Rehberg: Ein Ritt auf der Rasierklinge

So zynisch es klingt: Geld ist auch im Milliarden-Business Profi-Fußball derzeit an manchen Stellen ein knappes Gut. Foto: vrm

Kolumnist Reinhard Rehberg erklärt, warum viele Bundesligaklubs hohe Millionensummen für neue Spieler überweisen können, aber in der Corona-Krise schnell vor dem Abgrund stehen.

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. Einfache Ratschläge zu komplexen Problemen hagelt es in den Corono-Zeiten. Selbst die Wirtschaftsseiten angesehener Tageszeitungen weisen diesen Trend aus. Firmen, denen schon nach knapp zwei Monaten Krise das Wasser Oberkante Unterlippe steht, die machen schon länger etwas falsch, war neulich in einem Kommentar zu lesen. Und dann folgte der Plan für einen Erneuerungsprozess: Altschulden schneller abbauen, keine neuen Schulden machen, Einsparpotenziale ausschöpfen, Rücklagen bilden für schlechte Zeiten, Lieferketten doppelt sichern, Abläufe und Produktpalette optimieren, Kundenpotenzial erweitern – und schon passt der Schuh. Ganz einfach.

Ähnlich gut gemeinte Tipps hagelt es jetzt auch für das Fußballgeschäft. Da sind die zentralen Bausteine: Kosten senken und Rücklagen bilden. Dann steht ein Klub nicht nach knapp zwei Monaten Krise schon kurz vor der Insolvenz. Heißt es. Ganz einfach.

Kein Klub kann auf diese Lage vorbereitet sein

Ganz so simpel verhält sich die Sache nicht. Aktuell geht es darum, dass der große Medienpartner die letzte Rate des TV-Geldes eingefroren hat. Weil die Klubs ihr Produkt „Fußballspiele“ nicht liefern konnten/durften. Wir reden hier von Summen pro Klub zwischen 12 und 35 Millionen Euro. Dazu kommt die Aussicht, dass auch die nächste Saison bestritten werden muss mit weniger Geld. Zusätzliche Einnahmeausfälle: Spiele ohne Zuschauer, womöglich bis zum Frühjahr 2021.

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Auf diese Lage kann kein Klub vorbereitet sein. Auch nicht in der Zukunft. Dennoch wird es Überlegungen geben müssen, mehr Luft zu schaffen in den Etats. Und da beginnt das Problem schon. Die Bundesliga ist eine Drei-Klassen-Gesellschaft. An der Spitze Bayern München und Borussia Dortmund, die reich sind, die eine Krise ohne existenzielle Nöte überstehen – und die nach der Krise nicht wesentlich weniger Investitionsbereitschaft zeigen werden.

Dann haben wir die Werks-, Mäzenaten- und Investorenklubs: RB Leipzig, Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim, Hertha BSC. An diesen Standorten können Einnahmeneinbrüche durch den Zufluss von „externer“ Kohle kompensiert werden. „Rücklagen“ sind dort immer gegeben, durch Red Bull, durch Bayer, durch VW, durch Dietmar Hopp, durch Lars Windhorst.

Und dann haben wir jene Klubs, die von dem leben müssen, was sie rein über das Fußballgeschäft erwirtschaften. In dieser Gruppe stehen Borussia Mönchengladbach und der hoch verschuldete FC Schalke 04 auch noch unter dem Druck, im oberen Tabellendrittel mitmischen zu sollen. Rücklagen bilden im zweistelligen Millionenbereich für ein Worst-case-Szenario? Fans würden fordern: Sorgt lieber dafür, dass wir in die Champions League kommen! Und das funktioniert nicht, ohne entsprechend hohe Ablösesummen und Gehälter zu zahlen.

In dieser Gruppe haben wir dann auch die restlichen Klubs, die in einem guten Jahr mal am Europapokal schnuppern - und in weniger guten Jahren gegen den Abstieg kämpfen. Und wenn es weniger gut läuft, dann fordern auch in Bremen, Frankfurt, Köln, Augsburg oder Düsseldorf die Fans die Trainerentlassung. Und dann wird nicht selten das komplette Trainerteam ausgetauscht – und statt vier Fachleute müssen über eineinhalb, zwei oder zweieinhalb Jahre nicht selten acht Leute bezahlt werden. Gewinn machen? Rücklagen bilden?

Gehaltsobergrenze ist unrealistisch

Das kann nur auf einem Weg funktionieren: nennenswerte Transferüberschüsse. Heißt: Leistungsträger teuer verkaufen, Talente preiswert einkaufen. Ein Ritt auf der Rasierklinge, wenn man bedenkt, dass die sportliche Qualität/Konkurrenzfähigkeit durchgehend erhalten bleiben soll. Und dabei haben wir noch unerwähnt gelassen, dass auch diese Klubs aus Eigenmitteln kontinuierlich in ihre Infrastruktur investieren müssen.

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Wir erkennen: So ganz einfach wird das nicht werden mit den Rücklagen. Und die Kostenreduzierung würde nur dann funktionieren, wenn sich alle Klubs in einer - wie auch immer gearteten - Deckelung von Gehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen einig wären. Solidarität hin oder her: Letzterer Gedanke ist in einer von Eigeninteressen, Erfolgsdruck und Kommerz bestimmten Drei-Klassen-Gesellschaft nahezu unrealistisch.