Rehberg: 05 taumelt führungslos durch die Krise

Harald Strutz auf dem Motivwagen. Foto: Harald Kaster

Für Mainz-05-Präsident Harald Strutz war die diesjährige Fastnacht keine Zeit des Frohsinns: In der traditionsreichen Fernsehsitzung wird er verspottet und auch während des...

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. Die tollen Tage in Mainz sind für Harald Strutz in diesem Jahr keine tollen Tage. Millionen Leute vor den Bildschirmen erleben mit, wie der 05-Präsident in der traditionsreichen Fernsehsitzung närrisch verspottet wird. Tausende Narren in den Straßen der Stadt und Millionen an den Fernsehgeräten lachen am Rosenmontag über den einzigen Motivwagen, der sich mit einem Mainzer Thema beschäftigt: Harald Strutz klebt an seinem Ehrenamtsstuhl und greift mit nach vorn gestreckten Armen nach den großen Geldscheinen.

Unbequeme Medienberichte

Garniert wird dieses Narrenspiel von unbequemen Medienberichten. Da stellt der Landesrechnungshof Recherchen vor, wonach der Klubchef in seinem über drei Jahrzehnte ausgeübten Halbtagsjob als Justiziar des Landessportbundes, zuletzt dotiert mit einem Jahressalär von 40.000 Euro, keine Anwesenheitspflicht hatte und keine Tätigkeitsnachweise erbringen musste – und Letzteres auf Nachfrage auch nur in homöopathischen Dosen erbringen konnte. Privatsache? Natürlich nicht. Wir reden hier unter anderem von Steuergeldern.

Ein Sponsor kündigt am Bruchweg zum Saisonende seinen Vertrag mit dem unmissverständlichen Hinweis auf Ärgernisse, die sich um den 05-Präsidenten ranken. Der hat seinen Sohn in der Arena-Loge jenes Werbepartners für lau den 30. Geburtstag feiern lassen. Danach waren in besagter Loge die Kühlschränke leer. Da reden wir von Compliance. Das behandelt in der Wirtschaft die Einhaltung von Gesetzen und internen Richtlinien. Gut bezahlte Vorgesetzte sollten sich auf diesem Gebiet überhaupt nicht angreifbar machen. Doch der Präsident muss sich zusätzlich vorwerfen lassen, für den privaten Gebrauch regelmäßig Getränkekisten weggeschleppt zu haben aus dem VIP-Logistikraum „seines“ Vereins. Unrechtsbewusstsein? Keines. Der Präsident ließ seinen DFB-SUV auch im Beisein von Journalisten beladen.

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Sponsor fordert Vorstandsentscheidung

Der Chef des Hauptsponsors hat inzwischen deutlich gemacht, dass der Imageschaden, den der Klub längst konstatieren muss, mit den Zielen seiner Fensterfirma nicht vereinbar ist. Der „Kömmerling“-Boss fordert öffentlich eine Vorstandsentscheidung. Worum es da geht? Der Klubchef, der unerschütterlich seinen Wahlkampf vorantreibt, ist für den Klub zu einer Belastung geworden. Das wird längst offen diskutiert im Verein. Die Frage lautet: Wer aus dem Führungsgremium sagt es dem 28-Jahre-Präsidenten – und wer setzt die anstehende harte Entscheidung durch?

Der interne Abnutzungskampf ist zu weit fortgeschritten, als dass der Vorstand noch unbeschadet herauskäme aus dieser Führungskrise. Dieses als e.V. organisierte Fußballunternehmen braucht einen Neuanfang. Und das möglichst zügig. Es gibt Vorständler, die fahnden längst nach einem möglichen Nachfolger. Strutz weiß das. Es kümmert ihn nicht. Der Präsident will sich in die nächste Wahl retten. Er ist sich nach wie vor einer Mitgliedermehrheit sicher.

