Erdogan fragt nach Mainz und Wiesbaden

Das Who is who des Streits um Satire, Meinungsfreiheit und Majestätsbeleidigung: Jan Böhmermann (links) und Recep Tayyip Erdogan. Fotos: dpa

Es wird nicht passieren, aber man darf ja träumen: ein Strafprozess gegen Jan Böhmermann mit dem Zeugen Erdogan in Mainz. Ernst Neger könnte eine Rolle spielen, aber auch...

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. Manche nennen Jan Böhmermann jetzt den Tucholsky der Spartenkanäle. Wenn er klug wäre, woran ernsthafte Zweifel bestehen, hätte er sich aus Angst vor Erdogan schon längst auf der griechischen Insel Lesbos versteckt, die Erdogan wahrscheinlich aus mehreren unterschiedlichen Gründen meidet. Oder aber, noch viel besser, er bäte jemanden um Vermittlung, der für seine rhetorische Brillanz und sein diplomatisches Geschick berühmt ist, und dem Böhmermann seit langem nahesteht: Lukas Podolski, auch Prinz Poldi genannt. Die beiden sind quasi alte Kumpel im Geiste, seitdem Böhmermann dem Podolski ein Knaller-Zitat untergeschoben hat: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ Nicht schlecht. Jedenfalls deutlich besser als „Ziegenficker“. Wir werden das in Zukunft nur noch das „Z-Wort“ nennen.

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Andererseits hat es Podolski gar nicht nötig, dass ihm einer Sprüche andichtet, er hat selbst eigene genug. Zum Beispiel: „Es geht nicht um Systemfußball oder einen anderen Scheißdreck.“ Oder, und das passt gut zur Lage Böhmermanns: „Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln.“ Das Wichtigste: Podolski ist in der Türkei, bei Galatasaray Istanbul. Quasi Prünz Püldi. Er könnte für Böhmermann ein gutes Wort einlegen bei Erdogan. Dass er dabei das „Z-Wort“ nicht benutzen darf, muss man dem Poldi aber noch mal sagen.

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Böhmermann ist jetzt, kein Scherz, von dem angeblich berühmten Kolumnisten Franz Josef Wagner hart angegangen worden: „Sie sahen aus wie ein ewig pubertierender Sparkassen-Azubi.“ Böse Zungen behaupten, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband habe Strafanzeige und Strafantrag wegen Beleidigung gestellt mit dem Argument: „Unsere Azubis pubertieren nicht ewig, sondern höchstens zehn Jahre. Danach promovieren sie. Oder sie helfen armen Rentnern, Briefkastenfirmen in Mecklenburg-Vorpommern zu gründen.“

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Gut, es wird nicht passieren. Aber man darf ja träumen: ein Strafprozess gegen Böhmermann in Mainz. Schon mit der Anklageerhebung wird Böhmermann für alle Satiriker zum Märtyrer, womit sich die Frage stellt, ob ihm dann auch etwas zusteht, das man als Pendant zu den vielen Jungfrauen ansehen könnte, Sie wissen schon. So. Und den Spruch, dass das verdammt schwierig würde, so viele Jungfrauen zu finden in der Region, den verkneifen wir uns jetzt.

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Ein solcher Strafprozess muss natürlich zwingend am 11.11. beginnen, und zur Feier des Tages wird auch der Rosenmontagszug auf diesen Termin gelegt, was künftig zur Regel wird, weil zu den normalen Fastnachtsterminen in Zukunft ohnehin die Sturm- oder die Terrorgefahr ein unüberwindliches Hindernis darstellt. Vor Prozessbeginn werden nicht, wie etwa bei Fußball-Länderspielen, Nationalhymnen gespielt und gesungen, sondern Ernst Negers Hit „Rucki Zucki“. Welche Musik nach der Urteilsverkündung zum Vortrag kommt – wir wissen es nicht. Im Rennen sind in jedem Fall „Heile, heile Gänsje“, ebenfalls von Ernst Neger, „Inch‘ Allah“ von Salvatore Adamo und „Irgendwie, Irgendwo, Erdogan“ in einer freien Interpretation nach Nena featuring NDR. Der Prozess muss nach den Regeln der Scharia geführt werden. Nicht zuletzt: An Verhandlungstagen gibt es in der Gerichtskantine ausschließlich Döner.

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Der Höhepunkt: Erdogan als Zeuge in Mainz vor Gericht. Mit freiem Geleit. Zuvor besichtigt er die Stadt und erkundigt sich, ob es ethnische Konflikte gibt, zwischen Mainzer und Wiesbadener Bevölkerungsgruppen. Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling lügt und sagt: „Nein.“ Erdogan ist bereit, Julia Klöckner zu treffen und ihr, anders als so mancher Imam, die Hand zu geben – allerdings unter der Voraussetzung, dass Klöckner Handschellen trägt. Begründung: Klöckner sei ja mal Journalistin gewesen, und bei so selbstbewussten Frauen wisse man überhaupt nie. Klöckner bespricht sich daraufhin mit ihrem engsten Beraterkreis, also mit sich selbst, und verkündet sodann den Plan A 3, mündend in die Erklärung, diese Art von Praktiken (Handschellen) lehne sie ab, aber alleine schon Erdogans Ansinnen mache deutlich, welcher Geist herrsche, in Zukunft in Rheinland-Pfalz unter einer Ampelkoalition, und das müsse verhindert werden.

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Nach diesem Eklat kommt es dann nicht mehr zu Verhandlungen über einen gemeinsamen Schwimmbad-Besuch von Klöckner und Erdogan und die dabei zu beachtenden Bekleidungsvorschriften. Was uns da alles entgeht! Wir weinen.