Gedenkfeier für Opfer der Messerattacke in Würzburg

Markus Söder (CSU, l), Bayerns Ministerpräsident, und Christian Schuchardt (CDU), Oberbürgermeister von Würzburg, gedenken in der Innenstadt der Opfer einer Messerattacke. In Würzburg hat ein Mann am 25.06.2021 wahllos Menschen mit einem Messer attackiert. Drei Personen wurden getötet, mehrere verletzt.  Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren sind bei dem Messerangriff eines 24-jährigen Somaliers gestorben. Und es gab zahlreiche weitere Opfer. Alle aktuellen Informationen.

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WÜRZBURG. Nach unterschiedlichen Angaben zu Zahl und Identität der Opfer des Messerangriffs von Würzburg hat die Polizei am Sonntag ihre Angaben präzisiert. Demnach starben in einem Kaufhaus drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren. Der Verdächtige hatte die Opfer, die dort einkaufen wollten, am Freitagnachmittag unvermittelt mit einem Messer angegriffen, das er sich zuvor in der Haushaltswarenabteilung besorgt hatte. Vorherige Angaben, eine der Frauen habe in dem Laden als Verkäuferin gearbeitet, träfen nicht zu, sagte ein Polizeisprecher.

Gedenkfeier in Erinnerung an Opfer der Messerattacke in Würzburg

Minutenlanges Glockengeläut: Bei einer Trauerfeier im Würzburger Kiliansdom haben viele Menschen den Opfern des tödlichen Messerangriffs von Freitag gedacht. Das Gewaltverbrechen habe die Menschen bis ins Mark erschüttert, sagte Würzburgs Bischof Franz Jung am Sonntag.

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"Die Trauer um die verlorenen Menschen wird niemals enden", sagte Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU). "Ich war vorgestern Abend gelähmt und erschüttert vor Entsetzen." Er warnte davor, andere Flüchtlinge in Sippenhaft zu nehmen für die Tat des Somaliers, dessen Motiv Ermittlern zufolge noch unklar ist.

Zum Gedenkgottesdienst waren neben Angehörigen der Opfer und Einsatzkräften zahlreiche Vertreter der Politik und des öffentliches Lebens geladen. Darunter waren Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) und der Präsident der Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Elfjähriges Mädchen schwer verletzt

Zudem verletzte der Somalier in dem Geschäft einen 57 Jahre alten Mann leicht. Der 24-Jährige griff in dem Laden den Ermittlungen zufolge auch eine 52-jährige Frau an. Sie wurde schwer verletzt, ist aber außer Lebensgefahr. Auf der Straße vor dem Kaufhaus fanden Polizisten ein elfjähriges Mädchen sowie einen 16 Jahre alten Jugendlichen - beide mit schweren Verletzungen. Lebensgefahr bestand bei beiden am Sonntag nicht mehr.

Der Täter verletzte darüber hinaus eine 26 Jahre alte Frau leicht - sie wurde ebenfalls auf der Straße gefunden. In einer nahe gelegenen Bank soll der Mann eine weitere Frau angegriffen haben. Die 73-Jährige kam mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus, ist aber laut Polizei nun außer Lebensgefahr.

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Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) informiert über neue Erkenntnisse zu Täter und Tathergang in Würzburg. Foto: dpa
Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) informiert über neue Erkenntnisse zu Täter und Tathergang in Würzburg. (© dpa)

Der Zustand einer 39-Jährigen, die der Somalier ebenfalls attackierte, war am Sonntag stabil. Sie sei nicht mehr in einem lebensbedrohlichen Zustand, sagte der Sprecher. Wo der Mann diese Frau angriff, war zunächst unbekannt. Die blutige Bilanz der Messerattacke: drei tote Frauen, drei lebensgefährlich verletzte Frauen, ein Mädchen und ein Jugendlicher in Lebensgefahr, ein leicht verletzter Mann und eine leichtverletzte Frau, so die Polizei.

Das bayerische Landeskriminalamt übernahm in Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen zu den Hintergründen von den lokalen Behörden. Die Übergabe an die übergeordneten Behörden erfolge, weil es sich um eine "Amoklage" gehandelt habe, erklärte Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt Frank Gosselke.

Handy-Nachrichten müssten noch untersucht werden

Ermittler fanden in dem Obdachlosenheim, in dem der mutmaßliche Angreifer zuletzt lebte, Hassbotschaften. Das sagte der Leitende Kriminaldirektor Armin Kühnert. Das Material sei sichergestellt, aber noch nicht ausgewertet worden. Auch Nachrichten auf einem entdeckten Handy müssten noch untersucht werden, was wegen der dabei genutzten Fremdsprache etwas dauere.

 Polizeiautos stehen am gesperrten Tatort. Bei einer Messerattacke in der Würzburger Innenstadt sind am Freitag mehrere Menschen getötet worden. Weitere Personen wurden verletzt, wie die Polizei mitteilte.  Foto: Carolin Gißibl/dpa
Polizeiautos stehen am gesperrten Tatort. Bei einer Messerattacke in der Würzburger Innenstadt sind am Freitag mehrere Menschen getötet worden. Weitere Personen wurden verletzt, wie die Polizei mitteilte. (© Carolin Gißibl/dpa)

Der 24-Jährige war schon vor der Tat polizeibekannt. Er soll im Januar bei einem Streit in einer Obdachlosenunterkunft zu einem Messer gegriffen und es bedrohlich in der Hand gehalten haben, wie Wolfgang Gründler von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg sagte. Worum es bei der Auseinandersetzung mit Mitbewohnern und Verwaltern ging, sagte er nicht. Verletzt worden sei niemand.

