Geschlossene Mannschaftsleistung

Geschlossene Mannschaftsleistung: Während Jogis Jungs in Brasilien einen fulminanten Auftakt hinlegten, arbeitete auch das Zeitungsteam fleißig weiter. Foto: dpa

Ob in der Innenstadt, am Rheinufer oder auf dem Gelände der Universität Mainz. Ganz gleich ob Fußballfan, Daumendrücker oder "Einfach nur dabei"- Deutscher - als um 18 Uhr...

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. Ich war noch Schüler, als Ballack bei der WM 2002 den einzig wahren Rudi und seine Truppe bis ins Finale köpfte. Bei der Heim-WM 2006 war ich im Zivildienst, als die zunächst stimmungsvolle Darbietung der deutschen Elf auf der Fußballbühne seinen dramatischen Schlussakt gegen Italien fand. Das Happy-End fehlte ebenso vor vier Jahren beim Turnier in Südafrika, als Puyol und die Furia Roja mich Student, die Anhänger der DFB-Elf sowie die zahlreichen Nationalkicker der Bestia Negra aus dem Wettbewerb schossen. Und nun durfte ich beim WM-Auftakt der DFB-Elf eine neue Erfahrung machen, indem ich als Volontär neben der Arbeit an der Zeitung von morgen das Duell gegen die Portugiesen auf einem der zahlreich flimmernden Fernseher im Desk-Raum verfolgen konnte. Ohne Ton versteht sich, um weder Arbeitsrhythmus noch Aufmerksamkeit der Kollegen nicht zu beeinträchtigen.

Mit Spannung erwartet

Schon eine Stunde vor Anpfiff pochte mein Herz, das neben dem Tippen der Tastatur, den leisen Gesprächen der Mitarbeiter und dem Öffnen und Schließen der Türen gänzlich unterging. Wurde kurz vor Spielbeginn die Mannschaftsaufstellung bekanntgegeben, wurde den Mitarbeitern kurz vor Anpfiff mitgeteilt, dass diese das Spiel auch in Ton im Foyer des Hauses verfolgen dürften und die Arbeit im Nachhinein angehen könnten. Der Drang zur Annahme der Einladung war bei mir zwar vorhanden und groß, aber wie heißt das Sprichwort so schön: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Zumal die Kollegen, die wie ich den Spätdienst angetreten waren, zunächst oben blieben. Einer für alle, alle für einen.

Als zur selben Zeit im weit entfernten Salvador Jogi Löw seinen Jungs an der Taktiktafel die Spielzüge erklärte, gingen wir Editoren an der berüchtigten "Wand" Schritt für Schritt die weitere Arbeitsweise durch: Mannschaftsformation glich dem Layout, Überschriften und Untertitel hatten die Funktion der offensiven oder defensiven Marschroute, im Fließtext passt Wort für Wort, die Bilder schießen hingegen ins Blickfeld des Betrachters. Als es soweit war und die Truppe um Neuer, Lahm und Kroos aus den Katakomben schritt, gingen einige Kollegen runter ins Foyer. Die Nationalhymnen ertönten im brasilianischen Stadion, die Kaffeemaschine brodelte hinten in der Küche.

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Debütanten hüben wie drüben

Ebenso wie Shkodran Mustafi oder Christoph Kramer ihr internationales Debüt im DFB-Dress gaben, feierte auch ich am selben Tag Premiere, weil ich zum ersten Mal als Editor am Desk im Einsatz war. Während ich Seite um Seite bearbeitete und Korrektur las, freute ich mich für einen kurzen Augenblick, als in der 12. Spielminute Müller den Ball per Elfmeter ins Tor versank und mich zu einem stillen "Ja" animierte, der eher wie ein Husten klang. Das Spiel, die Arbeit, das war noch lange nicht vorbei. Wollte ich zu Jubelschreien ansetzen, wäre ich ja schließlich ins Foyer gegangen. Selbst die emotionalen Freudenklänge aus dem Erdgeschoss des Gebäudes sowie der Sportredaktion nebenan ließen mich beim Kopfballtor von Hummels nicht zu einem emotionalen Ausbruch hinreißen. Und als Müller kurz vor Ende der ersten Halbzeit wieder zustach griff ich natürlich zur Wasserflasche statt zum Bierglas.

Die Freude war immens, die Erleichterung riesengroß. Das Herz schlug, der Kopf arbeitete. Mit einem drei zu null gingen die Spieler in die Kabine, einige Kollegen ließen sich wieder im Desk-Raum blicken. Während die Kicker verschnauften und sich erholten, aktivierten sich alle Mitarbeiter zur weiteren Arbeit. Und als Jogi seine Elf kurz vor Beginn der zweiten Hälfte vermutlich zur Konzentration mahnte, arbeiteten wir Editoren und Mitarbeiter weiter zielstrebig und genau. Der Lohn ließ nicht lange auf sich warten: Wie die deutsche Elf geschlossen bis zum Schlusspfiff agierte und mit dem verdienten 4:0-Sieg die erste Duftmarke in Brasilien hinterließ, so meisterte das Desk- und Mitarbeiter-Team seine Aufgaben am Schreibtisch.

Bei solch einer disziplinierten Leistung könnten sich beim Finale am 13. Juli vermutlich alle in den Armen liegen, ganz gleich an welchem Freudenplatz und mit welchen Freunden.

Von Ali Reza Houshami