Rehberg: Abstiegskampf ist ein ständiges Auf und Ab

Abstiegskampf ist eng und wird eng bleiben. Also Kopf hoch, Alexander Hack. Nicht von einer Niederlage umwerfen lassen. Foto: Sascha Kopp

Abstiegskampf. Entscheidungsphase. Wer sich jetzt von Stimmungsschwankungen, von Ergebnissen der Konkurrenten oder vom allgemeinen Mediengetöse verrückt machen lässt,...

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. Abstiegskampf. Entscheidungsphase. Wer sich jetzt von Stimmungsschwankungen, von Ergebnissen der Konkurrenten oder vom allgemeinen Mediengetöse verrückt machen lässt, wer die jeweiligen Momentaufnahmen nicht ins richtige Regalfach einsortiert, der lässt sich auf Nebengleise locken und verpulvert unnötig Energie. Von Spieltag zu Spieltag gibt es Wochenendgewinner und Wochenendverlierer. Die 05er haben auf den ersten beiden Etappen dieses Sechs-Tage-Turniers zu den Gewinnern gezählt. Der erstaunlich seelenlose Auftritt beim 1:2 im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach auf der dritten Etappe war der erste Aussetzer. Der Motor hat nicht nur gestottert, die Karre ist kurz stehen geblieben.

Es war immer eng in diesem Turnier, es ist eng und es wird eng bleiben. Was ist passiert im Gesamtklassement? Da zeichnet sich ab: Die Mainzer haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die Chance vertan, sich die Tür zu öffnen zu einem letzten Spieltag ohne Teilnahme an der großen Abstiegskampfkonferenz. Und zweitens müssen wir festhalten, dass der direkte Abstieg auch noch nicht vom Tisch ist. Man sollte die Dinge immer klar benennen.

Abstiegskampf ist ein ständiges Auf und Ab

Der große Sieger am letzten April-Wochenende war der FC Augsburg. 4:0 gegen den direkten Konkurrenten Hamburger SV. Das war ein Donnerschlag. Ein kleiner Sieger war der FC Ingolstadt, dem niemand ein 0:0 in der Pressinghölle Leipzig zugetraut hätte; das war ein ähnlicher Überraschungscoup wie zuletzt das Mainzer 2:2 in München. Die drei Wochenend-Verlierer: Mainz 05, der HSV - und natürlich der VfL Wolfsburg. Die Werksmannschaft ist im eigenen Stadion vom alten und neuen Deutschen Meister FC Bayern München gedemütigt worden. 0:6. Das bewegte sich am Rande einer Blamage, wenn es nicht schon eine war.

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Worauf kommt es nun an? Man kann nur einen Fehler machen: Die Momentaufnahme Niederlage zu dramatisieren, sich im Selbstverständnis und in der Stimmung komplett runterziehen zu lassen und den Blick zu verlieren für die Tatsache, dass sich auf der nächsten Etappe die nächste Chance auftut, wieder zu den Gewinnern zu zählen. Abstiegskampf ist ein ständiges Auf und Ab. Da ist selten eine Mannschaft so stabil, dass sie an den letzten sechs Spieltagen kein Spiel mehr verliert.

Mentale Schraube ist irgendwann überdreht

Die 05er laufen nun in Hamburg auf. Die Spieler von Markus Gisdol dachten, sie wären nach ihrer beeindruckenden Heimserie in der Rückrunde schon im gelobten Land. Dabei waren die Siege gegen Bayer Leverkusen (1:0), gegen Hertha BSC (1:0), gegen Borussia Mönchengladbach (2:1), gegen den 1.FC Köln (2:1) und gegen die TSG Hoffenheim (2:1) nicht mehr als die Grundlage dafür, im Endturnier mitmischen zu dürfen. Dort ist der HSV aktuell der große Verlierer: 1:2 im Derby in Bremen als Einstieg, dem folgte das überhaupt nicht für möglich gehaltene 1:2 zu Hause gegen Darmstadt 98 – und nun dieses desolate 0:4 in Augsburg. Da hat sich der HSV willenlos überrollen lassen.

