Rehberg-Blog: Rote Karte für Donati - Gelb für schlechte...

Donati sieht die Rote Karte beim 0:0-Spiel von Mainz 05 gegen Darmstadt 98. Foto: Sascha Kopp

Mainz 05 gegen Darmstadt 98: Ein hitziges Derby, das für Giulio Donati mit dem Platzverweis endete. 05-Trainer Martin Schmidt stellte nach dem Abpfiff die Berechtigung der...

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. Martin Schmidt kennt sich aus mit den Italienern. Der Schweizer, der aus dem Kanton Wallis stammt, ist mit Italienern aufgewachsen. In dem Tal, in dem der 05-Trainer in der Gemeinde Naters sein Leben verbracht hat, bis er beruflich nach Mainz auswanderte, wohnen sehr viele Leute mit italienischem Hintergrund. Als es in den Süditalienern wirtschaftlich extrem schlecht ging, kamen viele als Gastarbeiter in die Schweiz; insbesondere die Arbeiten am Simplontunnel in den Walliser Alpen boten attraktive Verdienstmöglichkeiten. Schmidt ging als Kind sogar mal in eine italienische Schule. Dort lernte er auch diese wunderbar klingende Sprache. Was das alles mit Fußball zu tun hat? Es geht um den Platzverweis von Giulio Donati beim 0:0 gegen den SV Darmstadt 98. Schmidt stellte nach dem Abpfiff dieses hitzigen Derbys die Berechtigung der Roten Karte überhaupt nicht in Frage. Aber der Schweizer konnte sich gut hineinversetzen in seinen italienischen Rechtsverteidiger. Denn der Cheftrainer weiß: Die Menschen aus der Toskana sind „extrem heißblütig“.

Donati stammt aus Pietrasanta. Eine kleine Stadt im Norden der Toskana, gelegen am Fuße der Apuanischen Alpen, etwa 30 Kilometer entfernt von Pisa. Donatis Vater, ein Bademeister, stammt aus dem nahen Künstenort Forte di Marmi. Dort lebt der berühmte Tenor Andrea Bocelli. Ehrenbürger dieses Städtchens ist Edmund Stoiber. Das Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern München wird von Giulio Donatis Verbundenheit zu Forte di Marmi nichts gewusst haben, als er sich in der vergangenen Woche in der Allianz-Arena über das 1:2 gegen Mainz 05 fürchterlich geärgert hat. Donati hat bis zu seinem 18. Lebensjahr für Associazione Sportiva Lucchese Libertas 1905 gespielt, ein in Lucca beheimateter heutiger Viertligist. Dann wurde das Talent von Inter Mailand entdeckt und mehrfach verliehen (an US Lecce, Calcio Padua und US Grosseto).

Um Sandro Wagner wurde es ruhig

Dieser hoch emotionale Kämpfer aus der Toskana, 2011 Vize-Europameister mit der italienischen U21-Nationalmannschaft, hat sich am Sonntag also von dem in der Jugend des FC Bayern groß gewordenen Sandro Wagner provozieren lassen. Dieser 1,94 Meter große Lilien-Stürmer war 2009 U21-Europameister mit der von Horst Hrubesch angeleiteten DFB-Elf. Wagner spielte bei jenem Turnier in Schweden überhaupt keine Rolle. Bis er im Halbfinale gegen Italien eingewechselt wurde. Im Endspiel gegen England (mit James Milner vom FC Liverpool und Theo Walcott vom FC Arsenal) stand er plötzlich in der Startelf -und erzielte die Treffer zum 3:0 und 4:0 (Letzteres wurde dann sogar zum „Tor des Monats“ gewählt). Ein großer Jahrgang mit sechs späteren Weltmeistern von 2014: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Sami Khedira und Mesut Özil. Um Sandro Wagner wurde es ruhig. Dem langen Mittelstürmer gelang keine große Karriere, mit dem 1. FC Kaiserslautern ist er 2012 aus der Bundesliga abgestiegen. Jetzt, im Alter von fast 29 Jahren, blüht er mit einer großen Laufleistung und schon neun Saisontoren in Darmstadt auf. In diesem wehrhaften Team der Verschmähten und Aussortierten.

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Schlechte Schauspielkunst des Darmstädters

Ruhmreich war der Auftritt von Wagner vor den TV-Kameras in der Coface Arena nicht. Donati habe sogar zweimal Rot verdient, erzählte der 98-Profi. Kein Wort zu seiner Provokation, als er sich mit seinen 90 Kilo bereitwillig auf den von ihm in vollem Tempo umgestoßenen Donati fallen ließ. Die folgende Strampelaktion des Mainzer Verteidigers hätte man noch durchgehen lassen können. Der letzte Hakeltritt (der als Kontakt eher harmlos war) musste einen Platzverweis nach sich ziehen. Da sind dem wilden Italiener die Nerven durchgegangen.

Doch wie sich Wagner dann schreiend zu Boden warf und sich an Körperstellen fasste, die gar nicht getroffen worden waren, das muss man als schlechte Schauspielkunst einstufen. Ebenso wie zuvor die bühnenreife Schwalbenaktion des Mittelfeldspielers Peter Niemeyer im Mainzer Strafraum. Da hätte der ansonsten gut leitende Schiedsrichter Benjamin Brand aus Bamberg zweimal die Gelbe Karte zücken müssen. Tat er aber nicht. Einen für die 05er nachteiligen Einfluss auf den Spielverlauf muss man daraus nicht konstruieren.

Spieler für Täuschungsversuche kritisieren

Das Thema ist nicht neu. Man sollte weniger die Regelhüter kritisieren, als viel mehr die Fußballer, die immer wieder aus normalen Zweikämpfen alles herausholen, was den Anschein erweckt, da sei gerade ein mit Elfmeter und/oder Roter Karte zu ahnender Mordanschlag passiert. Diese zuweilen albernen Täuschungsversuche sind es, die den Unparteiischen das Leben schwer machen. Diese Unart grassiert nach wie vor in der Bundesliga.

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Nicht jede Grätsche verursacht höllische Schmerzen, nicht jeder Ellenbogen am Kopf lässt die Schädeldecke bersten. Und jeder Gefoulte, der noch die Energie hat, sich am Boden liegend vier- bis fünfmal um die eigene Körperachse zu drehen und zu brüllen wie am Spieß, dem fehlt in der Regel gar nichts. Gelb für untalentierte Schauspieler, auch darüber sollte der DFB nachdenken. Liegen bleiben oder sich wälzen ohne Schmerzen, das sieht man in England fast überhaupt nicht. Nur auf diesem Gebiet ist die Premier League der Bundesliga überlegen.