Rehberg: Die dritte Pokal-Runde hergeschenkt

Diskussionsbedarf: Die 05-Spieler (von links) Alexander Hack, Daniel Brosinski und Torwart Jonas Lössl. Foto: dpa

Raus aus dem Pokal. Mal wieder. Und wie im vergangenen Jahr gegen einen Zweitligisten. Reinhard Rehberg analysiert den Mittwochabend-K.o. von Mainz 05.

Anzeige

. Der „Fürth-Fluch“ lebt. Und dazu gesellt sich noch ein spezieller „Pokal-Fluch“: Nun schon zum fünften Mal sind die 05er als Bundesligist in diesem Wettbewerb an einem Zweitligisten gescheitert. In der vergangenen Saison war das beispielsweise der sportlich angeschlagene TSV 1860 München, der - ohne seinen nach einer Operation im Bett liegenden - Trainer Benno Möhlmann in Mainz gewann. Diesmal schubste die SpVgg Freuther Fürth - mit ihrem in der eigenen Führungsetage angezählten Trainer Stefan Ruthenbeck - die 05er in der zweiten Runde aus dem DFB-Pokal. 2:1 haben die Kleeblätter, die in der Liga überhaupt nicht aus den Schuhen kommen, am Mittwochabend gewonnen.

70 Prozent Ballbesitz

Teilen wir das Geschehen in zwei Teile. Bis zur 78. Minute führte der Bundesligist mit 1:0. Wäre zu diesem Zeitpunkt der Abpfiff erfolgt, dann hätte mancher 05-Anhänger ob der Spielqualität immer noch nicht von seinem schönsten Feierabenderlebnis gesprochen. Aber man hätte ein positives Fazit gezogen: 70 Prozent Ballbesitz, kaum Chancen herausgespielt, aber die Partie kontrolliert, sämtliche Konterversuche des Gegners schon im Ansatz konsequent abgeklemmt, Geduld bewiesen, den Gegner müde gespielt - und mit Jhon Cordoba den Siegschützen eingewechselt. Das hätte sich immer noch ganz gut angehört. Endgefühl: Schwamm drüber - Mund abputzen – auf der Rückfahrt am Bus-TV gemütlich die Auslosung der dritten Runde anschauen.

Aber da waren ja noch die letzten zwölf Minuten. In denen die bis dahin sehr gut organisiert verteidigenden, offensiv aber komplett unauffälligen Fürther dieses merkwürdige Spiel noch drehten. 30 Prozent Ballbesitz, zwei Ecken, drei Torschüsse auf den Mainzer Kasten. Und 2:1 gewonnen. Wie geht das? Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Da kann man nicht mal die Uralt-Floskel „Im Pokal ist alles möglich“ bemühen. Auch nicht den Kram mit den eigenen Gesetzen. Auch nicht das Kleeblatt im Fürther Vereinswappen. Die 05er haben den Einzug in die dritte Pokal-Runde schlicht und einfach hergeschenkt.

Anzeige

Läppische Gegentore

Wenn die Mannschaft von Martin Schmidt, das zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch diese Saison, verliert, dann kassiert sie läppische Gegentore. Auch wieder in Fürth. Das 1:1 leitete Niko Bungert aus der letzten Reihe heraus ein mit einem hektisch und unkonzentriert geschlagenen Fehlpass. Danach rannte Sercan Sarerer durch meilenweit unbewachtes Gelände. Ein simpler Doppelpass, mit Anlauf auf den passiv an der Strafraumlinie „absichernden“ Gaetan Bussmann zu, vorbei gezogen, Schuss durch die Beine von Jonas Lössl. Ausgleich. Neues Spiel. Beim 1:2 in der 90. Minute ließ sich Bussmann am Flügel von Veton Berisha viel zu leicht überlaufen. In beiden Fällen hätte der Franzose im Rücken Unterstützung benötigt. Aber in beiden Fällen trabte Innenverteidiger Alexander Hack zu spät und zudem inkonsequent herbei. Woher rührte der Spannungsabfall in der Schlussphase? Die 05-Profis wollten das Ergebnis nach Hause schaukeln. Ruthenbecks offensive Wechsel nahm da keiner mehr so richtig ernst.

Die Fürther hatten sich bis dahin eingeigelt. Verschanzt. Mit zwei eng stehenden Viererketten. Zwischen denen auch noch ein Sechser das bisschen Bewegungsraum, das da blieb, lauf- und kampfstark abdeckte. Die 05er hatten also die Aufgabe, in der gegnerischen Spielhälfte auf 40x40 Metern gegen zehn Fürther Feldspieler bespielbare Räume aufzutun. Liga-Vorteil hin oder her, das ist nicht das Kerngeschäft und schon gar nicht die Lieblingsbeschäftigung einer klassischen Umschaltmannschaft. Dass die Mainzer in der ersten Halbzeit aber nur ein einziges Mal aufs Tor schossen, das war dünn.

Im Defensivkäfig

Da zeigte sich, dass der kleine Pablo de Blasis als Stoßstürmer gegen tief verteidigende Mannschaften keine Toplösung ist. Und es zeigte sich, dass Karim Onisiwo für das Spiel in eng begrenzten Räumen koordinativ und technisch noch besser werden muss. Und es zeigte sich, dass Levin Öztunali nach furiosen Leistungen zu Saisonbeginn jetzt seinem kraftraubenden Stil Tribut zollt. Und es zeigte sich wieder einmal, dass die 05er, wenn ihnen der Ballbesitz aufgezwungen wird, Mühe haben, gegen einen stehenden Defensivkäfig Tempo aufzuziehen. Zugegeben: Hätten die Mainzer das 1:0 über die Runden gebracht, wären diese Defizite gar nicht zur Sprache gekommen. Nach der Pause fanden die 05er über eine etwas flüssigere Ballbewegung ein paar mehr Lücken im Aufbauspiel.

Anzeige

Cordobas wuchtiger Kopfstoß in luftiger Höhe nach gut einer Stunde schien die Erlösung zu bringen. Ein Standardtor. Das hilft bei einer derart einseitigen, aber auch vertrackten Spielentwicklung. Dass die 05er unmittelbar nach dem Ausgleichstreffer noch zwei Riesenchancen für die erneute Führung liegen ließen (Cordoba und Onisiwo), das eröffnete den Gastgebern das Momentum, zumindest in den allerletzten Spielminuten doch noch den - bis dahin nicht existenten – wilden Pokalfight zu organisieren. Mit dem schlechteren Ende für das Schmidt-Team. Das sich darauf einstellen muss, dass am kommenden Samstag in der Opel Arena der Bundesligagegner FC Ingolstadt ähnlich destruktiv auftreten wird wie an diesem tristen Pokalabend die „Fürth-Fluch“-Elf.