„Jüdische Märchen“ im Lincoln-Theater

Paula Quast, die schon mit einem Abend über Mascha Kaléko begeistert hatte, erzählte mit angenehmer Stimme. Foto: pa/Stumpf

Paula Quast erzählte mit angenehmer Stimme. Die Wirkung ihrer Sprechweise wurde durch Henry Altmanns musikalische Untermalungen zum reizvollen Gesamtkunstwerk.

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WORMS. Wer die lebensklug-schlitzohrigen jüdischen Witze kennt, erwartete wohl, dass die „Jüdischen Märchen“, die die Schauspielerin Paula Quast und der Musiker Henry Altmann am Dienstagabend auf Einladung von Warmaisa im Lincoln-Theater zelebrierten, aus einem ähnlichen Stoff sein würden. „Jüdische Märchen sind anders als die Märchen der Gebrüder Grimm“, leitete denn auch Paula Quast ihre Erzählungen ein. „Anders auch als alle anderen Märchen.“

Wenn das Gold zum Fluch wird

Das Märchen vom Holzfäller hätte allerdings gut und gerne von den Grimms sein können. Der arme Mann rackert sich bis zur Erschöpfung ab und verdient trotzdem kaum das Nötigste zum Leben. „Warum wird ein Mensch wie ich geboren?“, hadert er mit seinem Schicksal. Da erscheint ihm ein Knabe und gewährt ihm einen Wunsch. Man ahnt, was kommen wird: Der Holzfäller wünscht sich, dass alles, was er anfasst, zu Gold wird. Schnell erweist sich der Segen als Fluch. Ehe der Arme gänzlich verzweifelt, erwacht er: Alles war nur ein Traum. Hinfort ist er mit seinem Los zufrieden.

Köstlich war das Märchen vom gefräßigen Mann, der die Gastfreundschaft seiner Verwandten allzu unverfroren ausnutzt, ohne auch nur Schaden davon zu tragen. Eher fremd und grausam mutete dagegen die Geschichte von König Salomo an, der seinem Hofstaat beweist, dass er unter 1000 Menschen einen guten Mann finden kann, aber keine gute Frau. Das Märchen von der Kupferfigur, die dem armen Lumpensammler Reichtum verschafft, aber dafür von ihm verehrt werden will, bis ein vorüberkommender Rabbiner sie als Götze entlarvt und zerschlägt, erinnerte dagegen an die Überlieferung vom Urvater Abraham.

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Nach einem Tiermärchen, das erklärte, warum Katze und Hund Feinde sind, und einem herzhaften Gaunerschwank erzählte Paula Quast dann noch die sehr sinnreiche Geschichte von einem Streitgespräch zwischen einem Priester und einem jüdischen Stadtnarren, das nur mit Zeichen und Gesten ausgetragen wird. Der Priester empfindet die „Antworten“ des Narren als höchste Weisheit. In Wirklichkeit aber hat jeder der beiden etwas ganz Unterschiedliches gemeint.

Paula Quast, die im letzten Jahr das Wormser Publikum mit einem Abend über Mascha Kaléko begeisterte hatte, erzählte mit ruhiger, angenehmer Stimme und ließ den Zuhörern Zeit, sich in die Geschichten einzufühlen. Die intensive Wirkung ihrer Sprechweise wurde durch Henry Altmanns phantasievolle musikalische Untermalungen zu einem reizvollen Gesamtkunstwerk verwoben. Er spielte gleichzeitig Klavier und Posaune, schlug auch mal die Laute, erzeugte scharrende und pfeifende Geräusche auf der Rahmentrommel, mal heiter-burlesk, mal finster-dramatisch.

So sehr man dies alles genießen konnte: Was denn nun das Wesen jüdischer Märchen eigentlich ausmacht, war nicht unbedingt erkennbar, sieht man einmal ab von der Geschichte mit dem Rabbi, der das Paradies nicht im grünen Garten Eden, sondern in den Herzen der Gerechten findet.