Rehberg: Die Mischung macht's gegen Gladbach

Nah am Gegenspieler: 05-Verteidiger Stefan Bell gegen Hoffenheims Sven Schipplock (links). Foto: dpa

Rückblick auf eine TV-Debatte, in der sich 05-Manager Christian Heidel provokanten Thesen stellen musste, und Ausblick auf das Heimspiel der Mainzer gegen Borussia...

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. Das war lustig am Sonntagabend bei der "Sky 90 Fußballdebatte". Da musste sich Christian Heidel in der Live-Diskussion beim Bezahlsender unter anderem auseinandersetzen mit einem klassischen Querdenker. Wolfram Eilenberger, 43 Jahre alt, Dr. der Philosophie, nach Studien in Heidelberg, Turku und Zürich auch noch examiniert in Psychologie und Romanistik, ausgestattet mit der Trainer-A-Lizenz und in seiner Freizeit Mittelfeldspieler in der von Hans Meyer betreuten deutschen Autoren-Nationalmannschaft. Respekt. Der Chefredakteur vom "Philosophie Magazin" hatte steile Thesen am Start.

Eilenberger fand es zum Beispiel kritisch, dass die 05er ihren Martin Schmidt nur wegen der Emotionalität des Schweizers zum neuen Cheftrainer gemacht haben. Na ja, sagte Heidel freundlich, ein wenig habe auch das im Klub bekannte Fachwissen des Fußballlehrers eine Rolle gespielt. Das beeindruckte den Denker und Publizisten - eines seiner Spezialgebiete ist "die Anwendung philosophischer Perspektiven auf den Sport" - nur bedingt. Ob dieser interessante Intellektuelle sich nun unbedingt auf die Tagesaktualität in der Bundesliga stürzen muss, darüber ließe sich streiten.

"Romantik der schlechtesten Art" mit Klopp?

Heidel sah sich auch genötigt, seine Trainerentdeckung Jürgen Klopp zu verteidigen. Dr. Eilenberger formulierte mit wachsender Begeisterung die komplette Absage an den ehemaligen 05-Kultcoach. Die Vorwürfe waren heftig, inhaltlich an keiner Stelle schlüssig hergeleitet. Klopp sei in seiner Gestaltungskraft verbraucht, er stilisiere in Dortmund nur noch "Romantik der schlechtesten Art", er verwirkliche den Willen zu jahrelanger Stagnation, der BVB habe mit diesem Trainer ein "perspektivisches Problem". Der Klub habe Potenzial, aber nicht mit diesem Trainer.

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In einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" hatte Eilenberger zuvor schon ausgeführt, der BVB habe Geld, Fans, einen starken Kader. Die Möglichkeiten, den FC Bayern - der in absehbarer Zeit in eine "sehr schwierige, angreifbare Situation" gerate -, zu überholen, seien gegeben. Doch mit diesem Trainer, der "still verhasst" den Status der Unantastbarkeit erlangt habe, werde Dortmund die Bayern wohl ziehen lassen. Der BVB, dem der Philosoph eine "Wengerisierung" unterstellt (in Anspielung auf die 18 Trainerjahre von Arsene Wenger bei Arsenal London), müsse sich getragen von der Verantwortung für die Aktionäre der GmbH und Co. KGaA fragen: "Wollen wir das wirklich?"

Mit großen Kanonen gefeuert

Da feuert der Philosoph mit den ganz großen Kanonen. Gewagte Thesen. Vor dem Hintergrund, dass die Borussia 2013 noch im Champions-League-Finale stand und in diesem Moment eindrucksvoll dabei ist, mit diesem angeblich so verbrauchten Langzeittrainer eine schwere Krise zu meistern. Dass die Probleme in Dortmund wahrscheinlich etwas komplexer sind und tiefer liegen, als es die jüngste Siegesserie vermuten lässt, das liegt nahe. Aber das rabiate Schwarz-Weiß-Denkmuster des Intellektuellen, der ausschließlich auf den populären Klopp zielt, verwundert doch gewaltig.

Natürlich musste sich Heidel auch äußern zur Entlassung von Kasper Hjulmand. Die Begründung war bekannt. Der Klub sei zu der Überzeugung gekommen, die Spielweise des Dänen tauge nicht für den Abstiegskampf. In die Tiefe ging die Diskussion nicht. Mit am Diskussionstisch saß Sky-Kommentator Marcel Reif, und der hätte das Scheitern Hjulmands den Mainzer schon vorher mit auf den Weg geben können. "Das kann nicht funktionieren", erklärte Reif staatsmännisch und missbilligend den Kopf schüttelnd. "Die Meenzer müssen ihren eigenen Weg gehen." Gut zu wissen. Da hatte Reif offensichtlich schon vergessen, wie überschwänglich er die Mainzer beim 1:2 in der Heimpartie kurz vor Weihnachten gegen den FC Bayern abgefeiert hatte am Sky-Mikrofon. Da hieß der 05-Trainer noch: Kasper Hjulmand.

Körperliche und geistige Erholung

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Und die Aufgabe von Martin Schmidt, das zeichnet sich ab nach dem jüngsten 0:2 in Hoffenheim, wird auch darin bestehen, zumindest ein klein wenig von Hjulmands Spielidee zu integrieren in den in Mainz verankerten Pressing- und Umschaltfußball. Wobei anzumerken ist, und das gerät leicht in Vergessenheit: Ballbesitzphasen mit strukturierten Kurzpasskombinationen hatte schon Thomas Tuchel eingeführt, unter anderem mit der Begründung, dass dies notwendig sei zur körperlichen und geistigen Erholung nach intensiven Balljagdphasen. Und was auch schnell vergessen wird: Schon unter Jürgen Klopp haben die 05er mit technisch befähigten Mittelfeldspielern wie Antonio da Silva, Jürgen Kramny, Fabian Gerber, Dennis Weiland oder Michael Thurk nicht nur dem Kampf- und Konterfußball gehuldigt.

Schon im kommenden Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach werden die 05er (auch) einen konstruktiven Spielaufbau benötigen. Gegen die Frankfurter Eintracht und in Hoffenheim war es eine nachvollziehbare Idee, dem gegnerischen Angriffspressing und Gegenpressing mit langen Abschlägen von Keeper Loris Karius aus dem Weg zu gehen. Die Gladbacher aber haben die Gewohnheit, den Gegner mit einem engmaschigen Defensivblock kurz vor und kurz hinter der Mittellinie zu erwarten. Diese bewegliche Wagenburg ist ausschließlich mit langen Bällen oder offensiven Umschaltüberfällen nicht aus den Angeln zu heben. Die Mischung macht's, die Flexiblität, die Anpassungsfähigkeit.

Hjulmand hatte ein aggressives Anlaufverhalten, Mittelfeldpressing und schnelle Umschaltzüge nur theoretisch im Programm. Martin Schmidt hat diese im Unterbewusstsein noch schlummernden Elemente in der Praxis befeuert. Und nun werden die 05er unter ihrem neuen Vordenker wohl erstmals auch ruhigere Ballbesitzphasen einzustreuen haben. Klingt exzentrisch, vielleicht auch verrückt nach der Beurlaubung des sturen, unbeugsamen Ballbesitzidealisten Hjulmand. Aber um einen eher defensiv ausgerichteten, das Risiko meidenden Tabellendritten bezwingen zu können, muss eine Mainzer Mannschaft läuferisch, kämpferisch, taktisch und spielerisch alle Register ziehen. Auch im Abstiegskampf.