Rehberg: Das Geld regiert den Fußball - welchen Ansatz findet...

Geldscheine, die vom Himmel regnen. Symbolfoto: dpa

Geld, Geld, immer mehr Geld. Der Wachstumswahn wird sich im Wirtschaftssegment Fußball nicht mehr stoppen lassen. Das entfremdet diese einfache Sportart von ihren Anhängern....

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. Was bringt das Neue Jahr im Fußball? Mehr Geld. Geld, Geld, Geld. Immer mehr Geld. Und noch mehr Geld. Der Wachstumswahn wird sich in diesem Wirtschaftssegment nicht mehr stoppen lassen. Der Fernsehvertrag in der englischen Premierleague spült Abermillionen auf den Fußballmarkt. Der neue TV-Vertrag in Deutschland versorgt im Sommer 2017 jeden Bundesligisten mit einigen Millionen mehr. Unter Druck gerät das globale Fußballsystem zusätzlich durch China.

Shanghai IPG hat gerade für den brasilianischen Chelsea-Reservisten Oscar (25) 70 Millionen Euro Ablöse aufgerufen. Der Lokalrivale Shanghai Shenhua soll dem argentinischen Altstar Carlos Tevez (32) für einen Zweijahresvertrag 80 Millionen Euro Gehalt überweisen. Die 16 Klubs der chinesischen Super League haben 2016 nicht weniger als 1,1 Milliarden Euro in neue Spieler investiert. Die Superreichen in diesem kommunistischen Land haben das Geld. Dennoch sind diese Zahlen verrückt.

Geld regiert den Profifußball - Geld korrumpiert den Profifußball

Über das Fußballgeschäft hat sich eine merkwürdige Dunstglocke gelegt. Immer mehr Geld. Das verwaltet wird von mal fähigen, mal weniger fähigen, mal unfähigen bis hin zu zwielichtigen Fußballfunktionären. Die Skandale bei der Fifa, bei der Uefa, auch beim DFB sind bekannt. Da haben sich alte Männer gegenseitig die Taschen voll gestopft. Das Ausmaß der Korruptionsvorgänge ist noch gar nicht bis in die Details aufgeklärt. Damit beschäftigen sich Staatsanwaltschaften in mehreren Ländern. Geld regiert die Welt. Geld regiert den Profifußball. Geld korrumpiert die Wirtschaft. Geld korrumpiert den Profifußball.

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Internationale Konzerne und steinreiche Investmentgesellschaften kaufen Profiklubs auf. Wer wissen will, wer bei englischen oder italienischen Topklubs das Sagen hat, der muss googlen. Das wird eines nicht fernen Tages auch in Deutschland so sein. Diese Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen. Der Zweitligist 1. FC Kaiserslautern hat gerade für die Suche nach einem Investor eine Agentur eingeschaltet. Motto: Mit fremdem Geld zurück in die Bundesliga – ohne Investor eine Zukunft als Regionalligist. Und mancher Fan fragt sich: Warum haben Konkurrenten wie der 1. FC Heidenheim, der SV Sandhausen oder die Würzburger Kickers – Klubs mit kleineren Etats, mit semi-professionellen Organisationsstrukturen und mit einer mittelalterlichen Infrastruktur – diese Probleme nicht (oder nur bedingt)?

Ungenügendes Knowhow ist das Problem

Wir ahnen: Weil in vielen Profiklubs über Jahre nicht gut gearbeitet worden ist, wird auch in Deutschland Investoren die Tür geöffnet werden. Nicht der Marketingklub RB Leipzig ist das eigentliche Problem, es ist das ungenügende Knowhow auf der Entscheiderebene vieler Profiklubs. Wer heute schreit, dass er mit dem aktuellen Etat keine Wettbewerbschance hat, der hat in der Vergangenheit sehr viele Fehler gemacht. Sprich: Der hat sehr viel Geld verbrannt, der hat keine Werte geschaffen, der hat keine nachhaltig wirksame Strategie entwickelt. Und dann braucht es Investoren. Die in der Regel gewinn-orientiert denken und handeln und die deshalb Entscheidungsbefugnisse einfordern.

