Rehberg: Bojan - das ist vom 05-Zehner zu erwarten

Bojan Krkic. Foto: Sascha Kopp

Wer ist der neue Mann mit der Nummer 10 bei Mainz 05? Unser Experte Reinhard Rehberg blickt auf die fußballerische Vergangenheit von Bojan Krkic. Und auf die Zukunft im...

Anzeige

. In der Vereinsgeschichte der 05er gibt es keinen vergleichbar spektakulären Transfer. Ein Spieler, der bis dahin beim FC Barcelona, beim AS Rom, beim AC Mailand, bei Ajax Amsterdam und danach zweieinhalb Jahre in der englischen Premier League bei Stoke City gespielt hat, der verirrt sich normalerweise nicht an den Bruchweg. Und wenn es sich dann noch um einen Mann dreht, der schon zweimal die Champions League gewonnen hat und darüber hinaus erst 26 Jahre alt ist, dann würde man prinzipiell annehmen: Für Mainzer Verhältnisse unbezahlbar. Und außerdem: Der Bundesliga-Standort in Rheinessen sollte für einen Profi dieser Güteklasse völlig uninteressant sein. Manchmal gibt es Glücksfälle. Zum Beispiel Bojan Krkic.

An der Seite von Messi

Bojan hat bei Barca an der Seite von Lionel Messi, Xavi, Iniesta, Deco, Thierry Henry, Samuel Eto´o und Zlatan Ibrahimovic gespielt, um nur einige der Größen zu nennen. Seine Trainer in Barcelona hießen Frank Rijkaard und Pep Guardiola. In Rom hörte sein berühmtester Kollege auf den Namen Francesco Totti, der Trainer war der heutige Barca-Coach Luis Enrique. Bei Milan unter Trainer Massimiliano Allegri stürmte Bojan gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng. In Amsterdam wurde der Offensivspieler angeleitet von Frank de Boer. Bei Stoke, dessen Chef der ehemalige Bayern-Stürmer Mark Hughes ist, lief Bojan neben Peter Crouch, Marko Arnautovic, Mame Diouf oder Xherdan Shaqiri auf. Was hat dieser 26-Jährige nicht schon alles gesehen und erlebt...

Als Bojan am 1. April 2008 im Alter von 18 Jahren in einem Gruppenspiel auf Schalke sein erstes Champions-League-Tor schoss, da stand bei S04 noch der junge Manuel Neuer im Kasten. Und die 05er spielten unter Jürgen Klopp noch in der Zweiten Liga. Der FC Barcelona hatte damals zwei Jungstars im Kader, denen eine Lionel-Messi-Karriere zugetraut wurde. Das war Bojan, geboren im kleinen katalonischen Dorf Linyola, Sohn eines serbischen Vaters und einer spanischen Mutter. Und das war der ein Jahr ältere Giovani dos Santos, Vater Brasilianer, Mutter Mexikanerin. Beide wurden ausgebildet in der berühmten Nachwuchsakademie „La Masia“.

Anzeige

Ablösesummen für aufnehmende Vereine nicht zu stemmen

Beider Karrieren ähneln sich. Auch dos Santos schaffte es nicht, bei Barca Stammspieler zu werden. Er spielte später bei Tottenham Hotspur, bei Ipswich Town, bei Galatasaray Istanbul, bei Racing Santander, bei RCD Mallorca, beim FC Villareal, inzwischen heißt der Arbeitgeber Los Angeles Galaxy. Oft ausgeliehen, viel Geld bewegt, viel Geld verdient. Nirgendwo sesshaft geworden. Auch deshalb, weil die geforderten Ablösesummen für die aufnehmenden Vereine gar nicht zu stemmen waren. Und so erging und ergeht es auch Bojan Krkic. Nur eine Qualitätsstufe höher.

