Rehberg: Die Psychologie eines 0:0

Im Rückspiel des Champions League-Achtelfinales muss die Defensive der Bayern mit Javi Martinez (links), Mats Hummels (hinten) und Niclas Süle (rechts) stabil stehen, um die Liverpooler Konterstürmer Sadio Mané (Zweiter von links) und Mo Salah (Zweiter von rechts) aufzuhalten. Foto: dpa

War das torlose Remis des FC Bayern München an der Anfield Road jetzt ein gutes Ergebnis? Oder ist der FC Liverpool im Rückspiel des Champions League-Achtelfinals nun im...

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. Ein auswärts erzieltes torloses Remis war über Jahrzehnte hinweg ein Top-Ergebnis im Europapokal. Irgendwann hat sich das gedreht. Heute hört man nahezu durchgehend: Das ist ein gefährliches Ergebnis. Jürgen Klopp hat nach dem 0:0 des FC Liverpool im Heimspiel gegen den FC Bayern umgehend auf dieser Klaviatur gespielt. Für den Gegner werde sich dieses Auswärtsergebnis schon in ein paar Tagen immer schlechter anfühlen, hat der Trainer der „Reds“ am Tag nach dem Hinspiel erzählt.

Eine Begründung hat Klopp weggelassen. Die lieferte an einem anderen Ort die Frankfurter Eintracht. 0:0 zu Hause gegen Inter Mailand in der Europa-Liga. Fredi Bobic strahlte nach dem Abpfiff. „Uns genügt jetzt in Mailand schon ein Unentschieden“, meinte der Sportdirektor. Danach kamen noch drei Spieler zu Wort. Die hatten den Sachverhalt etwas korrekter auf der Pfanne. „Wenn wir ein Tor schießen, dann genügt uns jedes Unentschieden.“ Bei einem erneuten 0:0 nach 120 Minuten käme es in Mailand ja zum Elfmeterschießen. 1:1, 2:2, 3:3 - dann wäre die Eintracht in der nächsten Runde.

Das gilt auch für den FC Liverpool in München. Ein Tor, und den Engländern genügt jedes Remis. Aber was sagt die Statistik? Der FC Bayern hat in der Champions League 80 Prozent seiner Heimspiele gewonnen. Für die Gastgeber ein ganz netter Wert. Den Klopp seiner Mannschaft in der Spielersitzung sicher nicht an die Wand nageln wird.

"Der trend is your friend"

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Wieviel Psychologie verträgt ein Hinspiel-0:0? Sagen wir es so: Wenn am Mittwochabend die ersten Bälle gespielt sind, dann entwickelt sich unabhängig vom Hinspielresultat eine Eigendynamik. Dann wird entscheidend sein, wer sich das bessere Gefühl erarbeitet. Über eine gute Raumaufteilung, über gewonnene Zweikämpfe, über abgeklemmte gegnerische Angriffszüge, über Präzision im Passspiel, über die ersten Torchancen. Und wir wissen: Das erste Tor, egal für wen, wird die Statik des Spiels umgehend verändern.

Vom Selbstverständnis her haben sich die Bayern aufgebrezelt. Tabellenführer in der Bundesliga. Nach einem 6:0 gegen den VfL Wolfsburg. Neun Punkte Rückstand wettgemacht gegenüber Borussia Dortmund. Und auch noch die bessere Tordifferenz erarbeitet. Der FC Liverpool in der Premier League? Sieben Zähler Vorsprung vor ManCity haben sich in den vergangenen Wochen verwandelt in einen Rückstand von einem Punkt. Wenn wir von Psychologie reden: Die Liverpooler haben in der quälenden Sehnsucht nach der nächsten Meisterschaft inzwischen etwas zu verlieren – der FC Bayern hat nach einem nicht unerheblichen Zwischentief inzwischen wieder alles zu gewinnen. "Der trend is your friend", sagt der Börsen-Fanatiker Uli Hoeneß gerne auf bayrisch-englisch.

Unmittelbar nach der Auslosung des Achtelfinales war die einhellige Ansicht der Experten: Der in die Jahre gekommene, bequem gewordene, als Gruppe nicht mehr harmonische und defensiv wacklige FCB wird an der Anfield Road aufgefressen von der Pressing- und Umschaltwucht der emotional aufgeladenen und extrem erfolgshungrigen Klopp-Armee. Vor diesem Hintergrund hatten die Bayern nach dem nicht unverdienten 0:0 beim letztjährigen CL-Finalisten gar keine Grundlage, sich schlecht zu fühlen.

Bayern braucht defensive Kontrolle

Wollen die Bayern am Mittwochabend ein Elfmeterschießen vermeiden, dann müssen sie gewinnen. Das wird ohne defensive Kontrolle nicht funktionieren gegen die drei überragenden Kontersprinter der Liverpooler. Die Mehrzahl der Bayern-Profis haben unendlich viel Erfahrung in diesen Moneytime-Situationen. Die Form ist zurückgekehrt. Das Selbstvertrauen ist gewachsen. Die Allianz Arena ist eine CL-Bastion. Und ein auswärtiges 0:0 ist und bleibt in der K.o.-Runde des Europokals eine günstige Startrampe. Aber wir haben gesehen: Thomas Tuchel, der belesene Fußballpsychologe, ist mit dem FC Paris St. Germain trotz eines triumphalen 2:0-Auswärtssieges gegen Manchester United im Heimspiel noch ausgeschieden.