Rehberg: Die Eintracht auf Uerdingens Spuren

Friedhelm Funkel bejubelt den DFB-Pokalsieg. Im Finale am 26. Mai 1985 schlug Bayer 05 Uerdingen den FC Bayern München mit 2:1. Archivfoto: dpa

Seit 1985 findet das DFB-Pokalfinal in Berlin statt. Genau in diesem Jahr gab es dann gleich eine der größten Überraschungen der DFB-Pokal-Historie: Bayer Uerdingen schlug...

Anzeige

. Fester Endspielort für das DFB-Pokalfinale ist Berlin seit 1985. Die größte Überraschung seitdem lieferte genau jener Auftakt zur Dauerlösung im Olympiastadion. Bayer Uerdingen unter Trainer Karl-Heinz Feldkamp bezwang den hoch favorisierten Deutschen Meister FC Bayern München mit 2:1. Das Siegtor erzielte ein gebürtiger Frankfurter: Wolfgang Schäfer, damals 27 Jahre alt, wegen seiner eigenwilligen Spiel- und Lebensweise genannt „die Kapp“, traf für die Uerdinger in der 66. Minute. Die anschließende Nacht im Hotelbett verbrachte der Torjäger mit dem Cup in den Armen.

Jene Sensation liefert heute den Stoff für die Träume der Frankfurter Eintracht, die im Finale 2018 an diesem Samstagabend in Berlin den turmhohen Favoriten aus München herausfordert. Die Voraussetzungen künden von einem ungleichen Duell. Doch der Außenseiter wittert immer seine Chance. Immer.

1985 waren die Bayern noch nicht ganz so überlegen wie heute. Der Titelgewinn basierte auf einem Vier-Punkte-Vorsprung vor Werder Bremen; der Tabellensiebte Bayer Uerdingen hatte „nur“ 14 Zähler Rückstand. 2018 hat sich der FC Schalke 04 als „Best oft the rest“ 21 Punkte Rückstand eingehandelt; der Tabellenachte Eintracht Frankfurt hinkt utopische 35 Zähler hinter den Bayern her. Das sind Welten.

Großartige Bühne

Anzeige

1985 hatte der FCB unter Trainer Udo Lattek eine gute „Arbeiterelf“ mit rustikalen Spielern wie Klaus Augenthaler, Norbert Eder, Hans Pflügler, Wolfgang Dremmler, Holger Willmer, Sören Lerby, Dieter Hoeneß und dem ganz jungen Lothar Matthäus. Der FCB erwischte einen rabenschwarzen Tag, Dremmler kassierte in der 48. Minute die Rote Karte – und die Uerdinger spielten sich bei brütender Hitze in den berühmten Außenseiterrausch.

2018 steht auf dem Berliner Rasen eine technisch perfekte Weltklassemannschaft aus München, die im Champions-League-Halbfinale unglücklich am Titelverteidiger Real Madrid gescheitert ist. Und dennoch wabert in Frankfurt die Hoffnung auf die Sensation. Von zehn Duellen verliert die aktuelle Eintracht-Mannschaft wahrscheinlich sieben gegen die Bayern, zwei enden mit einem Remis – aber ein Spiel lässt sich immer mal ziehen. Warum nicht im DFB-Pokal-Finale, eventuell mit Verlängerung und Elfmeterschießen? Oder mit einem Glückstor wie jenes von dem in der Jugend der Sportfreunde 04 Frankfurt ausgebildeten Wolfgang „die Kapp“ Schäfer. Der danach nie wieder einen ähnlichen Moment erlebte, für den FC Homburg, Kickers Offenbach und RW Essen noch ein paar wenige Profi-Tore schoss und seine Karriere schließlich ausklingen ließ als an jedem Tresen gefeierter ewiger Pokalheld - beim FV Ramstein, bei der SG Bruchköbel, bei Dersim Rüsselsheim und beim SV Geinsheim.

Seit Ostern, das wissen wir inzwischen, ist sich Niko Kovac einig mit dem FC Bayern. Der Eintracht-Coach wird der Nachfolger von Jupp Heynckes. Das Finale in Berlin ist für Kovac die letzte Aufgabe als Angestellter in Frankfurt. Für den 72 Jahre alten Heynckes ist es das letzte Trainer-Spiel seines Lebens. Schöner, sentimentaler Erzählstoff. Auf einer großartigen Bühne.

Bayern wollen Saison mit Double beenden

Die Bayern-Spieler haben ihrem verehrten Lehrmeister schon dessen letztes Bundesligaspiel versaut. 1:4 in der Allianz Arena gegen den VfB Stuttgart. Man kann sich nicht so richtig vorstellen, dass die Stars dem künftigen Ruheständler Heynckes auch noch das allerletzte Abschieds-Erlebnis verderben. Die Eintracht hat in der Liga seit den Wechsel-Spekulationen um den (unnötig lange rhetorisch tricksenden) Kovac nicht mehr oft gewonnen.

Anzeige

Und dennoch kann es spannend werden. Natürlich wollen die Bayern die Saison beenden mit dem Double. Aber die Eintracht hat eine Stärke: Die Mannschaft ist stark in der Raumverengung, die Mannschaft kann sehr viel laufen und knüppelhart Zweikämpfe bestreiten bis an die Grenzen des Regelwerks und darüber hinaus – und sie kann gestochen scharfe Konterüberfälle starten. Eine Art von klassischem Außenseiterfußball, mit dem sich die spielerisch brillanten Münchner ab und an schwertun.

„Für uns war das 1985 das Spiel des Lebens“, hat der damalige Uerdingen-Routinier Friedhelm Funkel kürzlich erzählt. Ob auch die Eintracht-Profis dieses Gefühl heute in sich aufleben lassen können? Schwer zu sagen. Die Bindung zum scheidenden Niko Kovac hat gelitten. Mag sein, dass die Bayern diesmal sogar das stärkere Motiv haben: ein triumphaler und freudentränenreicher letzter Vorhang für den großen Don Jupp.