Ein psychiatrisches Gutachten steht noch aus

Die Polizei leitete aber ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung und Beleidigung ein, der Somalier kam zunächst vorübergehend in eine Psychiatrie. Das Verfahren laufe weiter, ein psychiatrisches Gutachten steht demnach noch aus.

Im Juni soll der 24-Jährige zudem einen Verkehrsteilnehmer in der Würzburger Innenstadt belästigt haben. "Da hat der Beschuldigte ein verstörtes Verhalten mit psychischen Auffälligkeiten gezeigt", sagte Gründler. Der Mann sei erneut in eine Psychiatrie gekommen, aber nach einem Tag wegen fehlenden Behandlungsbedarfes entlassen worden.

Der Mann aus dem Bürgerkriegsland Somalia sei am 6. Mai 2015 nach Deutschland eingereist, erläuterte Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert. Seit dem 4. September 2019 war der Asylbewerber in Würzburg erfasst und erhielt später subsidiären Schutz - er hält sich also legal in Deutschland auf.

Polizisten in der Nähe des Tatorts in Würzburg. Foto: dpa
Polizisten in der Nähe des Tatorts in Würzburg. (© dpa)

Auf Weisung des Amtsgerichts Würzburg sitzt der Verdächtige mittlerweile in Untersuchungshaft - wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in sechs weiteren Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall.

Bisher kein islamistisches Motiv zu erkennen

Der Pflichtverteidiger des Somaliers, Hanjo Schrepfer, sagte, sein Mandant sei trotz einer Beinschussverletzung als haftfähig eingestuft worden. Nach Gesprächen mit dem 24-Jährigen könne er bisher kein islamistisches Motiv erkennen. "Offiziell hat er sich noch nicht zur Sache eingelassen", sagte Schrepfer.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bezeichnete die Bluttat als Amoklauf. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Samstag, der junge Mann habe bei seiner Vernehmung eine Äußerung gemacht, die auf religiösen Fanatismus schließen lasse. Hinweise auf Kontakte zu militanten Salafisten gibt es dem Vernehmen nach bisher jedoch nicht. "Ich bin von dieser unfassbar brutalen Tat tief erschüttert", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Söder kündigte für Bayern Trauerbeflaggung an. "Die Ereignisse sind unfassbar und schockierend", sagte er in Nürnberg. Bayern trauere um die Opfer. "Wir bangen, beten und hoffen mit den Verletzten und den Angehörigen." Besonders dankte Söder den Bürgern, die am Freitag versucht hätten, den Täter zu stellen und in Schach zu halten: "Das war ein ganz beeindruckendes Engagement."

"Der Täter hat mit äußerster Brutalität gehandelt"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich "erschüttert" über die Ereignisse. "Der Täter hat mit äußerster Brutalität gehandelt. Für diese menschenverachtende Tat wird er durch den Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen." Zudem drückten Vertreter verschiedener Parteien vor allem per Twitter ihr Mitgefühl aus.

Polizisten sichern das Umfeld des Tatorts in Würzburg.  Foto: dpa
Polizisten sichern das Umfeld des Tatorts in Würzburg. (© dpa)

In der Universitätsstadt Würzburg herrschte auch am Tag danach Entsetzen. Menschen stellten in der Nähe des Tatorts brennende Kerzen in Gedenken an die Opfer auf. In den Blickpunkt gerieten auch die couragierten Bürger, die sich dem Angreifer in den Weg stellten. Dank kam unter anderem von vielen Politikern, die offensichtlich die kurzen Videoclips in sozialen Netzwerken gesehen hatten, in den Passanten den Somalier attackierten.

Die Tat erinnert an einen islamistischen Anschlag vor knapp fünf Jahren in Würzburg. Am 18. Juli 2016 waren in einem Zug vier Menschen schwer verletzt worden. Ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling hatte mit einer Axt und einem Messer in einem Regionalzug auf dem Weg nach Würzburg die Reisenden angegriffen. Anschließend flüchtete er zu Fuß, attackierte eine Spaziergängerin und wurde schließlich von Polizisten erschossen.

Augenzeugen berichten von der Tat

"Plötzlich kamen Menschen reingestürmt", sagte Helmuth Andrew, Kellner in einer Weinstube neben dem Tatort am Würzburger Barbarossaplatz, der Deutschen Presse-Agentur. Der 50-Jährige dachte zunächst an einen Junggesellenabschied. "Mir kam es so vor, als ob Teenager einen über den Durst getrunken hätten, und jetzt machen sie Halligalli." Dann habe er Schreie gehört - und einen Mann mit dem Ruf: "Der sticht sie draußen alle tot!"

Der Kellner schnappte sich nach eigenen Worten einen Stuhl und versuchte, zusammen mit anderen Menschen den Angreifer einzukesseln und zurückzudrängen. Videos dieser Szenen kursierten nach dem Angriff im Internet. "Das war ein ganz beeindruckendes Engagement", sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Samstag. Der Täter, barfuß und mit einem Messer bewaffnet, habe "einen starren Blick gehabt", mit weit aufgerissenen Augen, erzählte Andrew. "So hat er die ganze Zeit die Leute angeguckt, ohne eine Mimik."

Sein Kollege Olaf Velker erlebte das Geschehen nach eigenen Worten in einer nahen Bank mit, wo er eine verletzte Frau vorgefunden habe. Diese sei "vom Scheitel bis zur Sohle vollkommen blutüberlaufen" gewesen. "Es sah sehr, sehr schlimm aus." Die Kellner hatten nach der Tat ihre Schicht fortgesetzt und auch am Folgetag bis in die Nacht gearbeitet. "Wir hatten trotzdem Gäste gehabt und hatten zu tun", sagte Andrew. "Mir sind dann auch mal die Tränen gekommen - wenn ich drüber nachdenke, dass da drei Menschen gestorben sind."

Von dpa