Rehberg: Der verrückte Malocher und der majestätische Neuling

Am Ende war der schweigsame Zinedine Zidane (hier mit seinem Superstar Cristiano Ronaldo nach dem Spiel) der Sieger. Foto: dpa

Aus relativ wenig viel gemacht hat Diego Simeone bei Atletico Madrid, findet Reinhard Rehberg im Blog. Und am Ende hat doch das mit Weltstars gespickte Team von Real Madrid und...

Anzeige

. Binnen drei Jahren hat dieser verrückte Diego Simeone seinen mit vergleichsweise kleinen Scheinen zusammengestellten Arbeitertrupp von Atletico Madrid zweimal ins Finale der Champions League geführt. Zweimal verloren. Zweimal gegen den mit bunten Girlanden behängten und mit Weltstars gespickten Stadtrivalen Real Madrid. 2014 unterlag Atletico in der Verlängerung. 2016 im Elfmeterschießen. Ist das gerecht? Natürlich nicht. Das sagt uns unser Gefühl als Normalbürger und Sportfan. Mit aufrechtem Gang und ohne Kopfschütteln holte sich Simeone am Samstagabend im Mailänder Stadion in der Ehrenloge seine Silbermedaille ab und ein schmuckloses viereckiges Blechteil, das aussah wie ein Uefa-Firmenschild. Der hünenhafte und impulsive Argentinier mit dem vernarbten Gesicht eines vom Leben gezeichneten Mafiabosses ließ sich in seiner Enttäuschung seinen Stolz nicht brechen. Simeone weiß, dass er seit seinem Dienstantritt bei Atletico kurz nach Weihnachten 2011 aus relativ wenig extrem viel gemacht hat. Und er wird damit nicht aufhören.

Henkeltopf für die Königlichen

Den riesigen Henkeltopf stemmte dann Zinedine Zidane in die Höhe. Eine majestätische Erscheinung. Ein Kopf wie aus Elfenbein. Eine schweigsame Figur. Unnahbar und unwirklich wie ein Model aus der Parfümwerbung. Dem Mann scheint die Sonne aus dem Hintern. Als Spieler Weltmeister und zweifacher Torschütze in einem Finale (1998 gegen Brasilien), Champions-League-Sieger und Siegschütze im Finale (2002 gegen Bayer Leverkusen), dreimal Weltfußballer, einst gewechselt für damals sagenhafte 75 Millionen Euro Ablöse von Juventus Turin zu Real Madrid. Dort beendete der Franzose seine große Karriere. Nach einem Ereignis, das man als den einzigen Flecken auf seinem hell strahlenden Gewand bezeichnen darf: der Kopfstoß und die Rote Karte im verlorenen WM-Finale 2010 gegen Italien. Zidane wurde irgendwann Trainer. Assistent von Carlo Ancelotti bei Real Madrid. Ergebnis: Champions-League-Sieger 2014. Jetzt hat er seine ersten Monate als Cheftrainer erlebt. Ergebnis: Champions-League-Sieger 2016. Zidane ist erst der siebte Mann im Weltfußball, der als Spieler und als Trainer den wichtigsten europäischen Titel gewonnen hat. Im Alter von gerade mal 43 Jahren. Was soll da noch kommen? Weitere Titel.

Die Bescheidenheit, mit der Zidane auftritt, macht auch ihn sympathisch. Aber man hätte dem fanatischen Malocher Simeone diesen Triumph gegönnt. Auch seinen Spielern. Picken wir uns Juanfran heraus. Der Rechtsverteidiger ist in Mailand 120 Minuten gerannt, er hat Kilometer gefressen und gegrätscht, er hat das Spiel seiner Mannschaft unermüdlich nach vorne getrieben, er hat den ebenso verdienten wie späten Ausgleich vorbereitet. Und dann scheiterte der schmale Teamarbeiter mit seinem Elfmeter am Pfosten. Danach trat Cristiano Ronaldo an. Der schöne Fußballpfau, dem in diesen 120 Minuten nahezu nichts gelungen war, verwandelte, zog sich das Trikot über den Kopf und trug fortan seinen Muskelbody zur Schau. Gerecht? Im sportlichen Sinne eher nicht. Aber der Welttorjäger Ronaldo trifft auch in den entscheidenden Momenten sehr häufig. Eine Laune des Zufalls ist das nicht.

Anzeige

Real hat die Typen für die große Bühne

Und das trifft auch auf den Kollegen Sergio Ramos zu. Der als Innenverteidiger zum zweiten Mal in einem CL-Finale getroffen hat. 2014 rettete er Real mit seinem späten Ausgleichstor in die Verlängerung. 2016 brachte er seine Mannschaft früh in Führung – und er traf auch im Elfmeterschießen. Das sind die Typen für die große Bühne. Die sind da sind, wenn die Pokale verteilt werden.

Mannschaftlich betrachtet hatte Real in Mailand keinen sonderlich guten Tag. Nach dem frühen 1:0 ließ der einstige Ballbesitzkünstler Zidane seine Elf auf Ergebnis spielen. Das ergab eine paradoxe Situation: Die Verteidigungs- und Umschaltmannschaft Atletico musste das Spiel machen, das mit Ballvirtuosen gesegnete „weiße Ballett“ schaltete um auf die abwehr-zentrierte Kontervariante. Real spielte Ergebnisfußball. Das mag Zidane in seiner Zeit in Italien gelernt haben. Funktioniert hat das nur bedingt. Man hätte dem Trainerneuling auch die Auswechslungen von Passnavigator Toni Kroos und Arbeitsstürmer Karim Benzema kritisch ausgelegt, wäre Atletico aus dem Elfmeterschießen als Gewinner hervorgegangen.

Simeone ohne die nötige Fortune

Der zweifellos noch unfertige Trainerstratege Zinedine Zidane hatte das, was erfolgreiche Trainer oft (auch) ausmacht: Glück. Der Kollege Diego Simeone hatte diese Fortune im Halbfinale gegen den in drei von vier Halbzeiten besseren, überlegenen FC Bayern München. Im Endspiel hatte Atletico in der ungewohnten Rolle als Angreifer den Triumph mehr verdient als mit dem Fußballverhinderungsansatz im Semifinale gegen Pep Guardiolas Passakrobaten.

Anzeige

Nun hat Real Madrid dieses CL-Finale gewonnen mit einem Abseitstor und einem glücklichen Moment in der Elfmeterlotterie. Die Story bleibt aber Diego Simeone mit Atletico Madrid. Zumindest für alle Klubs aus dem gehobenen Mittelstand. Mit Systemsicherheit, außergewöhnlichem Einsatz und Zusammengehörigkeitsgefühl - und trotz des ständigen Verlusts von Leistungsträgern, die von besser zahlenden Konkurrenten abgeworben werden - lassen sich auch ohne Weltstars außergewöhnliche Erfolge erzielen.