Der Pool des Bösen

Ob es sich bei diesem Exemplar um einen Goldfisch oder doch eher einen Bomber handelt? Foto: dpa

Ganz geradlinig: 50 Meter lang, zwei Meter tief, soll alles darin eigentlich in geordneten Bahnen laufen oder vielmehr schwimmen. Doch das Becken im Freibad kann zu einem...

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. Ganz geradlinig: 50 Meter lang, zwei Meter tief, soll alles darin eigentlich in geordneten Bahnen laufen oder vielmehr schwimmen. Doch das Becken im Freibad kann zu einem Pfuhl… äh… Pool des Bösen werden.

Nämlich dann, wenn darin die unterschiedlichsten Badetypen aufeinander treffen. Dann schlagen die Emotionen schon mal hohe Wellen, weil einer das Gefühl hat, von den anderen Badegästen das Wasser abgegraben zu bekommen. Damit der nächste Schwimmbadbesuch kein Schlag ins Wasser wird, sollte man sich, bevor Bikini und Badehose übergestreift werden, mit dieser kleinen Übersicht schon einmal mental auf den Horror im Hochsommer vorbereiten:

Der Goldfisch

Die Zehnerkarte gezückt steht er schon um fünf vor sieben am Drehkreuz und wartet auf Einlass. Die Badehose knapp, die Beine rasiert - die aalglatte Haut erhöht die Hydrodynamik - geht es vor allem um eins: Geschwindigkeit. Bademütze aufgezogen, Brille festgezurrt und losgeschwommen. Die Bahn gehört ihm allein. Vorerst. Nach Kilometer zwei füllt sich das Becken langsam. Die Bahn gehört noch immer ihm. Stoisch schwimmend scheucht er all jene, die es wagen, die schwarze Linie am Grund zu kreuzen mit energischen Kraulbewegungen davon. Am effektivsten jedoch ist die Methode, wenn er zum Rückenschwimmen übergeht: Wer nix sieht, hat Vorfahrt.

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Die Boje

Vollkommen schwerelos, beinahe reglos, treiben sie im Wasser. Es vergehen Minuten und dennoch ist kaum ein Fortkommen im Wettkampfbecken zu verzeichnen. Langhalsig den Kopf aus dem Wasser gestreckt, scheinen sie wie Bojen am Boden verankert zu sein. Die Schaumstoffnudel fest im Griff, zur Sicherheit auch noch mit Schaumstoffgürtel ausgestattet, haben sie immer Auftrieb. Doch unter der Wasseroberfläche ist ein seltsames Schauspiel zu beobachten: Wie in einem zu tief geratenen Kneipp-Becken waten sie durchs Wasser und nennen das "Wasserjogging".

Die Moleküle

Ähnlich langsam bewegen sich auch diese Spezies der Schwimmbadbesucher voran, doch bei ihnen liegt es an der Kettenbildung: Zwei, drei, vier und mehr bunte Blütenbadehauben und Brille tragenden Damen verbinden sich, um das Schwimmbecken zum feucht-fröhlichen Kaffeekränzchen umzugestalten: "Ach herrje, das royale Baby heißt Schorsch?" Der Redeschwall der Damen ist ebenso schwer zu durchbrechen wie ihre Molekülkette. Slalomschwimmen heißt es da für alle anderen.

Die Hühner

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Aufgereiht wie auf einer Stange im Hühnerstall säumen sie den Beckenrand. Den Molekülen sehr ähnlich im Habitus, ist für sie der Schwimmbadbesuch vor allem ein soziales Ereignis. Doch ihnen reicht das erfrischende Gefühl am Körper. Es kommt maximal zu einem leichten Beinschlag unter Wasser, die Arme breit gestreckt, die Hände festgekrallt am Beckenrand. Für Schwimmer wird die Bahn zur Sackgasse ohne Wendemöglichkeit. Schon fünf Meter vor Bahnende muss er versuchen, durch reine Paddelbewegungen den U-Turn einzuleiten, ohne Chance auf ein energisches Abstoßen. Wer Umwege um Bojen und Moleküle in Kauf nehmen musste, gleicht diese hier wieder aus. Den Schwimmern ein bisschen Platz machen? Da lachen ja die Hühner!

Der Bomber

Er wagt sprichwörtlich den Sprung ins kalte Wasser und nutzt das Becken nur zu einem einzigen Zweck: Spaß. Und dieser ist sehr kurz: Anlauf, Knie angewinkelt, platsch! Und wieder über die rostig quietschende Treppe nach draußen. Und wieder rein. Dass er damit sowohl Goldfische, Bojen, Moleküle und Hühner verärgert, ist ihm egal. Warum vom Sprungturm springen, wenn das Schwimmerbecken ist so nah?

Das Brathähnchen

Völlig unbedenklich für alle Badefreunde und Wassernixen ist der letzte Typ, für den der Schwimmbadbesuch einem ganz anderen Zwecke dient: Bräune. Diese Sonnenanbeter sind überall dort anzutreffen, wo pralle Strahlen direkt in die Hautzellen wandern und die Melanin-Bildung auf Hochtouren läuft. Das Brathähnchen hingegen liegt faul auf der Wiese, die Atmung flach. Alle 30 Minuten dreht es sich um den imaginären Grillstab. Doch so wirklich "knackisch wie e Hähnsche" sehen die meisten von ihnen leider nicht mehr aus: eher Modell Ledertasche - Vintage Style.

Lea Mittmann