Rehberg: 05er-Zwischenbilanz - Normal. Oder auch nicht.

Wieder auf der Siegerstraße: Das Team von Mainz 05 feiert mit den Fans nach dem 2:0 gegen den VfL Wolfsburg. Foto: dpa

Der Umgang mit Zwischenbilanzen im Fußball lässt sehr viel Interpretationsspielraum. Je nach Belieben. Alles lässt sich deuten - und im nächsten Augenblick wieder umdeuten....

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. Als der FC Bayern kürzlich am 15. Spieltag sein erstes Hinrundenspiel verloren hat (1:3 in Mönchengladbach), da hörte man im Fernsehen Fragen wie diese: Was sagt das aus über die tatsächliche Stabilität der Bayern? Wird diese Weltklassemannschaft nun nervös? Sind die Spieler verunsichert durch die ungeklärte Zukunft von Pep Guardiola? Können diese Bayern nicht mehr mit einem Rückstand umgehen? Sind es diese Bayern nicht mehr gewohnt, nur fünf Punkte Vorsprung zu haben in der Tabelle? Lustig.

Ähnlich ergeht es Borussia Dortmund. Da hat Thomas Tuchel mit seiner neuen Mannschaft mit 38 Zählern eine Zwischenbilanz zementiert, die nie zuvor in der Bundesligahistorie ein Tabellenzweiter erreicht hat nach 16 Spieltagen. Aber die Diskussionen drehen sich fast ausschließlich um das Thema, ob diese Borussia denn den Bayern tatsächlich schon gefährlich werden kann. Die Mehrzahl der Experten hält das nicht für möglich – demnach muss man das nicht überbewerten, was da in Dortmund gerade passiert nach dem Abgang des Kulttrainers Jürgen Klopp. Merkwürdig.

Die 05er finden in diesen bundesweit geführten Debatten überhaupt nicht statt. In Spielberichten in den überregionalen Zeitungen haben die Mainzer meistens nur einen Textanteil von maximal 20 Prozent, da ist fast immer die Form und die Situation des jeweiligen Gegners wesentlich interessanter. Mainz 05 segelt durchgängig unter dem Radar. Der Klub wird wahrgenommen, wenn es nach unten bedrohlich wird (was eher selten passiert) oder wenn sich nach oben exorbitante Ausreißer ereignen (was in etwa genau so selten passiert). 24 Punkte in der Hinrunde? Normal. Uninteressant. Langweilig.

Kann man so sehen. Muss man aber nicht. 12 Punkte mehr auf dem Konto als der VfB Stuttgart, elf Punkte mehr auf dem Konto als der von Dietmar Hopp mit Millionen gepamperte Mäzenatenklub TSG Hoffenheim, zehn Punkte mehr auf dem Konto als die mit höheren Budgets arbeitenden Traditionsunternehmen Hannover 96 und Eintracht Frankfurt, neun Punkte mehr auf dem Konto als der frühere Titelanwärter Werder Bremen, punktgleich mit dem ewig international ambitionierten FC Schalke 04, punktgleich mit dem Jahr für Jahr hochwertig einkaufenden Champions-League-Werksklub Bayer 04 Leverkusen, nur zwei Punkte Rückstand auf den mit Werksmillionen (auch mit dem satten Gewinn aus dem Verkauf von manipulierten Dieselmotoren) auf Europaniveau getrimmten VfL Wolfsburg. Ist das normal?

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Normal ist, dass die 05er inzwischen recht sicher vor den euphorisch in die Saison gestarteten Aufsteigern FC Ingolstadt und Darmstadt 98 rangieren. Und normal mag auch sein, dass die 05er den durch die Europaliga gestressten FC Augsburg mal weit hinter sich gelassen haben. Wer unbedingt meckern will, der würde anmerken: Hertha BSC, der letzte Vorrundengegner der Mainzer, muss mit seinem nicht unbedingt überragend besser ausgestatteten Kader keine fünf Punkte vor der Elf von Martin Schmidt stehen. Doch das spricht eher für die Arbeit des jungen Trainers Pal Dardai und für den Lauf der Berliner, als gegen dieses immer wieder neu zu gestaltende Entwicklungsprojekt am Bruchweg.

Die 05er haben mit Joo Ho Park, Johannes Geis und Shinji Okazaki in jedem Mannschaftsteil einen das Spielkonzept prägenden Leistungsträger verloren. Dazu kam der Verkauf des auf sieben Positionen einsetzbaren Allrounders Ja-Cheol Koo. Und dazu kam das Karriereende der auf dem Trainingsplatz und in der Kabine die Werte des Klubs verkörpernden Identifikationsfigur Nikolce Noveski. Ein Abschwung ist nicht erkennbar. Die jüngste Entwicklung tendiert eher Richtung Aufschwung. Und das nennt man an diesem Standort: Erfolg. Und während in Hoffenheim und Stuttgart die „Trainerentdeckungen“ Markus Gisdol und Alexander Zorniger längst beurlaubt sind und in Bremen der ehemalige U23-Trainer Viktor Skripnik kurz vor der Entlassung steht, hat sich am Bruchweg der ehemalige U23-Trainer Martin Schmidt - trotz einer schwächeren Phase im Oktober (die selbstverständlich kritisch zu hinterfragen war) – in einem unaufgeregten Umfeld etabliert.

Daran lässt sich nichts umdeuten. Diese Zwischenbilanz steht wie in Beton gegossen. Die sich wiederholenden Mahnungen von Manager Christian Heidel, die Medien in dieser Stadt würden dieses Projekt nicht ausreichend würdigen, haben keine Grundlage. Die entscheidende Frage, die die Menschen in dieser Stadt umtreibt, bleibt dagegen unbeantwortet, und diese auf der Agenda stehende Umstrukturierungsaufgabe wird auch nach wie vor vom Klub nicht moderiert: Wer führt künftig dieses sportlich und wirtschaftlich auf sicheren Beinen stehende Fußballunternehmen - und wer verantwortet künftig die Transferpolitik? Still ruht der See.