Rehberg: Erbarmen, das Derby kommt!

Der Mainzer Shinji Okazaki (l) und der Frankfurter Marco Russ (r) versuchen an den Ball zu kommen. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Die Mainzer haben Johannes Gutenberg, die Fastnacht und das ZDF - und der Rhein ist länger und breiter als der Main. Die Frankfurter haben ihren Goethe, den Flughafen, die...

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. Ersticken wir diese Art der folkloristischen Vergleichsvorberichterstattung schon im Ansatz. Keine Zeit dafür. Auch nicht für sportlich-gesellschaftliche Themen wie: Wann waren Harald Strutz und Heribert Bruchhagen letztmals gemeinsam aus zum Abendessen? Hat Christian Heidel die bessere Transferbilanz als Bruno Hübner? Ist Zeugwart Walter Notter länger im Amt als der Kollege Franco Lionti? Oder: Ist der Verzicht auf ein Wappentier besser als die Mystifizierung des Eintracht-Adlers? Und: Ist dieses Derby überhaupt ein Derby? Brauchen wir diesmal alles nicht. Schade, aber wir haben keine Zeit dafür.

Am Dienstagabend um 20 Uhr wird schon angepfiffen: Eintracht Frankfurt gegen den FSV Mainz 05 in der Commerzbank Arena. Und das nur drei Tage nach dem Aufsehen erregenden 2:0 der 05er gegen Borussia Dortmund - und nur drei Tage nach dem beachtlichen 2:2 der Eintracht auf Schalke. Mittags rein in den Bus, ein Schläfchen, Mannschaftssitzung, umziehen, aufwärmen - und Anpfiff. Da bleibt nicht mal mehr Zeit für aufgeregte Handspieldiskussionen. Die Eintracht fühlte sich in Schalke betrogen (im gegnerischen Strafraum wurde ein klares Oberam-Handspiel übersehen; im eigenen Strafraum wurde ein weniger klares Handspiel in Bodenlage geahndet, den Elfmeter verwandelte der Ex-05er Maxim Choupo-Moting zum 1:2). Gegen die Mainzer wurde ein Körperverbreiterungs-Handspiel von Shinji Okazaki gepfiffen, der verschossene Elfmeter von Dortmund-Torjäger Ciro Immobile machte 05-Keeper Loris Karius zum Helden.

Gibt es einen umstrittenen Handelfmeter?

Kurzer Vorschlag zur Güte: DFB und DFL veranstalten ein Symposium, eingeladen werden Orthopäden, Optiker, Bewegungswissenschaftler, Verhaltensforscher, Psychologen, Psychomotoriker, Täuschungskünstler, Tresenphilosophen und auch ein paar Schiedsrichter - und dann wird sich nach einer vierwöchigen Intensiverörterung bei Wasser und Brot schon eine taugliche Regelauslegung finden lassen. Vor dem Rhein-Main-Derby wird sich das allerdings nicht mehr organisieren lassen. Die zentrale Frage lautet also nicht, wer in der Frankfurter WM-Arena gewinnt, sondern: Gibt es einen umstrittenen Handelfmeter?

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Werfen wir noch zügig einen Blick auf die Trainer. Beide sind neu in ihren Klubs. Vorteil Kasper Hjulmand, den kennt noch niemand in der Bundesliga, selbst in Mainz ist seine im Aufbau befindliche Spielidee noch im Status einer (überaus erfolgreichen) Planungsskizze. Von Thomas Schaaf wissen wir alles: 1961 in Mannheim geboren, Familienumzug nach Bremen, Werder-Mitglied seit 1971, Jugendspieler, erfolgreicher Profifußballer, später Nachwuchstrainer, Amateurtrainer und von 1999 bis 2013 Bundesliga-Chefcoach mit einer Vorliebe für das Offensivspiel. Alles im Dienste von Werder Bremen. Trainererfolge: Deutscher Meister 2004, DFB-Pokalsieger 1999, 2004 und 2009 (zusätzlich Finalist 2000 und 2010), Uefa-Pokalfinalist 2009, diverse Champions-League-Teilnahmen. Schaaf formte große Spielmacher wie Andreas Herzog, Johan Micoud, Diego und Mesut Özil. Seit dem 1. Juli 2014 arbeitet der Botschafter der "Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger" für Eintracht Frankfurt - und auf der dortigen Kapitänsbrücke muss er sich der Kritik erwehren, er vernachlässige bei seiner Aufstellungspraxis den Kultzehner Alex Meier.

Schaaf setzt von jeher auf Zweikampfschärfe, Hjulmand bevorzugt die gut organisierte Raumverdichtung. Auf ein schnelles offensives Umschaltspiel setzen beide Teams. Die Statistik? Keine Zeit dafür. Die 05er haben als Erstligist zweimal 0:0 gespielt in Frankfurt und einmal 3:1 gewonnen, das muss genügen. Die Tabelle? Die Mainzer haben acht Punkte, die Eintracht fünf. Das riecht nach einem Unentschieden. Wenn da nicht die ungeklärte Handspielregel wäre…

Zu den Mannschaften. Schaaf hat in Schalke seinen Linskverteidiger Constant Djakpa (Kreuzbandriss) und seinen Mittelfeldsechser Slobodan Medojevic (Platzverweis) verloren. Der Trainer wird es gegen die 05er im Gegensatz zum Schalke-Spiel wohl bei zwei Sechsern belassen, das könnten Makoto Hasebe und der ehemalige Bremer Aleksandar Ignjovski sein. Links hinten dürfte Bastian Oczipka verteidigen. Der hat gegenüber Djapka einen Nachteil: Oczipka ist im Antritt deutlich langsamer. Das wiederum könnte Hjulmand dazu bewegen, als Rechtsaußen einen besonders sprintstarken Mann zu nominieren. Zum Beispiel: Jairo Sampeiro, der gegen Borussia Dortmund handlungsschnell, technisch geschickt und flott auf den Füßen beide Tore eingefädelt hat. Der vom FC Sevilla gekommene klassische Flügelstürmer deutete an, dass er am Bruchweg eine Waffe werden kann. Ein gutes Gefühl hat sich der junge Mann auf jeden Fall schon mal aufgebaut. Sami Allagui könnte auch auf der linken Seite stürmen, sollte der 05-Coach dem jungen Jonas Hofmann eine Pause gönnen wollen.

Die Breite des Mainzer Kaders ist von Vorteil

Die Breite des Mainzers Kaders ist von Vorteil in dieser englischen Woche, die am Freitagabend mit dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim endet. Auch Verletzte lassen sich kompensieren. Da sind mit Nikolce Noveski, Nico Bungert und Philipp Wollscheidt am vergangenen Samstag drei Innenverteidiger ausgefallen. Da sprang wie selbstverständlich Gonzalo Jara ein mit einer bärenstarken Leistung. Wenn der chilenische WM-Spieler fit und frisch ist, dann sieht man ihm seine internationale Erfahrung an. Jara verteidigte gegen Klassestürmer wie Pierre-Emerick Aubameyang, Adrian Ramos oder Ciro Immobile nahezu fehlerfrei, souverän am Boden und in der Luft. Und das galt auch für Stefan Bell, der ja bei der Eintracht mal als Leihspieler über die Ersatzbankrolle nicht hinausgekommen ist unter Armin Veh.

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Klar ist: Es wird intensiv in Frankfurt, es wird physisch, es wird laut in der Frankfurter Arena. Eine nette Prüfung für Kasper Hjulmands Entwicklungsprojekt. Auch und gerade nach dem Überraschungscoup gegen Jürgen Klopps Dortmunder.