Rehberg: Ein 05-Quartett auf dem Abstellgleis

Niki Zimling. Foto: imago

Vier Spieler des FSV Mainz 05, vier ähnliche Situationen. Reinhard Rehberg schaut in seinem aktuellen Blog auf Heinz Müller, Christian Wetklo, Bo Svensson und Niki Zimling....

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. Heinz Müller, 35 Jahre alt. Torhüter. Seit 2009 am Bruchweg, in jener Aufstiegssaison die überragende Nummer eins beim FSV Mainz 05, damals einer der fünf besten Keeper der Bundesliga. Christian Wetklo, 34 Jahre alt. Torhüter. Seit 2001 am Bruchweg, 114 Bundesligaspiele für den Klub, 2012/13 die Nummer eins mit 31 Einsätzen. Bo Svensson, 33 Jahre alt. Innenverteidiger. Seit 2007 am Bruchweg, 2012/13 Stammspieler im Abwehrzentrum, in der aktuellen Saison einer der Leistungsträger bis zum 13. Spieltag. Niki Zimling, 29 Jahre alt. Mittelfeldspieler. Seit Januar 2013 am Bruchweg, viele Monate Stammspieler, elf Einsätze in dieser Spielzeit. Was haben diese vier gestandenen Profis gemeinsam? Das Quartett sitzt seit Rückrundenbeginn auf dem Abstellgleis.

Müller: Training mit der U23

Heinz Müller trainiert täglich auf dem Kunstrasenplatz am Bruchweg mit der U23 der 05er. Aussortiert bei den Profis. Christian Wetklo ist in der Torhüterhierarchie nur noch die Nummer drei. Bo Svensson stand zwei Mal nicht im Spielkader. Niki Zimling schaffte in allen drei Rückrundenpartien nicht die Aufnahme in den Spielkader. Die Gründe für diese Rückstufungen sind vielfältig und unterschiedlich gelagert. Was bedeutet das für den Spieler? Was ist die Aufgabe des Trainers?

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Müller ist beim Trainer in Ungnade gefallen, Thomas Tuchel möchte das nicht näher ausführen. Wetklo verspürte zum Ende der Vorrunde wenig Lust, sich hinter dem jungen (bis heute fehlerfreien) Loris Karius auf die Bank zu setzen, Rückstufung. Svensson wurde in der Vorrunde durch Achillessehnenbeschwerden zurückgeworfen; der junge Stefan Bell arbeitete sich mit guten Leistungen in den Vordergrund, der wieder gesunde Langzeitverletzte Niko Bungert, fünf Jahre jünger als Svensson, hat sich die Ersatzrolle erkämpft. Zimling, lange angeschlagen, geriet in ein Formtief; inzwischen ist der Däne als Zehner überholt worden vom aufstrebenden Yunus Malli und von Winterzugang Ja-Cheol Koo. Auf den anderen Mittelfeldpositionen sind Johannes Geis, Christoph Moritz, Joo-Ho Park, Elkin Soto, Julian Koch und Benedikt Saller vorne.

Das Profileben ist hart. Manchmal auch ungerecht. Aber nur elf Leute stehen auf dem Platz. Und nur sechs sitzen auf der Bank. 18 Kaderplätze am Spieltag. Ende. Mehr geht nicht.

Vom Leistungsträger ins Wartezimmer

Ein junger Spieler, der sich rankämpfen muss ans Liga- und Kaderniveau, der verkraftet diese Wartestellung leichter. Für erfahrene Spielern ist das ein undankbarer Job, schwierig. Da geht es um die Rolle in der Gruppe, da geht es um den bis dahin erarbeiteten Status. Beispiel Bo Svensson. Ein sozialintegrativer Typ, beliebt, sehr intelligent, hohes Einfühlungsvermögen, einer, dessen Wort etwas gilt in der Kabine, einer der wichtigen Ansprechpartner für den Trainer. Gesund, fit, starke Trainingsleistungen - aber die Heimspiele sieht der Routinier in Freizeitklamotten, die Auswärtsspiele vor dem Fernseher.

