Rehberg: Bayern München und der Spielerversteher

Carlo Ancelotti. Foto: dpa

Die Bayern nur auf dem zweiten Platz der Liga, zuletzt sogar in der Champions League verloren. Ist das schon eine Krise? Und was genau will eigentlich Carlo Ancelotti der von...

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. Ist das nicht leicht verrückt? Da hat Pep Guardiola mit dem FC Bayern bis auf die Halbfinalspiele in der Champions League alles gewonnen, was es in seinen drei Jahren in München zu gewinnen gab. Aber als sich der menschlich ebenso nette wie sperrige, unter Dauerstrom stehende und die Profis täglich bis ins Detail fordernde Trainerguru zu Manchester City verabschiedete, da haben an der Säbener Straße angeblich viele Leute befreit aufgeatmet. Und in den Medien tobte die Diskussion: Mit dem ruhigen „Spielerversteher“ Carlo Ancelotti wird ganz bestimmt alles besser! Und jetzt? Die Bayern sind nach zwölf Spieltagen nur Tabellenzweiter, und das noch hinter einem Aufsteiger, zuletzt wurde dann auch noch die CL-Partie in Rostow verloren. Und plötzlich geistert durch die Fernseh- und Zeitungslandschaft die Frage: Fehlen den Bayern die permanenten Elektroschocks des Fußballnerds Pep Guardiola?

Weltauswahl mit mittelmäßigen Resultaten

Am Freitagabend schlägt die Münchner Weltauswahl in Mainz auf. Und viele Experten sind sich sicher, dass „diese Bayern“ verwundbar sind. Auch Ancelotti ist in München glänzend gestartet. Fünf Bundesligasiege. Doch danach wurde es holprig. 1:1 zu Hause gegen den 1. FC Köln, 2:2 in Frankfurt, 1:1 zu Hause gegen die TSG Hoffenheim und 0:1 in Dortmund. Das waren die Ergebnisse, die man von den „Pep-Bayern“ nicht gewohnt war. Noch irritierender ist die träge Spielweise des Serienmeisters. Ancelotti ist Italiener. Er kommt aus einem Land, in dem das Ergebnis wesentlich mehr zählt als ein wie auch immer gearteter Erlebnisfußball. Ancelotti hat beim Pragmatiker Arrigo Sacchi gelernt. Guardiola, der beeinflusst wurde vom Passfanatiker Johan Cruyff, war und ist Idealist: Gewinnen, ohne den Gegner komplett zu beherrschen und auch noch schön zu spielen, ist dem Perfektionisten ein Graus.

Taktisch fällt bislang nur auf, dass die Bayern das unter Guardiola eingetrichterte Extrempressing in der gegnerischen Spielhälfte aufgegeben haben. Die sekundenschnelle Rückeroberung der Kugel, das war und ist die Basis von Guardiolas brutaler Dominanz über eigenen Ballbesitz. Ancelotti mag es, wenn sich seine Mannschaft nach Ballerverlust auch mal zurückzieht. Um auch Möglichkeiten zu schaffen für schnelle Gegenzüge. Und genau da tun sich in diesen Tagen Schwächen auf. Weil der FCB auch in der eigenen Hälfte nicht top organisiert und hoch konzentriert die Passwege zustellt und schon gar nicht aggressiv die Kugel jagt. Das eröffnet dem Gegner Handlungsräume. Welche Spielidee Ancelotti im Detail verfolgt, das lässt sich noch gar nicht sagen. Der einstige Weltklasse-Mittelfeldspieler lässt sich da nicht in die Karten schauen.

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System zertrümmern oder in Teilen behalten?

Carlo Ancelotti erlebt erstmals in seiner Karriere, wie schwierig es ist, eine Guardiola-Elf zu übernehmen. Was der Spanier mit seinen Spielern veranstaltet, das grenzt zuweilen an fußballerische Entmündigung. Das Feld ist (gedacht) aufgeteilt in Längsbahnen und in Querbahnen, das lässt Quadrate entstehen. Und Guardiola trichtert den Profis täglich ein, wann er in welchen Quadraten welchen Positionsspieler sehen will – gegen den Ball und mit Ball. Ausnahmen? Gibt es nicht. Das hinterlässt Spuren. Ein neuer Trainer muss sich entscheiden, ob er dieses tief in den Köpfen der Profis verwurzelte System übernimmt, in Teilen aufrecht erhält oder komplett zertrümmert.

Bei Ancelotti sieht das im Moment nach dem Mittelweg aus. Und dann kann es passieren, dass die alten Gewohnheiten im Passverhalten - ohne die entsprechenden Trainingsinhalte und ohne die entsprechenden Anweisungen von der Seitenlinie aus - brüchiger werden. Und neue Elemente unter dem – eher selten vor der Bank aktiv coachenden - neuen Trainer noch nicht perfekt greifen. Und schon ist der FC Bayern wieder eine Mannschaft, die sich in engen Spielen auf ihre individuelle Klasse verlassen muss. Und dieser „Heldenfußball“ funktioniert eben nicht immer. Zumal dann, wenn die Tormaschine Thomas Müller nicht trifft; der Spielentscheider mit den staksigen Beinen hat in dieser Saison noch nicht einen einzigen Bundesligatreffer stehen. Und auch Torjäger Robert Lewandowski durchlebt gerade ein Tief. Und der treffsichere Arjen Robben schleppt sich nach permanenten Verletzungsproblemen von einer Comebackphase in die nächste.

Nur der Henkeltopf zählt am Ende

Ancelotti, der mit dem AC Mailand und mit Real Madrid insgesamt dreimal die Champions League gewonnen hat, kann darauf verweisen, dass seine Mannschaft sehr häufig ihren Leistungshöhepunkt in der Entscheidungsphase einer Saison hatten. Sollte der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Bauernsohn am Ende auch in München den Henkeltopf in die Höhe stemmen, dann war alles gut. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Mit der Zwischenetappe Opel Arena. Welche Chancen sich die 05er ausrechnen können vor eigener Kulisse gegen „diese Bayern“, das lesen Sie im Freitagblog. Eines wissen wir: Seit 2004 hatten alle große Bayern-Trainer immer mal wieder Probleme mit den Mainzern.