Bojan war ein Talent, das bei den großen internationalen Nachwuchsturnieren in einem Atemzug genannt wurde mit dem gleichaltrigen Toptalent Toni Kroos. Der Deutsche ist heute Weltmeister und einer der Stars von Real Madrid. Nur ganz wenige kommen ganz oben an. Bojan kann sehr zufrieden sein mit seiner Karriere. Nur zum Vergleich: Bei der U17-EM 2006 in Luxemburg - Kroos wurde damals als der „Goldene Spieler“ ausgezeichnet -, war Bojan im Trikot der Spanier Torschützenkönig mit fünf Treffern. Gemeinsam mit Manuel Fischer. Schon mal gehört? Eher nicht. Dieser deutsche Torjäger spielte damals in der Jugend des VfB Stuttgart – heute verdient er ein paar Hundert Euro in der Regionalliga, beim FC Homburg/Saar. Spanien gewann damals das Spiel um Platz drei im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Das 05-Talent Mario Vrancic traf, Bojan traf, direkt danach verschoss Kroos den entscheidenden Elfer.

Gute Torquoten

Bojan Krkic hat nach Barca bei allen seinen Klubs zum Stammpersonal gehört. Seine Torquoten sind gut. Bei Stoke City hat er nun seinen Stammplatz im Zehnerraum verloren. Hughes setzt auf die Neuerwerbung vom FC Liverpool, Joe Allen. Ein anderes Profil. Bojan war immer mehr der Halbstürmer. Allen spult Kilometer ab, er treibt sich überall herum, er ist im Zentrum der Passgeber, der mehr aus der Tiefe kommt, der seltener zum Tor zieht. Bojan hatte Angebote aus der Premier League. Aber der Techniker wollte jetzt in die Bundesliga. 2012 hätte er mal auf Schalke der Nachfolger seines ins Alter gekommenen Landsmanns Raul werden sollen. Die Zahlen waren utopisch für S04.

Anzeige

Nun also Mainz. Bojan gilt als ein ebenso sensibler wie seriöser Mensch. Der die ganz große Bühne gar nicht braucht, um sich wohl zu fühlen. Wollten die 05er den Galatechniker kaufen, dann sprechen wir von 10 bis 12 Millionen Euro Ablöse. Nicht darstellbar in Mainz. Wahrscheinlich wird es bei diesen fünf Monaten am Bruchweg bleiben. Aber die können interessant werden. Jhon Cordoba als wuchtiger Mittelstürmer, dahinter Bojan als feinfühliger Techniker, der die Kugel schnell macht, der dribbeln kann, der einfädeln kann, der torgefährlich werden kann, der ein sicherer Elfmeterschütze ist. Bojan kann bei offensiven Umschaltzügen der Zielspieler sein. Er kann aus dem Kombinationsspiel heraus aber auch eine ganz neue Qualität einbringen in das Mainzer Ballbesitzspiel gegen betont defensiv auftretende Gegner. Ein England-Experte hat mir erzählt: Bojan Krkic kann mit seinen Aktionen, mit seiner Ballfertigkeit, mit seiner Beweglichkeit Mitspieler besser machen – wenn der Trainer und die Mitspieler ihm das volle Vertrauen schenken.

Ob er auch Mainz-05-Fußball kann, das werden wir sehen

Was das einstige Barca-Wunderkind macht, wenn der Gegner den Ball hat? Der England-Experte sagt: Der Junge rennt, sicher nicht so aggressiv wie die Angreifer von RB Leipzig, aber er ist unterwegs. Dass Bojan ein glänzender Fußballer ist, darüber gibt es keine Zweifel. Ob er auch Mainz-05-Fußball kann, das werden wir sehen. Vielleicht richtet Martin Schmidt die Spielweise auch ein wenig aus nach der neuen individuellen Qualität in der Offensive.

Dass sich ein Profi mit dieser Vita und in diesem Alter für Mainz entscheidet, das hebt den Klub. Bundesweit. Und in Europa. Und das weckt auch ein neues Interesse bei den nicht mehr ganz so feurigen 05-Anhängern. Bojan Krkic, der sich bei all seinen Klubs sehr zügig angepasst und eingelebt hat, kommt zum richtigen Zeitpunkt. Rouven Schröder macht einen sehr guten Job. Heimlich, still und leise.

Und einen jungen Zehner für die Zeit nach Bojan hat der 05-Sportdirektor auch verpflicht: Robin Quaison wechselt an den Bruchweg.