Keiner der kritischen Journalisten mache sich die Mühe, hat Strutz kürzlich in einem Interview mit einem Stadtmagazin behauptet, mal der Geschäftsstelle einen Besuch abzustatten. Dort könne man sehen, wie gut beim Klub unter seiner Führung gearbeitet werde. Wir sprechen regelmäßig mit Angestellten und Mitarbeitern. Die Stimmung auf der Geschäftsstelle war nie schlechter als in diesen Tagen. Der Präsident ist isoliert. Man lässt ihn machen. Was er da so genau treibt, seit er – nach Jahrzehnten der Abstinenz - täglich in seinem Büro auftaucht, das erschließt sich niemandem. Man hört nur ein Wort: Wahlkampf.

Einschätzungsfehler des Langzeitpräsidenten

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Die Misere basiert auf einem entscheidenden Einschätzungsfehler des Langzeitpräsidenten: Strutz dachte, er könne Kraft seines Amtes – und ohne, dass ihn im Verein jemand darum gebeten hätte -, den Führungsjob und perspektivisch auch den Gehaltsposten des zum FC Schalke 04 abgewanderten Managers Christian Heidel übernehmen. Dieser selbstherrliche Versuch ist grandios gescheitert. Der Multifunktionär hatte seine Verdienste in der Außendarstellung. Mehr war da nie an inhaltlicher Arbeit. Das wissen alle im Klub. Juristische Beratung? Das erledigen externe Kanzleien. Jenes Gutachten, das die Rechtmäßigkeit des entsprechenden Beraterhonorars belegen sollte, war ein bestelltes Schreiben. Ein Gefälligkeitsgutachten. Dieser Einschätzung hat bis heute niemand widersprochen. Strutz nicht, der Vorstand nicht, die betreffende Kanzlei nicht.

Der Vorstand hat das unorganisierte und nie autorisierte Treiben des Präsidenten geduldet. Da wurde sogar noch aktiv daran mitgewirkt, dass diese merkwürdige „Strutz-Struktur“ erarbeitet und verabschiedet worden ist. Eine Satzung, die darauf angelegt ist, dem amtierenden Präsidenten noch mal einen nett dotierten, mit überschaubarem Tätigkeitsfeld verbundenen, als Ehrenamt deklarierten Drei-Jahres-Vertrag zu verschaffen.

Dass es in diesem Klub nie ein unabhängiges Kontrollorgan gab, das rächt sich jetzt doppelt. In einem solchen Gremium hätten sich eventuell fachkundige Persönlichkeiten profilieren können. Jetzt taumelt der Klub führungslos und mit beschädigtem Ansehen durch die Krise.

Vorständler schauen zu

Die inhaltliche Arbeit findet statt auf der Ebene der Geschäftsführer. Diese arbeiten prinzipiell ohne Führungs- und ohne Weisungsbefugnis. Da wird einfach gemacht. Sportdirektor Rouven Schröder hat seinen Fußballbereich im Griff. Der Präsident frönt seinem Ego-Trip. Und die Vorständler schauen zu. Teils erstaunt, teils irritiert, teils besorgt, teils verärgert, teils wütend. Wer da nun die Verantwortung übernimmt? Das ist in diesem Moment nicht absehbar.

Da sind zu viele Funktionäre, die mit sich selbst beschäftigt sind. Da gibt es einen Vorständler, der seine Ehrenamtsbezüge kassiert und gleichzeitig als bezahlter Geschäftsführer von zwei vereinsnahen GmbHs fungiert. Da gibt es einen Vorständler, dessen Firma einen lukrativen Stadion-Auftrag erhalten hat. Da gibt es einen Vorständler, der als ehemaliger Finanzchef ein stattliches Honorar eingesteckt hat - der sich aber ab und an mächtig verrechnet und den Klub zweimal in gravierende wirtschaftliche Schwierigkeiten manövriert hat (was damals auch in der Zeitung stand, aber in Vergessenheit geraten ist). Ein Vorständler, der sich aufrecht gegen diese Selbstversorgermentalität gestemmt hat und stemmt, wird vom Präsidenten – man höre und staune – mit Compliance-Vorwürfen überhäuft. Wer drückt da jetzt die Stopptaste?