Rehberg: Ein kapitaler Befreiungsschlag mit einem...

Shinji Okazaki. Archivfoto: Sascha Kopp

Ein 3:2-Erfolg der Mainzer in Freiburg: Die 05er haben in einem wichtigen Moment ein heftig schwieriges Spiel gewonnen mit Kampfgeist, Moral plus einem durchgehend kühlen, auf...

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. Drei Punkte. In Freiburg. Beim Mitkonkurrenten. Das sind die berühmten Bigpoints. Das ist noch keine Entscheidung, aber das ist ein kapitaler Befreiungsschlag gewesen in diesem Abstiegskampfwettbewerb. Mit diesem 3:2-Erfolg haben sich die 05er fünf Spieltage vor Schluss auf ein Podest gehievt, von dem aus der letzte Rettungssprung gut gelingen kann - und gelingen sollte.

Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften auf dem Weg zum Ergebnis hat einen Namen: Shinji Okazaki. Nie war der Japaner im Mainzer Team wertvoller als in diesen 90 Minuten im Schwarzwald-Stadion. Es gibt nicht viele klassische Torjäger, die hellwach bleiben in einem Kampfspiel, in dem sich der Gastgeber mit aggressivem Pressing in ständigen Eins-Gegen-Eins-Duellen eine Dominanz erarbeitet, die besseren Torchancen erzwingt und dem Gegner kaum mal bespielbare Räume gestattet. Wenn man dann in erster Linie rennen, grätschen und aufwendig verteidigen muss, dann verlieren diese auf Tore geeichte Mittelstürmer ohne Anspiele schon mal gerne an Lust und Spannung.

Okazaki gehört nicht zu diesen Toremachern, die, wenn sie nicht treffen, nichts zu tun haben mit einem Spiel. 38 Minuten schuftete der 29-Jährige, als gehöre er einer Baukolonne an, die ein achtstöckiges Hochhaus abzureißen hat. Die Freiburger vergeigten in dieser ihrer besten Phase fünf vernünftige Torchancen, davon landete ein Weitschussböller an der Latte. Gegen diese wuchtige Pressing- und Tempomaschine aus dem Breigau war Okazaki kein Weg zu weit, nicht im scharfen Anlaufverhalten in der vordersten Linie, nicht im laufintensiven Stopfen von Löchern im Mittelfeld, nicht im Defensivkopfball im eigenen Strafraum.

Okazaki schlägt eiskalt zu

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Und dann schlug der japanische Nationalspieler eiskalt zu in seinem ureigenen Metier. Binnen fünf Minuten. Gleich zwei Mal. Tore von einer verblüffend einfachen, effektiven Machart, die nur ein Vorbild kennen: Gerd Müller, der in der Physiognomie dem kleinen Japaner nicht eben unähnlich ist und der seiner großen Bayern-Karriere gigantische 365 Bundesligatreffer erzielt hat - und viele sahen so aus, als hätte jeder Normalsterbliche dieses Tor auch machen können. Aber die meisten Normalsterblichen hätten nicht im richtigen Moment am richtigen Fleck gestanden und derart geistesgegenwärtig und abschlusssicher reagiert.

Beim 1:0 stahl sich Okazaki im Rücken seines riesigen Gegenspielers weg, und dann war er da, wo ein Abstauber stehen muss. Obwohl es nicht sonderlich wahrscheinlich erschien, dass der zugestellte Yunus Malli den Querpass von Jairo in Richtung langen Pfosten gelenkt bekommen würde. Das ist Instinkt. Torgier. Okazaki staubte ab. Und dann das 2:0, im Liegen erzielt mitten in einem Gewühl im Fünfmeterraum, die Kugel handlungsschnell reingegrätscht ins entfernte Toreck. Das erinnerte an jenes Tor, das Gerd Müller 1970 im legendären WM-Halbfinale in Mexiko gegen Italien (3:4) reingestochert hatte zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung in der dramatischen Verlängerung. Ähnliche Tore sieht man heute nur noch ganz selten von einem Zentrumsstürmer.

Nikolce Noveski und Junior Diaz ebenfalls zwei Matchwinner

Die außergewöhnliche Einstellung des Japaner dokumentierte noch eine Aktion in der 90. Minute: Da köpfte Okazaki im eigenen Strafraum einen Ball aus der Gefahrenzone, und dem folgenden Befreiungsschlag jagte der 05-Schwerarbeiter umgehend über 70 Meter hinterher, im Vollsprint.

