Rehberg: Die Wutrede des Werder-Trainers

Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt (l) und Werder-Geschäftsführer Sport, Frank Baumann, sitzen im Weserstadion bei einer Pressekonferenz zusammen.  Foto: dpa

Werder Bremens Coach Florian Kohlfeldt ist wütend. Nach nur einem Bundesliga-Spieltag soll seinem Team eine Krise eingeredet werden. AZ-Blogger Reinhard Rehberg übt Kritik an...

Anzeige

. Noch vor dem zweiten Bundesliga-Spieltag hat Florian Kohfeldt schon seine erste kleine Wutrede gehalten. Der „Trainer des Jahres 2019“ ist sauer. Weil er das Gefühl hat, einige Journalisten wollten seiner Mannschaft eine Krise einreden. Kohlfeldt ist mit seinem Fachwissen bekanntlich für Werder Bremen zuständig. Auch die Elf von der Weser hat erst ein DFB-Pokalspiel und das Bundesliga-Startspiel hinter sich. Man sollte annehmen, bei der „Krisen-Debatte“ handelt es sich um einen September-Scherz. Dem ist nicht so.

Die erste Runde im DFB-Pokal gegen Atlas Delmenhorst war kein Problem. Werder schlug im eigenen Stadion – der Oberligist hatte wegen des zu erwartenden Zuschauerandrangs auf sein Heimrecht verzichtet – den Ortsnachbarn mit 6:1. Oldie Claudio Pizarro schoss zwei Tore, die Stimmung war prächtig. Eine der Zeitungs-Überschriften lautete: „Werder untermauert eindrucksvoll seine Ambitionen.“

Eine Woche später der Bundesliga-Auftakt. Heimspiel gegen den Außenseiter Fortuna Düsseldorf. Ergebnis: 1:3. Eine riesige Enttäuschung. Die Berichterstattung fiel entsprechend kritisch aus. Hart. Grundsätzlich. Die Bremer Medien stürzten sich auf die mangelhafte Chancenverwertung sowie auf das angeblich gravierende Kreativloch im Mittelfeldzentrum von Werder. Überregional war unter anderem dieses Statement zu lesen, und es handelte sich nicht um eine Boulevardzeitung: „Werder muss seine Europapokal-Ambitionen zunächst mal zu den Akten legen.“

Kurzatmigkeit in der Berichterstattung

Diese Atmosphäre hat Kohfeldt aufgeregt. Der Übungsleiter erkennt ein Schwarz-Weiß-Denken. Gewonnen, egal gegen wen: Alles gut! Verloren: Alles schlecht, also Krise! Nach dem ersten Saisonspiel. Tatsächlich war das Wort Krise noch in keinem einzigen Beitrag aufgetaucht. In der Pressekonferenz vor dem Auftritt bei der TSG Hoffenheim ging Kohfeldt aber in diese Richtung aus dem Sattel. Ungefragt. Präventiv, könnte man sagen.

Anzeige

Zwei Phänomene werden deutlich. Werder erlebt zum zweiten Mal nach der Vorsaison, welches Risiko darin steckt, vor der Saison ein konkretes Langzeit-Ziel zu formulieren. Jede Niederlage, jede kleinere Schwächephase, jedes Leistungstief wird in der Öffentlichkeit umgehend und anhaltend gemessen am Ergebnis-Ziel. Damit muss man erst mal klar kommen. Werder hat im Vorjahr früh die Europapokal-Ambitionen verkündet, die Mannschaft hat eine gute bis begeisternde Saison gespielt, am Ende fehlten zwei Pünktchen zum Einzug ins gelobte Land. Medialer Tenor: Gut gespielt, aber Ziel verfehlt - unterm Strich eine Enttäuschung. Werder wird sich darauf einstellen müssen, dass diese Saison Woche für Woche ähnlich bewertet wird. Sieg: Werder marschiert Richtung Europapokal… Niederlage: Das Ziel Europapokal gerät in Gefahr…

Das zweite Phänomen ist die Kurzatmigkeit in der Berichterstattung. Man sollte annehmen, dass es vielen Journalisten irgendwann langweilig wird, jede Woche grundsätzlich zu werden, jeden Auftritt einer Mannschaft an der vermeintlich idealen Umsetzung von Fußball zu messen. Das Potenzial eines Teams lässt sich nicht nach einem Saisonspiel einschätzen. Für eine erste Basis-Analyse darf man sich auch als Kritiker Zeit lassen, fünf, sechs, sieben Liga-Spiele. Erst dann lassen sich negative Muster erkennen, mögliche spielerische/taktische Schwächen, Formprobleme von Spielern, grundsätzliche Qualitätslücken im Kader.

Für Trainer ist es entsprechend anstrengend, sehr frühe kollektive Erregungen abzufedern. Spieler schauen Fernsehen, Spieler lesen Zeitung, Spieler treiben sich in Internetforen herum. Das muss nicht, kann aber den Gemütszustand von mental nicht ganz so gefestigten Profis massiv beeinflussen. Kohfeldt hat nun versucht, sehr früh und sehr direkt gegenzusteuern. Er will sich und seiner Mannschaft nach einer einzigen Niederlage keine „schwierige Situation“ einreden lassen. Die Reaktion verschiedener Medienvertreter: Der Trainer solle sich mehr mit den Schwächen seiner Mannschaft beschäftigen, weniger mit notwendigen kritischen Beiträgen.

Werder Bremen hat keinen Überkader

Und wenn Werder nun auch noch in Hoffenheim verliere, das ja nach der Niederlage in Frankfurt bestimmt sehr aggressiv auftreten werde? Auch das wurde Kohfeldt gefragt. Ja, was dann? Null Punkte nach zwei Spieltagen. Erste Startphase missglückt. Soll vorkommen. In der Vorsaison stand Bayer Leverkusen nach drei Spieltagen mit null Punkten da. Am Ende zog der Werksklub mit 58 Zählern in die Champions League ein.

Davon abgesehen: Werder hat keinen Überkader, der sich auf einem linearen Leistungshoch in den Europapokal beamen könnte. Der Weg ist gepflastert mit Stolpersteinen. Sollte man deshalb auf mutige Ansagen verzichten? Kann man so sehen. Muss man aber nicht in Bremen. Nicht nach der guten Saison 2018/19.