Rehberg: Bilanz nach Evian

Alle an einem Strang: Die 05er (von links) Yoshinori Muto, Niki Zimlimg, Niko Bungert, Yunus Malli und Florian Niederlechner beim Konditionstraining. Foto: rscp/René Vigneron

Rehberg über die Baustellen der 05er auf dem Weg zum Saisonstart. Über fehlende Mittelstürmer, Torgefährlichkeit und Innenverteidiger mit Bundesligaformat.

Anzeige

. Woran die 05er auf dem Weg zum Saisonstart arbeiten werden, das ist: Frische, Wettkampfspritzigkeit. Dieses Element konnten die Spieler von Martin Schmidt noch gar nicht einbringen in den beiden Testspielen im Trainingslager im französischen Evian. Wer einen müden Geist und müde Beine hat, der kann dann gegen eine Mannschaft, die physisch Vorsprung hat, nicht aussehen. Das ist den Mainzern zum Abschluss der heißen Tage am Genfer See passiert beim 1:5 gegen den AS Monaco. Das muss man nicht überbewerten. Auch wenn sich der Trainer mehr Widerstandsmentalität gewünscht hätte bei dieser Partie im strömenden Gewitterregen, unter grellen Blitzen am Himmel und nach der sehr späten Ankunft am Spielort.

Die Baustellen, die noch zu bearbeiten sind, liegen auf der Hand. Da fehlt noch der Mittelstürmer, der in der Bundesliga auf Anhieb Wirkung erzielt, gegen den Ball, mit Ball und natürlich über Torgefährlichkeit. Florian Niederlechner, der Zugang aus der Zweiten Liga, ist ein Projekt. Der 24-Jährige ist ein interessanter junger Mann, den sein aggressives Anlaufverhalten und sein direkter Zug zum gegnerischen Kasten auszeichnen. Aber wenn die 05er zu ihrem ersten Auswärtsspiel nach Mönchengladbach kommen, dann braucht es in der Spitze einen Mann, der auch den Ball festmachen und sicher weiterleiten kann. Das muss Niederlechner noch lernen. Yoshinori Muto hat schnelle Bewegungen im Repertoire, aber der Japaner muss sich zunächst mal physisch an die Bundesligaanforderungen anpassen. Der kleine Pablo de Blasis muss sich nach seiner Verletzungszeit erst mal wieder ranarbeiten. Und ob der Argentinier der Ballhalter sein kann im Sturmzentrum, das wissen wir (noch) nicht. Nach dem aktuellen Stand ließe sich urteilen: Ein Mittelstürmer, der auch Fähigkeiten hat als Wandspieler, würde diesem Kader noch gut tun.

Mittelfeld ist gut besetzt

Das Mittelfeld ist gut besetzt. Fabian Frei, der Schweizer soll eine Art Spielmachersechser werden, muss in Aggressivität und Tempo zulegen. Julian Baumgartlinger, der sich als Defensivsechser etablieren soll, kommt in Form. Der Österreicher ist auch wichtig für die Einleitung der Gegenpressingattacken, auf den erfahrenen Nationalspieler kommt viel Verantwortung zu. Eine nette Entwicklung zeigt Suat Serdar auf. Der 18-Jährige, der noch ein Jahr in der U19 aktiv sein könnte, spielt längst Männerfußball. Serdar führt Zweikämpfe, er gewinnt Zweikämpfe, er hat ein gutes Gefühl für den richtigen Pass. Schmidt will das Talent in den kommenden zwei Monaten bei den Profis behalten. Natürlich braucht Serdar Wettkämpfe, aber die wird er sich wohl nicht mehr in der U19 holen, dann künftig schon eher in der U23. Aber aktuell hat Serdar auch Chancen, in der Bundesliga als Ersatzsechser auf der Bank zu sitzen. Denn der aus der zweiten Liga gekommene Danny Latza hat noch Rückstand in der Balleroberung. Das ist ein veranlagter Ballverteiler, aber Dominanz in seinem Raum über eine giftige Zweikampfführung, da hat Latza noch Entwicklungsbedarf.

Anzeige

Auf den offensiven Außenpositionen, das haben wir mehrfach dargestellt, hat dieser Kader Qualität, auch unterschiedliche Qualität. Auch Torgefährlichkeit? Das muss sich noch zeigen. In der Abwehrreihe dürften Daniel Brosinski, Niko Bungert, Stefan Bell und Joo-Ho Park derzeit vorne sein. Sollte sich in der Innenverteidigung eine Verletzung ergeben, dann wird es eng. Aber nicht dramatisch eng. Denn noch ist Gonzalo Jara da, der routinierte Kampf-Chilene, von dem man weiß, dass er diesen Job grundsolide erledigen kann. In den Tagen am Genfer See hat der aggressive Jara sehr gut gearbeitet. Und dann hat sich in der Monaco-Partie eine weitere Option aufgetan: Als Bungert wegen leichter Wadenprobleme raus musste, da entpuppte sich ab der 37. Minute Leon Balogun als ein tauglicher Vertreter. Der schlaksige Riese, geholt als Alternative für den Rechtsverteidigerposten, ist ein gelernter zentraler Abwehrspieler. Das war zu sehen. Der Aufstiegsheld aus Darmstadt benötigte keine Anlaufzeit, er war sofort präsent, aggressiv, auch geschickt in Situationen, in denen er sich spielerisch befreien musste in Bedrängnis am eigenen Strafraum. Vielleicht steckt in dieser Lösung eine Überraschung. Zumal der Stammspieler rechts hinten derzeit keinen Konkurrenzdruck benötigt: Daniel Brosinski weist eine beachtliche Frühform aus.

Hack fehlt Aggressivität und Mut

Unterm Strich lässt sich festhalten: Wenn Jara abgegeben werden soll, dann braucht es umgehend einen weiteren Innenverteidiger mit Bundesligaformat. Der junge Alexander Hack aus der Mainzer U23 hat sich im Trainingslager nicht an das höhere Niveau angepasst. Dem langen Kerl, eine Bank im Kopfballspiel, fehlt die Aggressivität, der Mut, das Temperament in der aggressiven Nachvorneverteidigung. Festzuhalten bleibt: Stefan Bell wächst in der Abwehr immer mehr in die Chefrolle hinein. Als kompletter Innenverteidiger. Und als Persönlichkeit, an der sich die Kollegen aus- und aufrichten können.

Dass der Klub noch einen erfahrenen Torhüter als Nummer zwei hinter Loris Karius verpflichten wird, das ist bekannt. Der talentierteste Mann aus der Nachwuchsabteilung ist wahrscheinlich der lange und schlaksige U19-Keeper Florian Müller. Der muskulöse Robin Zentner strahlte am Genfer See nicht die nötige Ruhe und Souveränität aus. Yannik Huth ist ein Bewegungstalent, extrem schnellkräftig, dem jungen Mann fehlen nur ein paar Zentimeter Körpergröße. Aus diesem Trio rekrutiert sich die künftige Nummer drei.