Rehberg: Doping im Fußball oder der Angriff auf die "Heilige Kuh"

Symbolfoto: dpa

Der in Mainz lebende Wissenschaftler Andreas Singler hat einen Stein ins Wasser geworfen, der seit drei Tagen mächtige Wellen schlägt. Doping im Fußball. Keine neue...

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. Das Telefon steht kaum noch still. Das Handy, der Festnetzanschluss in der Wohnung in Bretzenheim, ständig belegt. "Medien funktionieren auf Knopfdruck", sagt Andreas Singler gelassen. "Das bekommt dann aber sehr schnell eine Eigendynamik, die man nur noch bedingt steuern kann." Der in Mainz lebende Wissenschaftler hat einen Stein ins Wasser geworfen, der seit drei Tagen mächtige Wellen schlägt. Doping im Fußball. Ein Angriff auf die "Heilige Kuh". Die Diskussion ist überhaupt nicht neu. Aber Singler legt nun Beweise vor. Lange Jahre hat der 53-Jährige als Journalist gearbeitet. Mit dem jetzt entstandenen Medienhype hat er gerechnet. "Das ist schon eine Belastung, aber das halte ich ein paar Tage aus", erklärt Singler. "Und wenn es mir zu viel wird, dann ziehe ich mich in eine Region zurück, in der es keinen Handyempfang gibt."

Singler wandert gerne. Mal in Rheinhessen, mal im Schwarzwald, mal in Japan. Wer ihm ob seiner Aufsehen erregenden Pressemitteilung vom vergangenen Dienstag persönliches Profilierungsstreben unterstellt, der liegt falsch. Seit Jahren lehnt der Dopingexperte Auftritte in der Öffentlichkeit, etwa Einladungen zu Fernsehinterviews, ab. "Da fühle ich mich nicht wohl, das brauche ich nicht."

Sehr eigenwilligen Berufsweg

Andreas Singler ist ein sehr selbst bestimmter Mann mit einem sehr eigenwilligen Berufsweg. Der im badischen Lahr geborene Buchautor kam als Sportstudent nach Mainz. Sein Geld verdiente er als Leichtathletikexperte bei der Mainzer Rhein-Zeitung, für verschiedene Tageszeitungen in Deutschland berichtete er auch über den FSV Mainz 05. 1996 beteiligte er sich an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg an dem Forschungsprojekt "Doping im Spitzensport", erstmals fokussiert auf die Vorgänge in Westdeutschland.

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Als Singler damit begann, verschiedene Verlage zu verklagen wegen der (nicht honorierten) Verwendung seiner journalistischen Texte im Internet, da bekam er nach langen Rechtsstreitereien zwar sein Geld, aber er verlor alle seine Auftraggeber. Das bedeutete vor knapp zehn Jahren der Ausstieg aus dem Journalismus.

Keineswegs überrascht über Reaktionen

Singler forschte weiter zum Thema Doping, er schrieb Bücher, er studierte Japanologie und Sinologie. 2011, kurz vor seinem 50. Geburtstag, wurde er Dr. phil., seine auch als Buch erschienene Doktorarbeit hatte den Titel "Doping und Enhancement - Interdisziplinäre Studien zur Pathologie gesellschaftlicher Leistungsorientierung". 2012 wurde er Mitglied jener Kommission, die das Doping-Geschehen am Universitätsklinikum in Freiburg im Bereich Radsport aufklären soll. Im Zuge dieser Recherchen stieß Singler auf rund 60 Akten aus dem Betrugsverfahren gegen den bekannten Freiburger "Doping-Professor" Dr. Armin Klümper, die belegen, dass die Profifußballklubs VfB Stuttgart und SC Freiburg Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre unter anderem auch verbotene Anabolikasubstanzen in ihren Medzinschränken gebunkert und - zumindest in einem Fall - auch nachbestellt hatten.

Keineswegs überrascht ist Singler, der das Thema bewusst sensibel, verantwortungsbewusst, nicht anklagend (schon gar nicht mit Nennung von Namen einzelner Personen) betrachtet, über die Reaktionen aus der Branche. "Die Promi-Fußballer ziehen ihre Schutzschilder hoch, sie werten die Vorgänge als einen Angriff auf ihre persönliche Integrität, das ist normal", sagt der Wissenschaftler. Nach den DFB-Pokalspielen am Mittwochabend wehrte sich auch TV-Experte Mehmet Scholl gegen diese Vorwürfe. Mit der alt bekannten Begründung: Doping sei kein Thema im Fußball - weil Doping in dieser komplexen Sportart ja gar nichts bringe, im Gegenteil, ein unnatürlicher Kraftzuwachs störe die koordinativen Fähigkeiten. Experten wie Perikles Simon, Sportmediziner an der Mainzer Gutenberg-Universität, ebenfalls ein Mitglied der Freiburger Kommission, stufen diese vereinfachende und verniedlichende Herleitung als groben Unfug ein.

Diskussion anregen

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Diese kleineren (oder auch größeren) Betrügereien in der gesellschaftlichen Nische "Spitzensport" sind inzwischen gar nicht mehr Singlers zentrales Thema. Dem Wissenschaftler ist daran gelegen, eine Diskussion anzuregen über den Umgang mit (verschreibungspflichtigen und nicht verschreibungspflichtigen) Medikamenten in unserer Gesellschaft. Dieser "gelernte Medikamentenmissbrauch" sei auch im Fußball ein Problem. Singler spricht von "Mentalitätsdoping", der verantwortungslose Umgang mit Medikamenten wecke die Bereitschaft zur Leistungssteigerung über (zweckentfremdete) pharmakologische Mittel. Daraus entstehe nicht selten eine "mentale Abhängigkeit von medizinischem Einfluss". Singler vermisst in der Gesellschaft und im Spitzensport entsprechende Präventionsprogramme.

Viele Profifußballer berichten nach Beendigung ihrer Karriere hinter vorgehaltener Hand von ihrem jahrelangen sorglosen Umgang zum Beispiel mit Schmerzmitteln. Begleitet auch von Spätfolgen, das geht bis hin zur Medikamentensucht. Da spielt in schwierigen Karrierezeiten das Alter eine Rolle, die Konkurrenzsituation im Kader, die Ansprüche des Trainers, der Erfolgsdruck, die Zukunftsangst, der Mediendruck, die Abhängigkeit von der Wertschätzung der Anhänger, das Geld (Einsatz- und Punkteprämien). Da stehen auch die Mannschaftsärzte und die Trainer in der Verantwortung. Auch in Mainz hingen in den 1990er Jahren nach Spielen schon die Infusionsbeutel im Mannschaftsbus. Und ein Trainer ließ den Spielern über den Physiotherapeuten pfundweise die organische Säure Kreatin verabreichen; durch diese Kur, die Energie in die Muskulatur bringt, sollten die Profis länger und härter trainieren können. Alles nicht verboten. Aber grenzwertig.