Zwei weitere Matchwinner dürfen nicht unerwähnt bleiben. Martin Schmidt musste diese wichtige Partie nach dem Ausfall von Stefan Bell und Niko Bungert angehen mit zwei "Ersatz-Innenverteidigern": Nikolce Noveski, der in zehn Tagen 36 Jahre alt wird und in Freiburg gerade mal seinen sechsten Saisoneinsatz hatte - und Junior Diaz, 31 Jahre alt, Linksverteidiger, der in Freiburg erst zum zweiten Mal auf dieser Position spielte im 05-Trikot.

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Die beiden "Alten Herren" verteidigten nicht fehlerfrei, aber mit viel Routine, Herzblut, Kampfgeist, Behauptungswillen, Cleverness - und Qualität. Diaz warf sich in alles, was in seiner Nähe passierte. Und Noveski war mit seinem Eisenkörper auch noch beteiligt am 2:0. Wenn die 05er diesen Abstiegskampf mal endgültig bestanden haben, dann wird dafür auch die qualitative Tiefe des Kaders eine große Rolle gespielt haben.

Schmidts Sicherheitskonzept geht auf

Auch der Trainer hat einen guten Job gemacht in Freiburg. Die Gastgeber hatten im Vorwärtsgang zwei Stilmittel: Entweder kamen sie nach Balleroberungen im Mittelfeld über Umschaltüberfälle, oder sie schlugen in der Spieleröffnung aus der letzten Reihe heraus den langen Ball über die Mainzer Pressingmaschinerie hinweg. Beide Varianten hatten eine Adresse: die immer besetzten Flügel. Von dort kam die Gefahr. Bei 2:0-Führung wechselte Schmidt zur Pause für Außenstürmer Ja-Cheol Koo, der viele leichte Ballverluste einstreute, den gelernten Außenverteidiger Pierre Bengtsson ein. Nach einer Stunde kam Gonzalo Jara als Rechtsverteidiger, der schnelle Daniel Brosinski rückte nach vorne für den ausgewechselten, weil müde gelaufenen Jairo. Nun stemmten sich die 05er gegen den Ball im engmaschigen 4-4-2-Block mit vier Außenverteidigern gegen die am Flügel starken Freiburger. Das Sicherheitskonzept des Schweizers ging auf.

Lediglich Jara hatte einen unaufmerksamen Moment, den nutzte Dribbler Admir Mehmedi mit einem brillanten Schlenzer zum Anschlusstor. Im Stadion wurde es laut. Die Freiburger tankten neue Energie, auch auf dem Platz. Und dann war es Brosinski, der mit einem sehenswerten Dribbling und mit einer perfekten Außenristflanke vom rechten Flügel her das 3:1 vorbereitete. Malli als entschlossener Kopfballtorschütze, auch eine Rarität.

Passspiel war fehlerhaft, insbesondere in der gegnerischen Spielhälfte

Eine gute Leistung im eigenen Ballbesitz muss man den 05-Profis nicht attestieren. Das Passspiel war fehlerhaft, insbesondere in der gegnerischen Spielhälfte. In den offensiven Umschaltmomenten traf der Ballführende oft die falsche Entscheidung oder die Laufwege passten nicht. Wobei anzumerken ist, dass die von Leidenschaft und guter Organisation getragenen Gegenpressingmaßnahmen der Freiburger auch ihre Wirkung erzielten. Auch viele der zweiten Bälle landeten beim Gegner.

Die ersatzgeschwächten 05er hielten sich mit ihrem Selbstverständnis über Wasser. Gegnerischen Dauerdruck auszuhalten und konsequent zu verteidigen, ohne aus dem Spiel zu purzeln und die Überzeugung zu verlieren, auch das ist Qualität. Im Catenaccio-Land Italien würde man für einen Sieg dieser Machart gefeiert werden. Und gerade im die Nerven strapazierenden Abstiegskampf ist diese defensive Stabilität in Verbindung mit der dafür notwendige Mentalität ein Markenzeichen. Die 05er haben in einem wichtigen Moment ein heftig schwieriges Spiel gewonnen mit Kampfgeist, Moral plus einem durchgehend kühlen, auf Erfolg programmierten Verstand.

Der SC Freiburg, der aufopferungsvoll um eine Ergebniskorrektur bemüht war, steht noch auf einem Nichtabstiegsplatz. Und die 05er haben fünf Punkte Vorsprung vor dem Breisgau-Klub. Das ist eine glänzende Ausgangsposition im Endspurt.