Rehberg: Erneut absurde Videobeweis-Entscheidungen

Der Videoschiedsrichter sorgte auch am ersten Spieltag der Bundesliga wieder für reichlich Diskussionsstoff. Foto:dpa

Die WM 2018 hatte den Beleg geliefert, dass man mit dem Videobeweis verantwortlich umgehen kann. Wenn man den Einsatz dieses Hilfsmittels extrem reduziert. Nach dem Auftakt der...

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. Das Leben lehrt: Gute Vorsätze werfen wir schnell über den Haufen. Ich hatte mir auferlegt, in dieser Saison nicht mehr so häufig über die Schiedsrichter und den Videobeweis zu philosophieren. Dann ist der erste Spieltag im Kasten. Und man kommt an dem leidigen Schiri-Thema überhaupt nicht vorbei. Eltern sagen ihren Kindern oft: Herrgottnochmal, könnt ihr nicht einmal machen, was man euch sagt?!

Die WM 2018 hatte den Beleg geliefert, dass man mit dem Videobeweis verantwortlich umgehen kann. Wenn man den Einsatz dieses Hilfsmittels extrem reduziert. Das Turnier in Russland hat gezeigt, dass bei diesem Thema Zurückhaltung ein Fortschritt ist. In der Bundesliga durfte man die Hoffnung haben, dass die deutsche Schiri-Zunft durch die WM tragfähige Leitplanken geliefert bekommen hat. Was ist passiert: Der erste Spieltag lieferte schöne Sportgeschichten – diskutiert wird aber in erster Linie über diverse absurde Videobeweis-Entscheidungen.

Schlagzeilen gehören den Hauptdarstellern auf dem Rasen

Die Schlagzeilen sollten den Hauptdarstellern auf dem Rasen gehören. Etwa Hendrik Weydandt. Ein 23 Jahre alter BWL-Student, der vor vier Jahren noch in der Kreisliga gekickt hat, der nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen hat, der von einem ländlichen Regionalligisten in das U23-Regionalligateam von Hannover 96 geholt worden ist, der im Bundesligaspiel in Bremen eingewechselt wird, nach einer Minute auf dem Feld seinen ersten Treffer in der Eliteliga erzielt – und nun einen Profivertrag erhält. Der Ablauf: Ein Lückenpass, Weydandt schaut zum Linienrichter, die Fahne bleibt unten, der Stürmer schiebt dem Torwart die Kugel durch die Beine, noch ein Blick zur Seitenauslinie, die Fahne ist immer noch unten. Tor. Und der Student, ein riesiger Kerl, ist so geschockt, dass er nicht mal ausgelassen jubeln kann. Ein Kindheitstraum ist wahr geworden. Diese Geschichten wollen erzählt, gewürdigt und gefeiert werden.

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Stattdessen diskutieren wir schon nach dem ersten Spieltag wieder nur über die Stümpereien der Regelhüter und deren Kontrolleure im Kölner Technikkeller. Bayern – Hoffenheim: Ribéry bekommt einen Strafstoß geschenkt (ohne Video-Überprüfung), Goretzka wird ein reguläres Tor aberkannt nach Video-Überprüfung (Müller fälschte ab mit angelegtem Arm). Berlin – Nürnberg: Schiri überprüft am Videoschirm das 1:0 wegen einer kleinen Rempelei zwei Aktionen vor der Flanke auf Siegschütze Ibisevic. Wolfsburg – Schalke: Der fachlich und emotional überforderte Schiri Ittrich verliert nach zwei (unnötigen) Video-Korrekturen die Kontrolle über das Spiel. Mainz – Stuttgart: Schiri gibt einen Elfmeter nicht, obwohl er die gut erkennbare Hand-Aktion des VfB-Verteidigers Insua am Videoschirm überprüft hat.

Das ist zu viel der Ärgernisse. Viele der deutschen Schiedsrichter wirken nicht souverän. Und sie wirken nicht gut unterstützt vom Kontrollraum. Die Überprüfer in Köln sind nach wie vor in den falschen Momenten entweder passiv oder zu aktionistisch. Nun fordert der ehemalige Weltmeister Thomas Berthold die Abschaffung der Videoassistenz. Das Fachmagazin „kicker“ spielt die Einbeziehung von erfahrenen Ex-Profis im Kölner Keller. Nein, das sind nicht die nötigen Maßnahmen. Die Schiris und die Kontrolleure müssen „nur“ das tun, was festgelegt worden ist: Eingriff nur bei klaren Fehlentscheidungen in den Bereichen irregulär erzielte Tore (Abseits, Foulspiel, Hand), fragwürdige Elfmeterszenen und übersehene, nicht angemessene oder dem falschen Spieler zugeordnete Rote Karten. Auslegungsfragen stehen nicht auf der Überprüfungs-Agenda. Man fragt sich, was daran so schwer zu verstehen und geländegängig umzusetzen ist.