nazis eine Katastrophe. Sie konnten es sich nicht erlauben, seine Bücher aus dem Verkehr zu ziehen. Stattdessen wurden Verse wie die „Loreley“ und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ mit dem Vermerk „Unbekannter Dichter“ weiter im Schulunterricht behandelt. Ein anderer Großer der deutschsprachigen Literatur wurde 1883 in Prag geboren: Franz Kafka. Seine Lyrik und Prosa sind bis heute Schlüsseltexte der Moderne und haben immer wieder das unterdrückte Individuum zum Thema. Mit der Kurzerzählung „Das Urteil“ gelang ihm der Durchbruch.

Erich Fried wurde 1921 in Wien geboren und starb 1988 in Baden-Baden. Der Essayist war einer der wichtigsten Vertreter der politischen Lyrik in Nachkriegsdeutschland. Er engagierte sich als unbequemer Nein-Sager, wenn es um politischen Extremismus und Intoleranz ging und war leidenschaftlicher Befürworter von Recht und Menschlichkeit.

Solche und viele andere Beiträge reicherten den literarischen Abend mit einer Fülle von altbekannten, aber auch neuen Anekdoten und Informationen an.