Rehberg: Ballbesitzfußball gegen Umschaltschule - oder doch...

Frankfurts Trainer Adi Hütter steht kurz vor Spielende und Pokal-Aus der Eintracht an der Trainerbank. Der SSV Ulm gewann das Spiel 2:1. Foto: dpa

Was bei der deutschen Nationalmannschaft deutlich zu viel ist, kommt in der Bundesliga eher zu kurz: Ballbesitzfußball. Bedeutet das für die nun startende neue...

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. Seit der WM 2018 haben sich viele Experten geäußert zum Zustand des deutschen Fußballs. Fasst man die vielen Meinungen zusammen, dann könnte man zu diesem Bild kommen: Die deutsche Nationalmannschaft spielt zu viel Fußball – die Bundesliga spielt zu wenig Fußball. Soll heißen: Die Elf von Jogi Löw übertreibt den eigenen Ballbesitz und ergeht sich in Passorgien in torungefährlichen Zonen – die überwiegende Mehrzahl der Bundesligateams meidet das Bestreben, aus einem strukturierten Ballbesitz heraus Torchancen herauszuspielen. Und nun?

Nicht nur der Dortmunder Boss Hans-Joachim Watzke hat kürzlich erklärt, die Ballbesitzbetonung habe ausgedient. Die WM habe gezeigt, dass die Ballbesitzmonster out sind. Man könnte daraus den Rückschluss ziehen: Wenn am kommenden Wochenende die Bundesliga startet, dann werden wir eine noch stärkere Konzentration auf den Umschaltfußball erleben. Selbst der neue Trainer des FC Bayern München ist kein Anhänger hoher Ballbesitzquoten: Niko Kovac liebt das physische Spiel und schnelle Konterattacken über die Flügel.

Eine typisch deutsche Diskussion: Schwarz oder weiß

Am vergangenen Wochenende haben sich im DFB-Pokal wieder einige haushohe Favoriten schwergetan, gegen defensiv massiert und gut organisiert auftretende unterklassige Mannschaften souveräne Siege einzufahren. Erstmals seit 1996 ist der Titelverteidiger in der ersten Runde sogar rausgeflogen. Die Frankfurter Eintracht ist gescheitert in Ulm. Der neue SGE-Trainer Adi Hütter stammt aus der Pressing- und Umschaltschule von RB Salzburg. Als Gast eines Viertligisten wird man aber nicht in viele Umschaltsituationen kommen. Da muss man auf einer Hälfte der Spielfläche eine Abwehrwand bespielen und brechen. Die Eintracht hatte keine Mittel für diese unangenehme Aufgabe, die Ulm dem Erstligisten aufgezwungen hat.

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Das lässt sich durchaus auf die Bundesliga übertragen. In jeder Partie ergeben sich Phasen, insbesondere für Heimmannschaften, in denen der Gegner top organisiert in einem Kettenverschiebesystem die eigene Spielhälfte verbarrikadiert. Mal etwas tiefer aufgestellt, mal etwas höher. Es geht kein Weg daran vorbei: Auch dafür braucht es fußballerische Lösungen. Und das gilt auch für Mannschaften, die sich als Konterspezialisten begreifen. Auch die Dortmunder werden nicht daran vorbeikommen, im eigenen Stadion Defensivbollwerke zu bespielen, ob Lucien Favre das nun will oder auch nicht. Das ist die Realität: Kaum ein Gegner bietet in der Bundesliga auswärts einen offenen Schlagabtausch an – in München, Dortmund, Leipzig, Leverkusen oder Hoffenheim schon mal überhaupt nicht.

Geringe Erfolgsquote bei langen Bällen

Die Wahrheit ist die, dass eine gute Mannschaft beides können muss. Erwische ich den Gegner in einem defensiv unorganisierten Moment, dann wäre es wenig sinnvoll, eine Umschaltgelegenheit nicht zu nutzen. Steht der Gegner vielbeinig und in einem geschlossenen Verbund in der eigenen Hälfte, dann muss ich in der Lage sein, die Kugel mittels Passspiel in diesem Dickicht nach vorne zu bewegen. Ansonsten bleibt nur der lange Flugball Richtung Strafraumlinie und der folgende Kampf um den abgewehrten Ball. Die Erfolgsquote bei den Versuchen über den zweiten und dritten Stock ist nicht besonders hoch.

Spannend zu beobachten, ob die Bundesligisten nach der deutschen WM-Enttäuschung nun noch weniger auf Kombinationsspiel setzen. Oder ob eventuell einige Trainer Lust darauf haben, Mischsysteme einzustudieren für alle Phasen, die sich innerhalb eines wechselvollen Spielverlaufs ergeben. In Deutschland wird oft so getan, als sei das eine viel zu komplizierte Wissenschaft, für ein flexibles Aufbauspiel Freilauf- und Passmuster zu entwickeln. Das geht. Dass es dann im Angriffsdrittel auch ballsichere und trickreiche Stürmer braucht, die sich in eng besetzten Räumen behaupten und durchsetzen können, das ist eine Notwendigkeit. Das bleibt eine Frage der Ausbildung.

Die Arbeitsthese lautet: Nicht die Dominanz über eigenen Ballbesitz ist out, sondern der Ballbesitz ohne Tempo, ohne Tiefenspiel und ohne Torgefahr ist out. Das gilt aber auch für ein unpräzises, umständliches und wenig zielstrebiges Umschaltspiel. Und Kontermannschaften, die ein Spiel ab dem 0:1 nicht mehr wenden können, haben eben auch ein Problem. Was wünschen wir den Bundesligisten zum Start: Mehr Mut, auf das zu reagieren, was die Spielsituation und der Spielverlauf verlangen.