Rehberg: Das Eintracht-Getriebe knirscht

Zwei enttäuschte Eintrachtler: Filip Kostic und Martin Hinteregger nach der Niederlage gegen Vitoria Guimaraes. Foto: dpa

Die Frankfurter Eintracht wirkt müde und überspielt, meint unser Kolumnist Reinhard Rehberg. Momentan fehlen die positiven Erlebnisse - und die Büffel.

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. Für den Einzug in die nächste Runde der Europaliga haben die Frankfurter sehr viel Glück benötigt. Zwei späte Tore von Arsenal London in Lüttich haben die Mannschaft von Adi Hütter gerettet. Sich selbst helfen, das haben die Eintracht-Profis nicht geschafft: 2:3 im Heimspiel gegen den Gruppenletzten Vitoria Guimaraes - nach 2:1-Führung.

Im Getriebe der Eintracht knirscht es. Die jüngsten Ergebnisse in der Bundesliga haben am Selbstverständnis der Mannschaft genagt. Der 11. Platz mit 18 Punkten – ordentliche sechs Zähler Abstand zum Relegationsplatz, aber sieben Zähler entfernt von einem Europapokalrang -, das entspricht nicht mehr der gestiegenen Erwartungshaltung in der Banken-City.

Die Mannschaft wirkt müde, überspielt. Die zähen Qualifikationsspiele in der Sommer-Vorbereitung mögen dafür ein Grund sein. Entscheidend ist das nicht. Als die Eintracht in der Vorsaison in der EL-Gruppenphase von Sieg zu Sieg eilte, da war von besonderen Kraftanstrengungen nie die Rede. Das Team marschierte, schoss Tore, ritt auf einer Welle. Gute Ergebnisse sorgten für Selbstvertrauen, für Überzeugung, für Leichtigkeit, für Lust am Gelingen, für ein berauschendes Gemeinschaftsgefühl.

Die Büffel sind weg

Bleiben die positiven Erlebnisse aus, dann meldet sich der Kopf auf eine andere Art und Weise. Grübelei, Selbstzweifel, die tragende Gruppendynamik leidet, in den Mannschaftssitzungen wird viel hinterfragt, die interne Fehleranalyse und die in den Medien überlagern das Gefühl für die Stärken im eigenen Spiel. Nichts geht mehr leicht von der Hand. In dieser Situation steckt die Eintracht. Und plötzlich ist das Thema da: Der Verlust der drei Topstürmer hat sich eben doch nicht so leicht kompensieren lassen.

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Die Büffel sind weg. Sébastien Haller ist bei West Ham United Stammspieler, vier Tore in der Premier League sind in Ordnung. Luca Jovic spielt bei Real Madrid (noch) überhaupt keine Rolle; neun Pflichtspieleinsätze, ein Tor. Ante Rebic gilt beim AC Mailand schon als Fehleinkauf; sieben Einsätze, kein Tor. Gemeinsam stellten die drei Stürmer ein Premiumpaket dar. In Frankfurt, in der Bundesliga.

Die Stärken der drei physisch extrem gut entwickelten Angreifer haben sich ideal ergänzt im aggressiven Pressing- und Umschaltsystem von Trainer Hütter. Drei klassische Tempostürmer, die gegen den Ball und mit Ball über den Gegner hergefallen sind mit Bereitschaft, Geschwindigkeit und Wucht. Alle drei waren gierig auf Torerfolge, alle drei bauten auf spezielle Fähigkeiten im Abschlussverhalten. Technisch überragende, kreative Mittelfeldspieler hat Hütter gar nicht benötigt. Permanenter Druck auf den Gegner, Balleroberung, zwei, drei schnelle Pässe – und vorne wurde bedingungslos in die Tiefe gesprintet.

Weniger Offensivpressing

Diese Qualität hat die Eintracht verloren. Die neuen Stürmertypen geben das nicht her. Die Mittelstürmer Bas Dost und Goncalo Paciencia haben nicht die Wucht im Anlaufverhalten, beide sind mit dem Rücken zum Tor nicht so robust und technisch geschickt wie Haller, beide sind keine Spezialisten für Sprints in die Tiefe. Der fußballerisch hoch veranlagte André Silva hat überhaupt nicht viel am Hut mit Angriffspressing – und auch der Portugiese ist kein typischer Tiefenläufer.

Das schafft Defizite im Hütter-System, gegen den Ball und mit Ball. Weniger Offensivpressing. Das bedeutet weniger Balleroberungen in der gegnerischen Spielhälfte. Das bedeutet weniger Umschaltgelegenheiten auf kurzen Wegen durch das Zentrum. Hütter hat die gruppentaktischen Abläufe modifiziert. Der Trainer lässt jetzt im Positionsspiel mehr über die Flügel angreifen. Viele hohe Flanken von den Außenverteidigern. Diese Angriffsoptionen sind für den Gegner wesentlich einfacher zu verteidigen als die aggressiven Umschaltüberfälle über Turbosprinter, die sich auf den inneren Bahnen sehr direkt und zielstrebig in den Strafraum bohren.

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Auf diese Art erzielen aktuell RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach die überwiegende Mehrzahl ihrer Tore: Balleroberungen im Zentrum, Umschalt-Durchbrüche auf der Basis kurzer Ballkontaktzeiten und rasend schneller Raumüberwindung, flache Tiefenpässe in die Lücken zwischen Innen- und Außenverteidiger, direkte Abschlüsse - oder flache und scharfe Hereingaben in den offensiv effektiv besetzten Fünfmeterraum.

Von dieser hoch effizienten Tempobolzerei gegen den Ball und mit Ball ist die Eintracht in dieser Spielzeit weit entfernt. Die Folge: Die Gegner fühlen sich von der „Flanken-Eintracht“ weit weniger gestresst – und das hat Auswirkungen auf die jeweilige Spielentwicklung.