Geld, Geld, Geld. Das entfremdet diese einfache Sportart von ihren Anhängern. Der Zersetzungsprozess hat längst begonnen. Während Marketingexperten schwadronieren, deutsche Klubs müssten verstärkt die internationalen Märkte erobern, spürt ein kerngesunder Bundesligist wie der FSV Mainz 05, wie schwierig es ist, im eigenen Haus die Leute bei der Stange zu halten. Da entfacht nicht mal mehr die Teilnahme an der Europaliga-Guppenphase ein Feuer der Begeisterung.

"Normale" Spiele werden gerne mal ausgelassen

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Und damit wären wir am Bruchweg. Wenn die Liebe nicht mehr siedend heiß glüht, dann schlägt das nicht direkt um in Abneigung. Der erste Schritt sind verschiedene Formen der Gleichgültigkeit. Dann pilgern Menschen nur noch ins Stadion zu besonderen Anlässen. „Normale“ Spiele lässt man dann schon mal aus. Und auch bei den besonderen Spielen hält sich die Stimmung in der Opel Arena in Grenzen. Darauf müssen die 05er Antworten finden. Wie wird das Thema „Bundesliga in Mainz“ wieder ein Erlebnis, das unabhängig vom Gegner und von den Ergebnissen gemeinschaftlich, emotional, mit Vorfreude und Begeisterung angenommen, gelebt wird?

Die angespannte Großwetterlage in diesem Geldgeschäft wird dabei keine Hilfe sein. Das heißt: Die 05er werden sehr eigene Bewältigungsstrategien entwickeln müssen. Auch vor dem Hintergrund, dass sich in der anstehenden Rückrunde (plus dem letzten Vorrundenspiel im Neuen Jahr) an der Mittellage in der Tabelle vermutlich nicht mehr viel ändern wird. Nach oben ist der Abstand schon sehr groß geworden, für das Abrutschen in einen dramatisch engen Abstiegskampf sollte dieser Kader zu stark besetzt sein.

Es braucht neue Ansätze

Ein paar Eigentore hat der Verein schon geschossen. Die merkwürdige Neustrukturierung, die ausschließlich ausgerichtet ist auf die Wünsche und Bedürfnisse des amtierenden Langzeitpräsidenten. Dazu kommen die Einsprüche von unabhängigen Juristen beim Mainzer Amtsgericht gegen die Ausgestaltung der neuen Führungsstruktur. Dazu kommt das Durchsickern von möglichen Kandidaten für den Aufsichtsrat (da haben sich Vertreter des Wahlausschusses Telefonnummern von möglichen Kandidaten bei Medienvertretern besorgt…). Dazu kommt die unabgestimmte Diskussion um die Gründung einer Fan-Abteilung. Dazu kommt die nicht minder orientierungslose Auseinandersetzung mit den Pyro-Fans. Da gilt es einige Scherben zusammenzukehren. Ausgang offen.

Der (nicht mehr lange) amtierende Vorstand ist mit der Bewältigung der Aufgaben überfordert. Neue fachkundige Denker und Macher sind nicht auszumachen. Kritisch betrachtet: Das Jahr 2017 beginnt dieser Klub auf der Führungsetage als ein konfliktträchtiges Provisorium. In einer in eine fragwürdige Richtung steuernden Branche. Die mehr Geld und noch mehr Geld zur Leitlinie aller strategischen Überlegungen gemacht hat und die den Sport zum Spielball wirtschaftlicher Interessen werden lässt. Wenn die zu Kunden degradierten Anhänger in diesem Prozess nicht auf der Strecke bleiben sollen, dann braucht es neue Zusammenführungs- und Identifikationsansätze. Wir sind gespannt, ob die 05er diesen Weg noch mal finden.