Rehberg: Bielefelder Fahrstuhl auf dem Weg nach oben

Gibt die Richtung vor: Uwe Neuhaus, Trainer von Arminia Bielefeld. Foto: dpa

Aufstiegsfavoriten in der Zweiten Liga? Hamburg, Stuttgart, Hannover, vielleicht Nürnberg. Den aktuellen Spitzenreiter hatte kaum einer der Experten auf dem Schirm. Unser...

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. Ein Kalauer-Gerücht besagt, die Stadt Bielefeld existiere gar nicht. Mag sein. Eines wissen wir: Arminia Bielefeld lebt. Herbstmeister in der Zweiten Liga. Einen Spieltag vor Ende der Hinrunde. Tabellenführer mit vier Punkten Vorsprung. Neun Siege, nur eine einzige Niederlage. Wer vor dieser Saison die Aufstiegsfavoriten aufgezählt hat, der kam auf die großen Dampfer mit langer Erstligageschichte: Hamburger SV, VfB Stuttgart, Hannover 96, 1. FC Nürnberg. Mutige Experten hoben den Finger: Die meisten Zweitligapunkte im Kalenderjahr 2019 hat aber Arminia Bielefeld eingesammelt. So richtig ernst genommen hat das niemand.

Jetzt steht der klassischste aller klassischen Fahrstuhl-Klubs ganz oben. Ein Fußball-Unternehmen, das nur eine Kontinuität kennt: Immer kurz vor der wirtschaftlichen Pleite. Aber man kann auf die Arminia das alte Sprichwort anwenden: Not macht erfinderisch. Es ist erst ein Jahr her, da läuteten in Bielefeld mal wieder die Beerdigungsglocken. Schuldenstand: Mehr als 30 Millionen Euro. Dann tat sich eine Gruppe regionaler Unternehmer und Gönner zusammen. Das Bündnis für Bielefeld kaufte das Stadion. Einige Gläubiger verzichteten auf ihre Forderungen. Schon durfte der Vorstand stolz verkünden: Schuldenlast reduziert um 26,5 Millionen Euro.

Und wie auf Bestellung passt nun auch sportlich fast alles zusammen. Ohne große Ablösesummen. Ohne die ganz großen Gehälter. Ohne mediales Getöse. Samir Arabi, seit 2011 sportlicher Leiter der Arminia, seit 2016 zusätzlich Geschäftsführer der DSC Arminia Bielefeld GmbH und Co. KGaA, hat mit großer Ruhe und Fachkenntnis ein schmuckloses Containerschiff gebaut, das sich als extrem leistungsstark erweist - und das sich nicht vom Fahrweg abbringen lässt. Die schönen Dampfer aus Hamburg, Stuttgart, Hannover und Nürnberg mit ihren ambitionierten Ausflugszielen haben Mühe dranzubleiben – oder kommen gar nicht mit.

Die Entwicklung hat eine Logik. Die Bielefelder spielen den variabelsten Fußball in dieser Liga. Die Mannschaft verteidigt sehr gut organisiert, laufstark und aggressiv. Die Mannschaft kann mit Ballbesitz etwas anfangen. Die Mannschaft kann extrem schnell und zielstrebig umschalten. Verantwortlich für diese moderne Spielweise: Uwe Neuhaus. Als Co-Trainer von Matthias Sammer war der knochentrockene Typ, der Elektriker gelernt hat und auch als Zeitsoldat und Justizvollzugsbeamter schon gearbeitet hat, Deutscher Meister und Uefa-Pokal-Finalist (2002). Die Erfahrung des geerdeten und geradlinigen 60-Jährigen zahlt sich aus. Aufstiegsdruck? Damit muss man Neuhaus nicht kommen. Das lächelt der Stoiker gelassen weg.

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Ähnlich unaufgeregt behandelt der Torjäger und Sprecher der Mannschaft die aktuelle Situation. Fabian Klos. Seit 2011 trägt der 32-Jährige das Arminen-Trikot. 121 Tore in 273 Pflichtspielen für die Bielefelder. Bundesligaofferten hat der Hüne immer abgelehnt. Aufstieg mit der Arminia, davon träumt der 1,94 Meter große Mann, der sich diesem Klub verschrieben hat. Ein Glücksfall für den sehr ähnlich tickenden Trainer.

Klos führt die Scorerliste der Zweiten Liga an: 13 Treffer und fünf Torvorlagen. Ein Strafraumstürmer, der auch kicken kann, der Bälle festmacht und weiterleitet. Sein Partner: Andreas Voglsammer (27), ein Bayer aus Rosenheim, als Flügelstürmer ausgebildet in der Jugend des FC Bayern, schnell, trickreich, treffsicher – Zweiter in der Scorerwertung mit neun Treffern und fünf Torvorlagen. Das beste Angreiferduo der Liga serviert nicht auf den teuren Dampfern, sondern auf dem Containerschiff in Bielefeld.

Uwe Neuhaus trainiert eine Mannschaft, deren Spieler noch nie etwas ganz Großes erreicht haben in ihrer Karriere. Der Kader segelt mit der Leichtigkeit des Seins auf einer Erfolgswelle. Der Fahrstuhl in Bielefeld fährt mal wieder nach oben. Das ist eine ernst zu nehmende Gefahr für die wirtschaftlich und sportlich höher bewertete Konkurrenz an der Tabellenspitze. Und die Arminia wird gern gesehen in der Bundesliga: Weil der Klub als Aufsteiger in der Regel schnell wieder ein finanziell notleidender Abstiegskandidat ist.