Einmal Rheinhessen und zurück

Das Wandern im Pfälzer Wald macht Anna-Lena Stauder besonders viel Spaß. Foto: Stauder

Rheinhessen - das Land der 1000 sanften Hügel und 100.000 fruchtbaren Rebzeilen - seit nunmehr rund fünf Monaten fährt unsere Volontärin Anna-Lena Stauder Tag für Tag von...

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. Von Anna-Lena Stauder

Als „Pälzer Mädel“ bin ich auf Ortsterminen schon so einige Male auf meine Herkunft angesprochen worden. Und das nicht etwa, weil mein Dialekt so stark ausgeprägt wäre - zumindest hoffe ich das. Eher hatte das wohl damit zu tun, dass die Pfalz und Rheinhessen beides Weinanbaugebiete sind - die zwei größten Deutschlands noch dazu. So erfuhr ich von Winzern, dass die Pfalz Rheinhessen mindestens 30 Jahre voraus sei, was den Weintourismusbetrieb angehe. Ein hochrangiger rheinhessischer Kommunalpolitiker entgegnete „Oh, das muss schlimm sein“, als ich erzählte, dass ich der schönen Pfalz Tag für Tag für die Arbeit den Rücken kehre.

Nun, schlimm finde ich das ganz und gar nicht. Während ich hin und her düse, genieße ich die hügelige Landschaft, die man durchaus als malerisch bezeichnen kann, und wenn ich als Reporterin unterwegs bin, die Herzlichkeit der Leute. Große Unterschiede zwischen Rheinhessen und Pfälzern konnte ich bisher nicht feststellen, eher die Gemeinsamkeiten fielen mir ins Auge. Beide leben am Rhein und lieben den Wein. Und auch die Sprachgewohnheiten scheinen ähnlich zu sein. Mit dem „alla hopp“ oder dem „alla tschüss“, das mir immer so ganz automatisch aus dem Mund rutscht, falle ich hier keineswegs auf. Auch die Rheinhessen nutzen dies zu jeder Gelegenheit.

Eine weitere Parallele ist die Freude am Fastnachtfeiern, die ich als Gardemädchen von klein auf zu schätzen wusste. Doch die studierte Ethnologin in mir, hat natürlich gleich weitergedacht. Woher kommt es, dass mir die Gemeinsamkeiten so ins Auge springen. Was macht die jeweilige kulturelle Identität der Menschen aus? Ein Blick in die Geschichtsbücher offenbarte dabei so einiges.

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Lage am Rhein, Neubesiedlungen und Multikonfessionalität

Schon vor 1816, gab es Verstrickungen zwischen der Pfalz und der Region, die später Rheinhessen genannt werden sollte. Im 1798 gebildeten Département du Mont-Tonnerre (Donnersberg) wurden „Rheinhessen“ und die meisten pfälzischen Territorien zusammengefasst und vom französischen Staat verwaltet. Generell führten die Lage am Rhein, der über Jahrhunderte als europäischer Handelsweg zwischen Schweiz und den Niederlanden diente, Neubesiedlungen nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts und die Multikonfessionalität nach der Reformation, zu Akkulturationserfahrungen, also kulturellen Anpassungsprozessen. Eigenes und Fremdes mischten sich, und so kam es, dass sich Identitäten immer wieder neu aufbauen mussten. Carl Zuckmayer beschrieb Rheinhessen als Völkermühle am Rhein.

Während der französischen Zeit gingen zahlreiche Ausdrücke aus dem Nachbarland Frankreich in den rheinhessischen und den pfälzischen Wortschatz über. Dazu gehören beispielweise „Droddwa“ (trottoir, Gehweg) oder „Schässlong“ (chaiselongue, Sofa). Auch das oben genannte „alla hopp“ (allez hop, Na los) scheint ein Relikt aus der Zeit der französischen Verwaltung zu sein. Die französische Gesetzgebung blieb auch wirksam, als der Großherzog von Hessen-Darmstadt im Zuge der territorialen Neuordnung durch den Wiener Kongress die Region in Besitz nahm. Am 8. Juli 1816 war damit „Rhein-Hessen" begründet. Die frühere Zugehörigkeit zu Frankreich prägte die politische und kulturelle Identität weiterhin, denn die Errungenschaften der französischen Zeit, wie die Umverteilung kirchlichen und feudalen Eigentums, die Gewerbefreiheit oder Bürgerrechte wollte die rheinhessische Gesellschaft nicht so schnell wieder aufgeben.

Im Jahr 2000 ging die Geschichte als politische Einheit zu Ende

Wiederum 32 Jahre später wurde Rheinhessen gemeinsam mit der Pfalz ein Zentrum der demokratischen 48er-Revolution. Nach der Auflösung des Großherzogtums 1918 wurde Rheinhessen dem Volksstaat Hessen zugeordnet, der bis 1945 Bestand hatte. Mit der Gründung von Rheinland-Pfalz 1946 wurde die Region einer von fünf Regierungsbezirken. 1968 änderte sich das durch die Gebietsreform leicht. Die Regierungsbezirke Rheinhessen und Pfalz wurden zusammengelegt, die Bezirksregierung wechselte von Mainz nach Neustadt. Mit der Auflösung der Regierungsbezirke im Jahre 2000 ging die Geschichte Rheinhessens als politische Einheit zu Ende. Der Regionalbegriff blieb dagegen erhalten.

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Zusammenfassend kann man sagen, teilen Rheinhessen und Pfälzer aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte vielerlei Erfahrungen. In meinem neuen Arbeitsumfeld als Lokalreporterin begegnet mir also viel Altbekanntes. Aber es gibt auch Dinge, die lassen sich nicht so einfach ersetzen. Die Berge des Pfälzer Waldes beispielsweise haben für mich einen ganz besonderen Reiz, den auch 1000 Hügel nicht wettmachen können.