Meine Woche: Hauptsache auf Abstand

aus Coronavirus-Pandemie

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Die Corona-Regeln bestimmen das Leben, ob beim Pizza-Holen, im Büro oder in der städtischen Politik.

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DARMSTADT. Das sind schon merkwürdige Zeiten. Um seinen Lieblingsitaliener zu unterstützen, fährt man mit dem Auto von Bessungen zum Pizza-Holen nach Arheilgen. Das ist zwar alles andere als klimapolitisch korrekt, aber wenigstens ist die Straße frei - und der Wirt braucht schließlich das Geld. Die Pizza wird abstandswahrend ins Freie gereicht, kein Haustür-, aber ein Fenstergeschäft.

Haustürgeschäft und Home-Office

Beim zweiten Lieblingsitaliener im Woogsviertel funktioniert es dagegen anders. Dort ist es ein Haustürgeschäft. Über die ganze Türbreite ist in Oberkörperhöhe eine Plastikfolie gespannt. Zudem ist der Eingang mit einem Tisch blockiert, über den dann Pizza und Geld den Besitzer wechseln. Das Geschäft läuft, sagt die Chefin. Aber es wiegt natürlich nicht die Einbußen auf, die durch die aktuelle Schließung des üblichen Restaurantbetriebs entstehen.

Abstandswahrend geht es auch im weitgehend verwaisten Büro zu. Dort, wo sonst Dutzende Menschen arbeiten, geht aktuell weiträumig verteilt eine Handvoll Kollegen ihrer Tätigkeit nach. Alle anderen verrichten ihr Tagewerk im Home-Office, sei es im heimischen Arbeitszimmer, in der Küche oder im Wohnzimmer. Und es funktioniert, auch wenn es einiger Aufwand ist, den Kommunikationsfluss aufrecht zu erhalten. Man wird mit der Zeit zum Videokonferenz-Profi, eine Fähigkeit, die sich privat in der heimischen Fast-Quarantäne gewinnbringend nutzen lässt, etwa zur Online-Geburtstagsfeier mit der Tochter in einer fernen Stadt.

Auf Entzug

Abstand wahren müssen wie wir alle auch die Akteure der städtischen Politik. Zwar haben die Hauptamtlichen nebst der einschlägigen Verwaltungschefs mit der Bewältigung der Corona-Krise alle Hände voll zu tun, aber der Wegfall aller öffentlicher Termine und Zusammenkünfte mag beim einen oder anderen der Politikerriege auch für Entzugserscheinungen sorgen.

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Selbst auf Entzug gesetzt hat sich das Stadtparlament und seine Geschäfte für die nächsten Monate an den Haupt- und Finanzausschuss abgeben. Von derlei Entzug ist beim Magistrat bisher nichts zu spüren. Er produziert weiter munter Beschlüsse, angefangen von der zeitweiligen Aussetzung der Kita-Gebühren bis zur Sanierung des Verwaltungstrakts der Lichtenbergschule.

Abstand wahren heißt es jetzt auch an Ostern, ob beim Einkaufen, im Park oder beim Waldspaziergang. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es möglich ist. Schließlich wäre die ganze Abstinenz sonst umsonst gewesen. Und irgendwann wird man sich auch wieder näher kommen dürfen.

Von Joachim Nieswandt