Frau Mustermann

Unvergessen war Annemarie Wendl als neugierige Hausmeisterin Else Kling in der ARD-Serie Lindenstraße. Bis zu ihrem Tod 2006 mimte die Schauspielerin eine jener im Haus herumspionierenden Frauen Mustermann, wie es sie wohl in jedem Viertel gibt. Archivfoto: dpa/ARD

Frau Mustermann ist überall. Der Name ist ein Platzhalter. Der Name ist Programm. Denn Frau Mustermann hält ihren Platz - und zwar am Fenster.

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. Frau Mustermann ist überall. Der Name ist ein Platzhalter. Der Name ist Programm. Denn Frau Mustermann hält ihren Platz - und zwar am Fenster. Ich bin mir sicher, jedes Mainzer Mehrfamilienhaus, ja, jedes Mehrfamilienhaus in Deutschland hat eine Frau Mustermann, deren Berufung es ist, am Fenster zu stehen und zu beobachten. Sie mustert jeden, der daran vorbeigeht. Wenn sie etwas beobachtet, das nicht in ihr Muster passt, dann wird es notiert. Sie selbst verhält sich natürlich immer mustergültig.

Meist ist Frau Mustermann nicht alleine am Fenster. Zu ihr gehört ein treuer Begleiter auf vier Pfoten. Vorzugsweise Typ Yorkshire Terrier oder Westie, mit Schleife natürlich. Der kleine Racker, der Frau Mustermann mit den Jahren immer ähnlicher geworden ist (oder ist es umgekehrt?) hört auf einen meist menschlicheren Namen als die eigenen Kinder. Während Frau Mustermanns Tochter als Meenzer Mädsche auf den rassigen Namen "Carmen" hört ("Ei, de Urlaub auf Mallogga war immer so schee!") heißt ihr Gefährte mit Fell "Franziska" statt "Fiffi".

Musterbeispiel an Fleiß, Ordnung und Kardinaltugenden

Aber seien wir tolerant, wenn es Frau Mustermann schon nicht ist. Sie selbst hält sich für ein Musterbeispiel an Fleiß, Ordnung und allen anderen Kardinaltugenden, weshalb sie es sich zur Aufgabe gesetzt hat, jeglichen Verstoß gegen musterhaftes Benehmen zu benennen und wenn möglich auch zu bestrafen. Stellt man seinen Plastikmüll fälschlicherweise einen Tag zu früh vor die Tür, dann hängt spätestens eine Minute später ein Zettel daran, der einen in knallgelben Lettern "Erst morgen rausstellen!" entgegenschreit. Lacht man an einem Wochentag nach 23 Uhr noch einmal zu laut, wird der Besenstil gezückt und gegen die Decke geklopft. Manche Hausbewohner nennen Frau Mustermann schon liebevoll "Feuermelder".

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Alarmierend findet sie auch die Beobachtung, dass die Nachbarin oftmals erst spät nach Hause kommt und das Haus morgens auch nicht vor 9 Uhr verlässt. "Faule Studenten", flüstert sie Franziska etwas zu laut am offenen Fenster zu. Dass der Grund der späten Heimkehr am Abend vielleicht ein Beruf sein könnte, bei dem man auch abends mal Termine hat, darauf kommt sie nicht.

Ein Perspektivwechsel täte Frau Mustermann sicher gut. Das Internetlexikon behauptet Frau Mustermann sei eine fiktive Person. Ich aber weiß: Frau Mustermann existiert. Und nach meinem Umzug weiß ich auch: Sie ist überall.

Lea Mittmann