Die Geheimnisse der M.

Das Oberverwaltungsgericht will den Terminkalender der Kanzlerin nicht offenlegen. Wir tun es.

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. Es gibt ja Gott sei Dank immer noch Hoffnungsfelsen in den Brandungen des Lebens, Unsterbliche, Unfehlbare wie Helmut Schmidt, Franz Beckenbauer, Nana Mouskouri, Otto Rehhagel, Peter Scholl-Latour und - nicht zuletzt: Königin Elizabeth von England; "Lissy und die Feierbiester" nennen wir sie und ihre Familie voller Zuneigung. Diese Woche zelebrierte sie Diamantenes Thronjubiläum. Genau, sie fing doch schon damals an, gleich nach der Schlacht bei Trafalgar… nein, kleiner Scherz. 60 Jahre, Diamantjubiläum, diamonds are a girl’s best friends. Sie hat dann eine ganz launige Rede gehalten und gesagt, sie habe "die vergnügliche Pflicht des Umgangs mit insgesamt zwölf Premierministern gehabt". Auf Deutsch: So lange muss ich mich schon mit diesen Pappnasen herumärgern.

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Wir bleiben mal beim royalen Glanz. Wahl des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Kaum war alles vorbei, rannte die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) aus dem Saal. Worauf wilde Meinungsschlachten entbrannten, warum sie rausrannte. Sturm aufs Kalte Buffet? Nun, wir wissen, diese Sozis machen manchmal schwer auf Askese, bevor sie dann alle Dämme brechen. Aber es war ganz anders, wie ihr Pressesprecher verkündete: Ein Auto habe gewartet (wir sagen: ein Kraftwagen, haha, Brüller-Gag), sie habe rennen müssen, um ihren Flug von Berlin nach Düsseldorf zu erwischen. Warum bloß?, fragen wir da, jene erschütternde FAZ-Reportage über den Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Hinterkopf, Röttgen, der gegen Kraft antritt, wenn NRW am 13. Mai - Muttertag - eine neue Regierung wählt. "Röttgen strebt nicht nach Düsseldorf, sondern nach Höherem", lesen wir da. Röttgen habe "wenig Empathie für NRW erkennen lassen", obwohl sein Wahlkreis Rhein-Sieg am südlichen Zipfel von NRW liege, mithin - Achtung, "dort, wo die Gegend dem lieblichen Rheinland-Pfalz und überhaupt nicht den Industrieregionen" von NRW ähnele. Wir wissen nicht, was die FAZ bei dem Begriff "liebliches Rheinland-Pfalz" vor Augen hat, möglicherweise Julia Klöckner oder Kurt Beck, aber wir nehmen das mal als Kompliment. Schlussendlich: Ob es von Arroganz, Mut oder schlicht von Realitätssinn zeugt, aus den Begriffen "Düsseldorf" und "Höheres" ein Gegensatzpaar zu bilden, wer weiß das schon.

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Vor knapp vier Jahren bat unser aller Kanzlerin den Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, Moneten-Jo, wie wir ihn nennen, zum Essen, was manche als Kungelei beargwöhnten. Zur Aufklärung entschied nun das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (Aktenz. 12 B 27.11), das Kanzleramt müsse die Gästeliste offenlegen, keinesfalls aber den Terminkalender der Kanzlerin.

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Da Nichtoffengelegtes die Phantasie am meisten anregt, haben wir so vor uns hin phantasiert, was über einen typischen Tag der Kanzlerin in ihrem Terminkalender stehen könnte. Mithin: die Geheimnisse der Angela M.

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5 Uhr. Ich frühstücke. Eine Tasse ungesüßten Tees, eine Scheibe Knäckebrot, eine halbe Spreewaldgurke. 5.10 - 7.10 Uhr: Ich suche meinen Blazer aus. 7.10 - 9.10 Uhr: Gauck kommt und spricht über die Freiheit. 9.10 - 9.12 Uhr: Schäuble und ich klären die Bundeshaushalte 2013 bis 2023. 9.12 - 10.00 Uhr: Röttgen jammert, dass er nicht nach NRW will. 10.00 - 13.00 Uhr: Sarkozy ruft an und jammert, dass er seine Wahl nicht verlieren darf, sonst haut ihn Carla und verlässt ihn dann. Ich sage ihm: "Sei doch froh, such dir mal was Anständiges." Ich geb‘ ihm die Handynummer von der Aigner Ilse. 13.00 - 13.10 Uhr: Wulff ruft an und erzählt, dass er jetzt für Maschmeyer Bausparverträge verkauft, und ob ich einen will. 13.10 - 13.50: Rösler beklagt sich, dass seine FDP-Kumpels ihn mobben. Brüderle schicke ihm jeden Tag Weinflaschen ins Büro. Leere. Außerdem verlangt Rösler, dass er 2017 Bundespräsident wird. Ich frage: "Für wen?" Er sagt: "Für die FDP." Ich lache. Er sagt: "Na gut, dann für Maschmeyer." 13.50 - 15.50 Uhr: Gauck kommt und spricht über die Freiheit. Ganz zum Schluss fragt er, ob er Daniela Schadt heiraten soll. 15.50 - 16.50 Uhr: Karl Lagerfeld ruft an und fragt, woher meine Blazer stammen. Er lacht dabei. 16.50 - 18.50 Uhr: Rösler ruft noch mal an und sagt, falls er 2017 nicht Bundespräsident werden kann, ob ich dann wenigstens bei Maschmeyer ein gutes Wort einlege, dass er bei ihm unterkommt. 18.50 - 19.50 Uhr: Wulff fragt, ob ich das war, die ihn am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer zu einer Flasche Rotkäppchensekt eingeladen hat. Die Staatsanwaltschaft will Quittungen sehen. Wulff sagt, vom Blazer her könnte ich‘s gewesen sein, von der Frisur her aber auch Alice Schwarzer. 19.50 - 20.00 Uhr Abendessen. Mein Ehemann, der Chemie-Professor Joachim Sauer, Salpeter-Achim, wie ihn eine bestimmte Zeitung unverschämterweise nennt, bekommt Kartoffelsuppe, die ich selbst koche. Ich esse eine Scheibe Knäckebrot, ein Salatblatt ohne Dressing und eine halbe Spreewaldgurke. 20.00 - 20.01 Uhr: Schäuble ruft an und sagt "Gute Nacht". Er will das ausdrücklich nicht auf den Bundeshaushalt bezogen wissen. 2.00 Uhr… Wie meinen? Was zwischen 20.01 und 2 Uhr passiert ist? Staatsgeheimnis. Also, um 2.00 Uhr ruft Röttgens Leibwächter an und sagt: Röttgen weint und brüllt im Schlaf: "Maaamaaa, ich will nicht nach Düsseldorf..!" 3.00 Uhr: Gauck ruft an und will über die Unfreiheit reden. Ich geh‘ aus Verzweiflung an den Kühlschrank. Brüderle sitzt drin und sagt, er suche leere Weinflaschen, die er Rösler schicken will. Ich geh‘ ins Bett.