Beispiel Niki Zimling. Ein unerschrockener, zäher Kämpfer, anerkannt, gesund, fit, gute Trainingsleistungen. Gestählt durch Auslandsjobs in Udinese, Nijmwegen und Brügge, Stammspieler in der gewiss nicht unbedeutenden dänischen Nationalmannschaft. Es gab Zeiten, da mochte Tuchel eine Startelf nicht formieren ohne Svensson und Zimling. Die beiden Profis haben einen Status zu verteidigen. Aber der Trainer braucht sie im Moment nicht. Nicht im Wettkampf. Abgestürzt. Vom Leistungsträger ins Wartezimmer.

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Tuchel: "Ich denke, das kann man ertragen als Sportler"

Für Tuchel ist das kein ganz schlechtes Gefühl, denn er weiß, dass er, wenn er auf diese Qualität verzichten kann, einen starken Spielkader am Start hat. 30 Punkte nach 20 Spieltagen, die Ergebnisse stimmen. Und nur daran wird ein Trainer gemessen. Einzelschicksale? "Normal, das ist nicht außergewöhnlich", sagt Tuchel. "Das ist Leistungssport. Ich denke, das kann man ertragen als Sportler." Man muss es ertragen. Auch wenn die Laune im Keller ist, die Familie meckert wegen der miesen Stimmung zu Hause, die Journalisten nur noch Leidensgeschichten schreiben oder aufmüpfige Zitate erhaschen wollen, die Fans keine Autogramme mehr anfordern, die Einsatz- und Siegprämien fehlen auf dem Gehaltszettel, der Trainer nur noch zu einem erklärenden, besänftigenden Einzelgespräch bittet und weiter volles Engagement einfordert.

Ein Arbeitsloser würde ob der Tatsache, dass ein Profi Frust schiebt, obwohl er weiter seine 30.000, 40.000 Euro Grundgehalt überwiesen bekommt an jedem Monatsende, ungläubig den Kopf schütteln. Aber die fette Kohle heilt keine Wunden. Nicht im Fußball. Der Spieler fühlt sich emotional verletzt, abgehängt, außen vor, erniedrigt, ungerecht behandelt. Zweifel. Unausgeglichenheit. Wut. Sinkt der Status, sinkt oft auch das Selbstvertrauen. Im Einzelfall auch der Marktwert. Grübelei. Was kann ich machen, wie kann ich diese Dreckssituation ändern?

Der einzige Weg: Gas geben im Training

Nur über Trainingsleistung. Dran bleiben an der Kaderqualität. Ziele setzen. Gas geben. Die negativen Gedanken in positive Energie umwandeln. Druck ausüben auf die Kollegen, die regelmäßig im Spielkader stehen. Malochen für die nächste Chance. So schwer das einem "Herausforder" (O-Ton Tuchel) auch fallen mag. "Es gibt keinen anderen Weg", sagt der Chefcoach. Natürlich nimmt der Vordenker die Mentalbetreuerrolle an. Klärende, möglichst aufbauende Einzelgespräche. "Aber manche wollen das gar nicht hören", erklärt der 40-Jährige. "Und das verstehe ich auch." Zumal dann, wenn der Übungsleiter die Nichtberücksichtigung nicht mal mit mangelhaften Trainingsleitungen begründen kann.

Einen seinen Frust zeigenden Trainingsgast schaut sich Tuchel durchaus mal an, lässt ihm Zeit, die neue Situation zu verdauen. Aber nicht lange. Die Stimmung im Kader darf nicht leiden. Die Trainingsqualität muss hoch bleiben. Und dazu müssen auch die Profis ohne Spieleinsätze ihren Beitrag leisten. Tuchel hat schon überzählige Spieler mit zu Auswärtsspielen genommen, um ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln. Das habe aber die Enttäuschung bei den Betroffenen zuweilen nur noch vergrößert. Tuchel würde sich eine Bankbesetzung mit acht bis zehn Spielern wünschen.

Unzufriedenheit müsse sein, so Tuchel. Das sei der Nährboden für anhaltenden Ehrgeiz. Und Ehrgeiz sei die Grundlage für Topleistungen. "Bo Svensson ist im Sommer 2012 mal als Innenverteidiger Nummer vier in die Saison gegangen, und dann hat er mehr Spiele gemacht als jemals zuvor." Der impulsive Däne, der nach Niederlagen gerne mal ausrastet, lebt Ehrgeiz vor. "Bo steht immer bereit." Wie es im Spieler tief drinnen aussieht, das weiß wahrscheinlich nur die Ehefrau.