Bosnien-Herzegowina auf WM-Mission: "Die Menschen zu Hause...

Die Fußballer aus Bosnien-Herzegowina bejubeln die Qualifikation für die WM 2014. Archivfoto: dpa

Eine Mannschaft aus drei verschiedenen Volksgruppen. Ein Verband, der drei Präsidenten hat und deshalb aus der Fifa fliegt. Und Journalisten, die nach erfolgreicher...

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. Von Ulrich Gerecke

Der junge Mann, der mir neulich im Bus gegenüber saß, war aufgrund der blau-gelben Flagge um seinen Hals unschwer als Anhänger der Fußball-Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas zu erkennen. Und er hatte einen Traum. "Die Abwehr aus Serbien, das Mittelfeld aus Kroatien, der Sturm aus Bosnien - was wäre das für eine fette Mannschaft."

Ja, gäbe es das vormalige Jugoslawien noch, würde ein kleiner Gigant mit Titelambitionen bei dieser Weltmeisterschaft mitspielen. Doch dieser Traum ist schon lange gestorben - zerschossen und zerschmettert in den Trümmern des grauenvollen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren. Für Sentimentalitäten ist da kein Platz - und wenn doch, macht die ignorante Fifa Gefühlen den Garaus. Bis zum März 2011 bestand das Präsidium des bosnischen Fußballverbandes paritätisch besetzt aus einem Serben, einem Kroaten und einem Muslim. Der Weltverband suspendierte Bosnien-Herzegowina vorübergehend, weil es nur einen Boss geben dürfe. Der Slogan des Weltverbandes heißt übrigens "For the Good of the Game". Den sollte man vielleicht angesichts solcher Entscheidungen schnell in die Tonne treten.

Dabei kann Fußball doch so viel Freude schenken wie in diesem kleinen Film zu sehen:

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Nur zu Erklärung: Bei den beiden hopsenden Anzugträgern mit den Mikrofonen handelt es sich nicht um Fans oder Funktionäre, sondern um... genau: Journalisten!

Die erstmalige Qualifikation für eine WM-Endrunde hat in Bosnien-Herzegowina (das der einzige Debütant in Brasilien ist) eine Eruption von Freude und nationaler Begeisterung ausgelöst, die selbst drei Niederlagen in der Vorrunde nicht trüben könnten. Zweimal war das Balkanland in den Playoffs für ein großes Turnier zuletzt an Portugal gescheitert, was im vom Bürgerkrieg geschundenen Balkanstaat das Gefühl ausgelöst haben muss, selbst im Sport immer nur auf der Schattenseite zu stehen. Wer sich da im Erfolgsfall nicht mitfreut, hat kein Herz für Fußball.

In allen Mannschaftsteilen wird fleißig deutsch gesprochen

Die Mannschaft aus Bosnien ist allein schon deshalb ein wichtiges politisches Symbol, weil alle Volksgruppen in ihr vertreten sind. Die allergrö0te Fraktion in diesem Team aber sind nicht Serben, Kroaten oder Muslime - sondern Legionäre aus einer der drei deutschen Profiligen. Jasmin Fejzic (VfR Aalen), Ermin Bicakcic (Eintracht Braunschweig), Sead Kolinasic (Schalke 04), Mensur Mujdza, Emir Spahic (Bayer Leverkusen), Sejad Salihovic (1899 Hoffenheim) und Vedad Ibisevic (VfB Stuttgart) - sie alle verdienen ihr Geld hierzulande. Vor allem in Bosniens Defensive wird deutsch gesprochen. Nimmt man jetzt noch Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic (beide früher beim VfL Wolfsburg) hinzu, dann sollte eigentlich klar saein, mit welchem Zweit-Favoriten der deutsche Fan durchs Turnier geht.

Vielleicht muss man dieser Mannschaft einfach ein bisschen mehr als anderen die Daumen drücken - nicht wegen der vielen bekannten Gesichter aus der Bundesliga, sondern weil sie den Menschen in ihrem Hematland mehr bedeutet als anderswo auf der Welt. "Diese WM ist wahrscheinlich das Größte, was unserem Land seit seiner Unabhängigkeit passiert ist", sagt Trainer Safet Susic, selbst einmal ein brillanter offensiver Mittelfeldspieler, der 54 Mal für Jugoslawien spielte, aber nur zweimal für Bosnien-Herzegowina. "Wir haben einen schrecklichen Krieg erlebt und die Wunden sind noch frisch. Die Menschen zu Hause leiden noch, und was die Nationalmannschaft leistet, gibt ihnen etwas Positives."

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Keine Angst vor Straßenräubern

Kurz vor dem unglücklich verlorenen Auftaktspiel gegen Argentinien (1:2) wurden Susic und sein Trainerstab außerhalb ihres Teamhotels in Guaruja von jugendlichen Straßenräubern angegriffen. Die Polizei schlug die Angreifer in die Flucht, Susic nahm's gelassen: "Wir sind in Bosnien aufgewachsen, da waren die Straßen viel gefährlicher als hier."

Man muss wohl einen Bürgerkrieg überleben, um so souverän zu reagieren. Und um sich über eine erste WM-Teilnahme noch so richtig und von Herzen freuen zu können. Auch wenn die Mannschaft schon nach der Vorrunde wieder nach Hause fahren muss.

Im nächsten Beitrag widmen wir uns Nigeria.