Rehberg: Die Deutschen sind ein Turniermonster

Nationalspieler Thomas Müller und Bundestrainer Jogi Löw. Foto: dpa

Die EM beginnt. Endlich. Deutschland steigt am Sonntag ins Turnier ein. Unser Fußball-Experte Reinhard Rehberg verfolgt in seinem Bretagne-Urlaub die Spiele. Und nennt drei...

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. Die Luft des Gastgeber-Landes atmen, Atmosphäre aufsaugen. Und die EM am Fernseher genießen. Klingt blöd. Macht aber Spaß. Wir haben uns für die Bretagne entschieden. Plomodiern. Muss man nicht kennen. Das Örtchen liegt im Westen der wilden französischen Halbinsel, drei Kilometer vom Meer entfernt. Die nächsten größeren Städte sind Brest und Quimper. EM-Atmosphäre? Na ja, geht so. Der bekannt eigenwillige Bretone traut der französischen Nationalmannschaft offenbar nicht sonderlich viel zu. Ein traditionelles Keltenfest würde in dieser Region aktuell wahrscheinlich auf mehr Begeisterung stoßen. Fahnen an den Fenstern? Nicht eine einzige. Fan-Devotionalien an den Autos? Null. Aufgeregte Diskussionen auf der Straße? Nö. Aber das kann ja noch kommen.

„Alle deutschsprachigen Programme“: Von wegen!

Unser Steinhäuschen in einer ins freie Feld führenden Seitengasse stammt aus dem Jahr 1906. Wir waren sehr gespannt, wie es da mit der Technik stehen mag. Sat-TV war uns annonciert worden. „Alle deutschsprachigen Programme“, hatte uns der in Schwalbach im Taunus wohnende Quartiervermittler erzählt. „Mindestens 100 Kanäle.“ Als wir nach 14 Stunden Anreise übermüdet am Ort ankommen, zeigt uns die sehr nette Hausbesitzerin Anne als erstes das mit schönen alten Möbeln bestückte kleine Fernsehzimmer. Ein Flachbildschirm. In ordentlicher Größe. Sieht gut aus. Aber deutsche Programme? Nö. Wir drücken sämtliche Tasten auf der Fernbedienung. Kommt nix. Anne ist leicht verzweifelt. Sie telefoniert.

Zehn Minuten später kommt Pascal, ihr Freund. Handwerklich ein Multitalent. Fernsehtechnik? Nicht sein Gebiet. Anne telefoniert. Zehn Minuten später steht Danièl in der Tür. Er arbeitet in Plomodiern als Techniker bei der Post. Er macht und tut. Die Männer diskutieren und drücken unabgestimmt an zwei Fernbedienungen herum. Kommt nix. Die Fernsehsprache bleibt französisch. Anne telefoniert erneut. Zehn Minuten später steht ein im Nachbardorf lebendes deutsches Ehepaar im Haus. Er stammt aus dem Saarland, sie spricht einen Wiener Akzent. Halbzeitergebnis nach vielstimmiger Beratung, von der wir nicht viel verstehen: Das ist kein Sat-TV, das ist Internet-TV.

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Über die Favoriten diskutiert

Jetzt fällt es Danièl, der längst Gefallen gefunden hat an unserem hochprozentigen Obstler aus der Wetterau („Deutschland wird Europameister, ihr macht einen sehr guten Schnaps“), ein: Da gibt es doch ein Europa-Bouquet, da müssten die deutschen Programme versteckt sein. Tatsächlich. Das stimmt. Genau elf. Mehr Kanäle werden es nicht unter „Germany“. Aber ARD und ZDF sind dabei. Wir atmen tief durch. Und lassen uns erschlagen ins Bett fallen.

Die EM haben wir da längst ausdiskutiert in der großen Runde in unserem kleinen Fernsehzimmer. Favoriten? Der amtierende Weltmeister, klar. Gastgeber Frankreich, auch klar. Spanien, natürlich. Interessante Außenseiter: Belgien mit seiner Phalanx an in der Premier League beschäftigen Topspielern, auch die Engländer haben eine junge Mannschaft mit viel Talent und ausnahmsweise auch mit einem tauglichen Torwart (Joe Hart von Manchester City). Die Österreicher? Zumindest eine interessante Wette mit hohen Quoten. Aber Europameister? Das wollen wir uns erst gar nicht vorstellen. Die Italiener? Nein, zu wenig Talent in dieser Mannschaft. Das ist der Tenor.

Die deutsche Mannschaft ist nicht ohne Probleme in das - den Mainzer Bundesligakickern ja bestens bekannte - EM-Quartier in Evian-les-bains am Genfer See angereist. Von den Weltmeistersäulen sind Philipp Lahm und Miroslav Klose zurückgetreten, Mats Hummels und Bastian Schweinsteiger sind für die ersten Gruppenspiele noch nicht fit. Hummels-Ersatz Antonio Rüdiger hat sich kurz vor dem EM-Start einen Kreuzbandriss zugezogen. Auch Schweinsteiger-Ersatz Ilkay Gündogan fehlt verletzt. Meine Prognose lautet: Diese Schwierigkeiten werden keine entscheidende Rolle spielen. Warum? Drei Gründe:

1. Die Gruppengegner Ukraine und Nordirland werden den Weltmeister in der Defensive kaum fordern, Polen etwas mehr, aber dafür ist dieser Gegner in der Abwehr nicht hochkarätig besetzt. Spätestens nach der Vorrunde sind dann Hummels und Schweinsteiger in den K.o.-Spielen bereit für den Kampf um den Titel.

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2. Mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, Toni Kroos, Sami Khedira, Mesut Özil und Thomas Müller steht Jogi Löw von hinten bis vorne eine Weltmeisterachse zur Verfügung, die individuell auch in der abgelaufenen Saison wieder Weltklasse verkörpert hat. Bei Topklubs wie Bayern München, Juventus Turin und Arsenal London.

3. Die Deutschen sind ein Turniermonster. Und der Welttitel 2014 in Brasilien hat der Löw-Auswahl noch stärker in die Seele eingebrannt, wie man die ganz großen Ziele erreicht. Erlebte Erfolge wirken nach. Diese Emotionen will man als Leistungssportler wieder haben. Die Erfahrung, wie man innerhalb eines Turniers mit Unwägbarkeiten wie schwankenden Leistungen, komplizierten Spielverläufen, kritischen Schiedsrichterentscheidungen, manchmal nur schwer nachvollziehbaren personellen und taktischen Entscheidungen des Trainers, Glück und Pech umzugehen hat, diese Erfahrung hat diese Mannschaft.

Ob sich im DFB-Kader ein ähnlich stark ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl wie in Brasilien einstellt, das werden wir beobachten. Darauf wird es ankommen. Und auch darauf, ob die Schlüsselspieler eine gehobene Turnierform finden und halten können. Bis dahin, Grüße aus der Bretagne.