Rehberg: Deutschland muss Stärke gegen Ghana bestätigen

Wird Toni Kroos auch gegen Ghana eine der Schlüsselfiguren, oder taucht der Mittelfeldspieler ab? Foto: dpa

Teamgeist, Dominanz, spielerische Fähigkeiten, verinnerlichte taktische Abläufe, ein kluger Matchplan - das alles brachte Deutschland zum Auftakt auf den Platz. Doch Vorsicht:...

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. Von Reinhard Rehberg

Gekürt wird in Brasilien nicht die beste Mannschaft der Welt, sondern die beste Mannschaft dieses WM-Turniers. Seit dem 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal hat die deutsche Nationalmannschaft den Favoritenstempel auf dem Trikot. Vorsicht. 90 Minuten genügen nicht für eine realistische Einschätzung des Potenzials dieser Auswahl von Joachim Löw. Da waren hervorragende Ansätze erkennbar: Teamgeist, Dominanz, spielerische Fähigkeiten, verinnerlichte taktische Abläufe, ein auch von Pragmatismus geprägter kluger Matchplan, dazu passende personelle Entscheidungen des Bundestrainers. Auf dem Prüfstand stehen aber noch im Turnierverlauf wichtige Faktoren wie Stressresistenz, Widerstandsgeist, Comebackwillen, Anpassungsfähigkeiten.

Bestätigt Trio gute Leistung?

Wie präsentiert sich diese Mannschaft, wenn sich der Spielverlauf wesentlich schwieriger gestaltet als beim von günstigen Schlüsselmomenten begleiteten Startsieg gegen Portugal? Vielleicht liefert das zweite Gruppenspiel an diesem Samstagabend gegen Ghana Antworten auf diese Frage. Erst wenn das DFB-Team die ein oder andere unangenehme Hürde genommen hat binnen 90 Minuten, lassen sich inhaltlich begründete Titelfavoritenprognosen formulieren. Das gilt auch für einzelne Spieler. Drei Beispiele. Dass Toni Kroos, Mesut Özil und Mario Götze an ihren guten Tagen außergewöhnlich gute, überragende Fußballer sind, ist bekannt. Die Prüfung für dieses Trio besteht nicht darin, eine gute Leistung abzuliefern, sondern darin, wiederholt gute Leistungen auf den Platz zu bringen. Den Beweis, Konstanz mobilisieren zu können, müssen diese Edeltalente bei diesem Turnier noch erbringen.

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Jedes Spiel ist anders

Toni Kroos, glänzend gegen Portugal, hat auch beim FC Bayern wiederholt gezeigt, dass er als Ballbesitzorganisator, als Rhythmusgeber, als Tempowechsler, als Einfädler und Seitenverlagerer ein Weltklassemann sein kann, er war aber in der Bundesliga oder in der Champions League nach prächtigen Auftritten auch zu oft wieder nur ein phlegmatischer Mitläufer. Özil kann mit seinen Lückenpässen Spiele entscheiden, gegen Portugal hat es der Techniker vom FC Arsenal noch bei einer ordentlichen Arbeitsleistung belassen. Götze kann mit seinen Dribblings auf engstem Raum und mit seiner Abschlussqualität permanent torgefährlich sein, dieses Potenzial hat das Toptalent gegen Portugal gerade mal erst angedeutet. Jedes Spiel ist anders, jedes Spiel schreibt eine neue Geschichte, jedes Spiel stellt andere Anforderungen - die deutschen Kreativspieler müssen demonstrieren, dass sie auf unterschiedliche Gegner und unterschiedliche Spielverläufe adäquate Antworten am Start haben.

Ob Ghana in der Lage sein wird, diese Prüfung zu provozieren, wissen wir nicht. Das ist eine spannende Frage. Die auch die Stabilität und Flexibilität der deutschen Defensive betrifft. Sollte der Gegner eine massierte Abwehr, überfallartiges Konterspiel und physische Härte anbieten, dann kann das eine Messlatte sein für das deutsche Team. Das kann Erkenntnisse bringen, ob die Abwehrreihe mit vier groß gewachsenen Innenverteidigern auch kleine, wuselige, dribbelstarke und antrittsschnelle Konterspezialisten wie André Ayew, Christian Atsu und Asamoah Gyan wirkungsvoll verteidigen kann.

Spannende Fragen zum Kader

Und sollten die Deutschen einen vielbeinigen, engen, kampfstarken Defensivblock mit den robusten Sulley Ali Muntari und Michael Essien im Mittelfeldzentrum bespielen müssen, dann wird sich zeigen, ob das gelingen kann ohne einen Linksfuß am linken Flügel - Özil, der einzige echte Linksfuß im Team, kam gegen Portugal von rechts -, ohne Außenverteidiger mit spezifischen Offensivqualitäten auf engen Räumen und mit Thomas Müller, der entsprechende Auslaufzonen finden muss für seine aufwendige Spielweise als torgefährlicher "Bewegungsmittelstürmer". Und es wird sich zeigen, wie das Aufbauspiel funktioniert ohne die öffnenden Pässe des verletzt fehlenden Innenverteidiger-Spielmachers Mats Hummels.

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Mag sein, dass wir nach der Ghana-Partie schlauer sind. Sollte allerdings erneut ein problemloser Sieg herausspringen, dann dürfte das letzte Gruppenspiel gegen Jürgen Klinsmanns USA an Bedeutung und Brisanz verlieren. Dann warten wir auf die entscheidenden Antworten bis zu den K.o.-Spielen ab dem Achtelfinale.

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