Was sagte HSV-Stopper Mervin Mavraj nach dem Abpfiff in der Augsburger Puppenkiste: „Wenn mal der Wurm drin ist in einer Saison, dann bleibt der drin. Und wir merken, dass die vergangenen Wochen sehr viel Kraft gekostet haben.“ Physisch und mental. Wir hören, dass Gisdol in den vergangenen drei Wochen lange Ansprachen gehalten und viele Einzelgespräche geführt hat. Mag sein, dass da die mentale Schraube irgendwann überdreht ist, dass das tragende Metallteil im ausgeleierten Gewinde nicht mehr greift. Anders ist ein chancenloses 0:4 in Augsburg nur schwer erklärbar.

Niederlage nicht überbewerten

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Die 05er sollten also jetzt nicht glauben, nur ihnen ginge es nicht gut. Die Hamburger und die Wolfsburger (nächster Auftritt: in Frankfurt) fühlen sich schlechter. Das ist kein Trost. Aber es gehört zum Gesamtbild vor der vierten Etappe. Es gibt keinen Grund für das Team von Martin Schmidt, die miesen Gefühle nach der ersten Turnierniederlage mit in die Hamburg-Partie zu nehmen. Auf dem punktgleichen Gegner, der drei Turnierniederlagen im schwer beladenen Rucksack hat, der ein dramatisch schlechtes Torverhältnis ausweist und der am vorletzten Spieltag beim FC Schalke 04 anzutreten hat, lastet definitiv nicht weniger Druck.

Die 05er müssen sich auch nicht einreden, sie könnten nicht wilder kämpfen und besser spielen als gegen die Gladbacher. Dagegen stehen die Erfahrungen aus dem 1:0 gegen die Hertha und aus dem 2:2 bei den Bayern. Am vergangenen Samstag mag der Matchplan nicht gepasst haben. Dass die Spieler aber erst nach mehr als einer Stunde merken, dass sie zwar den Startknopf gedrückt, aber keinen Gang eingelegt haben, das dokumentiert eine ausbaufähige Gruppendynamik. Die leidige Diskussion um Führungs- und Ärmelhochkrempelspieler ersparen wir uns. Insgesamt darf man die erste Turnierniederlage nicht überbewerten. Gegen die Berliner und in der Münchner Allianz Arena war der stimmige Matchplan des Trainers jeweils der Stützpfeiler, die Mannschaft hat funktioniert – und da hat auch eine innere Flamme gelodert.

Nächste Aufgabe, nächste Chance

Wenn es eine Erkenntnis gibt nach drei Turnierauftritten: Die Schmidt-Elf kommt dann gut rein ins Spiel, wenn sie Mut und Stärke ausstrahlt, wenn sie über die aggressive Arbeit gegen den Ball die Energie, die Zuversicht aufbaut, die sich Schritt für Schritt überträgt auf die offensiven Gegenstöße. Aktive Balleroberungen in giftigen Duellen Mann gegen Mann beeindrucken den Gegner und ermöglichen die eigenen Umschaltüberfälle: Diese Formel ist der Schlüssel, der ins Türschloss passt. Nächste Aufgabe, nächste Chance. Und der HSV hat aktuell nicht viel mehr zu bieten, als läuferische und kämpferische Wucht sowie ein lärmendes Publikum.

Die Hamburger werden versuchen, sich einzureden: Wir müssen ja „nur“ das Mainz-Heimspiel ziehen - und dann sind wir schon drei Punkte weg vom Relegationsrang. Klar ist aber auch: Schnappt der HSV nur einen oder gar keinen Punkt, dann wird es so richtig schuftig. Auch dieser belastende Gedanke wabert in den Köpfen der HSV-Profis nach dem 1:2 zu Hause gegen die „Lilien“ und nach dem 0:4 in Augsburg. Die 05er? Gladbach-Spiel nach der Analyse abhaken, weglegen, im Schrank einschließen. Die Bilder aus dem vergangenen Auswärtsspiel vergegenwärtigen. 2:2 beim Deutschen Meister. Diesen Film lassen in dieser Woche auch die Hamburger Spielanalytiker rauf- und runterlaufen…