Hausärzte schlagen Alarm: Versorgung ist gefährdet

aus Coronavirus-Pandemie

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Die Belastung für Ärzte und Fachangestellte steigt.  Foto: Picture Alliance

Die Belastung für Ärzte und Fachangestellte ist groß und nimmt weiter zu. Während die geburtenstarken Babyboomer ins Alter kommen, sinkt die Zahl der Ärzte. Was gefordert wird.

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SAULHEIM. Wer in der Praxis von Barbara Römer im rheinhessischen Saulheim anruft, spricht nun nicht mehr mit einer medizinischen Fachangestellten (MFA), sondern mit einem digitalen Telefonassistenten. Die digitale Unterstützung wurde notwendig, damit das Praxisteam die Arbeit stemmen kann. Denn mehr als zwei Jahre Corona-Pandemie haben die Hausarztpraxen an die Belastungsgrenze gebracht. Bis zu 1500 Anrufversuche gab es in Hochzeiten der Pandemie. Impfungen mussten organisiert, Patienten beraten werden. Es wurde im Akkord geimpft – auch am Wochenende. Und dann gibt es bis heute viele Corona-Fälle, die Begleitung benötigten, on top zum regulären Betrieb. Wegen Überlastung haben inzwischen viele Mitarbeiter im deutschen Gesundheitswesen dem Beruf den Rücken gekehrt.

42 Prozent Hausärzte über 60

Und damit stehen auch die Hausärzte vor dem Problem des Fachkräftemangels. Doch nicht nur die MFA, sondern auch viele Kollegen sind erschöpft – zumal 42 Prozent der aktiven Hausärzte in Rheinland-Pfalz über 60 Jahre alt sind, erzählt die Vorsitzende des Hausärzteverbands Rheinland-Pfalz. „Corona hat das Ausscheiden der Ärzte rund ums Rentenalter befeuert“, sagt Barbara Römer, die sich große Sorgen um die Zukunft der hausärztlichen Versorgung macht.

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Die Saulheimer Ärztin Dr. Barbara Römer.  Archivfoto: Thorsten Gutschalk
Die Saulheimer Ärztin Dr. Barbara Römer. (© Archivfoto: Thorsten Gutschalk)

Durch den zusätzlichen Stress in den vergangenen beiden Jahren sei die MFA-Tätigkeit in medizinischen Fächern wie Kinderheilkunde oder Hausarztmedizin unattraktiver geworden. „Wir haben einen sehr hohen Durchlauf und es müssen unterschiedlichste Fragestellungen eingeschätzt werden können“, berichtet Römer.

Immer weniger entscheiden sich für den Beruf

Immer weniger junge Menschen würden sich für den Beruf entscheiden, weil die Vergütung im ambulanten Sektor niedriger ist als im stationären Bereich. Zudem werben Krankenhäuser inzwischen massiv medizinische Fachangestellte ab. „Wir stehen in direkter Konkurrenz zu vielen Arbeitgebern und bräuchten dringend eine adäquate Finanzierung unserer Praxisstrukturen, um auch unseren MFAs ein noch besseres Gehalt anbieten können“, sagt Römer.

Stattdessen haben die Krankenkassen für 2023 eine Nullrunde gefordert. Und dass, obwohl auch in den Arztpraxen die Kosten explodieren. Auch hier steigen Personal- und Hygienekosten, Gas- und Strompreise. Die Tarifgehälter der medizinischen Fachangestellten sind zuletzt bereits um zwölf Prozent angehoben worden – ein Schritt, der dringend notwendig war.

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„Es geht mir nicht darum, dass ich finanziert bin, sondern dass die Praxis finanziert wird, damit wir gemeinsam mit unseren angestellten Kollegen und den MFAs durch eine leistungsgerechte Vergütung die Versorgung vor Ort weiter aufrechterhalten können“, sagt die Verbandsvorsitzende. Das Argument, die Ärzte hätten genug mit den Corona-Impfungen verdient, lässt sie nicht gelten. „Die Praxisteams haben so viele Überstunden geschoben wie noch niemals zuvor.“ Zudem seien Corona-Impfungen mit einem hohen organisatorischen Aufwand verbunden. Aufgrund der Überlastung von Ärzten und ihren Mitarbeitern sowie des Personalmangels werde es für inhabergeführte Praxen zunehmend schwieriger. Kaum ein Mediziner wolle noch das Risiko einer eigenen Niederlassung eingehen. Und im Verhältnis zum Bedarf werden viel zu wenig Ärzte ausgebildet. „Wir haben das Problem, dass in den nächsten Jahren viele Ärzte in Rente gehen, von unten aber kaum neue nachkommen. Zudem kommt die Babyboomer-Generation ins Rentenalter, wird älter und damit auch kränker. Das heißt, nicht nur die Anzahl der Patienten, sondern auch der Versorgungsumfang pro Patient nimmt massiv zu.“

Kapitalgesellschaften drängen in den Markt

Mit Sorge blickt Römer auch darauf, dass immer mehr Kapitalgesellschaften in den Markt drängen. In zahlreichen Städten gibt es bereits Unternehmensketten, deren Internetauftritte auf junge, gesunde, internetaffine Patienten zielen. „Unser Auftrag ist es aber, die älter werdende, multimorbide Gesellschaft in der Fläche zu versorgen“, so Römer. Der ländliche Raum ist für solche Konstrukte wenig attraktiv, da nicht gewinnbringend. „Ich sehe das große Risiko, dass Patienten zu Renditeobjekten werden und junge Kollegen keine Chance mehr erhalten, sich als Praxisinhaber zu etablieren.“

Hier sollte der Staat dringend steuernd eingreifen, wünscht sich die Ärztin. Zudem fordert sie die Abschaffung teurer Doppelstrukturen. Als Beispiel nennt sie den Gesundheitskiosk, den Bundesgesundheitsminister Lauterbach bundesweit einführen will. Hier beantworten verschiedene Experten wie Diätassistenten, Physiotherapeuten oder Hebammen die Fragen der Patienten. Allerdings müssen auch Gesundheitskioske finanziert werden – und zwar aus dem Gesamttopf der Beitragszahler. „Damit werden Parallelstrukturen geschaffen, anstatt schon jetzt vorhandene multiprofessionelle Praxisteams finanziell und organisatorisch zu stärken, damit wir die Patienten mit unserem qualifizierten Mitarbeiterstab vor Ort versorgen können“, ärgert sich Römer.

Noch erhalten die Hausärzte die ambulante Versorgung aufrecht. Was sich für die Patienten jetzt schon vielerorts geändert hat, ist, dass sich ein ganzes Hausarztpraxisteam um sie kümmert. Routineuntersuchungen werden an nichtärztliches Personal delegiert – soweit das entsprechend deren Qualifikation möglich ist. Zudem gibt es immer mehr angestellte Ärzte in den Praxen. Die nachwachsende Generation würde zurecht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einfordern.

Mehr Köpfe im System

Dazu hierfür braucht es mehr Köpfe im System, und zwar mit entsprechender Honorierung und maximaler Flexibilisierung, sagt Römer. Es müsse möglich sein, auch Ärzte mit geringer Wochenarbeitsstundenzahl einzustellen, damit auch junge Mütter oder Kollegen in Rente diese Möglichkeit erhalten. „Die Zeiten, dass ein Arzt mit zwei Helferinnen 24 Stunden, sieben Tage die Woche für seine Patienten verfügbar ist, weil die Ehefrau ihm zu Hause ‚den Rücken freihält‘, sind vorbei“, sagt Römer.